Wenn man nach dem einflussreichsten deutschen Vereinstrainer der letzten zehn Jahre fragt, fällt sein Name fast wie aus der Pistole geschossen: ​Jürgen Klopp. Mit ​dem Gewinn der ​Champions League mit "seinem" ​FC Liverpool im vergangenen Mai ist er endgültig im Olymp der Fußball-Trainer angekommen. Wirkliche Zweifel daran konnte man eigentlich nie haben. 


Geboren wurde Jürgen Klopp vor 52 Jahren in Stuttgart. Im Ländle also, wo das "Schaffen" schon immer höher bewertet wurde als das "Genießen". Genuss ist zwar auch erlaubt - aber: erst die Arbeit, dann (vielleicht) das Vergnügen. Als Spieler war "Kloppo" wahrlich kein Ästhet. Aber er sah den Fußball schon während seiner aktiven Zeit als Spieler mit den Augen eines Trainers. Zeitgenossen wussten es deshalb damals schon: der wird mal Trainer. 


Beginn in Mainz


Am 28.Februar 2001 war es dann soweit: als Zwischenlösung für den geschassten Eckard Krautzun gedacht, installierten die "05er" einen Spieler aus den eigenen Reihen als Cheftrainer. Und aus der vermeintlichen Verlegenheitslösung wurde eine Dauerkonstellation: Klopp blieb sieben Jahre am Bruchweg. Steckte die traumatischen, weil denkbar knappen Fastaufstiege weg. 2002 fehlte ein Punkt, 2003 ein Tor. Andere Mannschaften, mit anderen Trainern, wären daran vielleicht zerbrochen. Nicht so Klopp und die seinen: du fliegst auf die Fresse - also steh auf. Du fliegst zweimal auf die Fresse - also steh zweimal auf. 


Auch hier offenbarte sich schon eine weitere Konstante in Klopps Leben: die Beharrlichkeit. Im dritten Anlauf, 2004, klappte es endlich: der selbsternannte Karnevalsverein zog zum ersten Mal in seiner Geschichte in das Oberhaus des deutschen Fußballs. Und sie waren gekommen, um zu bleiben. 2006 gelang sogar, wenn auch "nur" über die UEFA-Fairplay-Wertung, der Einzug in den UEFA-Cup (heute Europa League). Mainz stieg 2007 wieder in die 2. Bundesliga ab. Einen zweiten Aufstieg unter Klopp gab es nicht. 


Wechsel nach Dortmund


Der hatte bereits im April 2008 angekündigt, seinen Leib-und Seelen-Verein im Falle eines Nichtaufstieges zu verlassen. Am Ende war es wieder denkbar knapp, doch Mainz blieb im Unterhaus. Und Klopp ging nach Dortmund. Bei Schwatz-Gelb hatte sich in den Post-Sammer-Jahren so etwas wie resignierender Fatalismus eingeschlichen. Man träumte von den alten glorreichen Zeiten, und sah der Zukunft eher bang entgegen. Auch ein emotionaler Trainer wie Thomas Doll konnte da (scheinbar) nichts mehr bewegen. Als Klopp am 1. Juli 2008 seine Arbeit beim BVB aufnahm, erwartete eigentlich keiner mehr im Verein irgendwelche Wunderdinge. 


Doch die geschahen. Denn Klopp hauchte dem totgesagten Klub neues Leben ein. Aus einem Abstiegskandidaten formte er in Rekordzeit ein Team für das obere Drittel der Tabelle. 2009 wurde ihm und seinem Team als sechster der Endtabelle zwar noch der Einzug in das internationale Geschäft verwehrt, aber schon damals war abzusehen: da wächst etwas heran. Kuriosum am Rande: Fünfter (und damit zur Teilnahme an der Europa League berechtigt) wurde 2009 ausgerechnet der HSV. Also der Klub, bei dem Jürgen Klopp nach seiner Mainzer Zeit liebend gerne zu arbeiten angefangen hätte. Doch seltsame Anwandlungen bei den Entscheidungsträgern des HSV (die sich über seine Löcher in den Jeans oder den Dreitagebart mokierten) ließen Klopp einen Rückzieher machen. 


Statt Hamburg also der Kohlenpott. Und schon 2010 war der BVB wieder für die internationalen Wettbewerbe qualifiziert. Und es wurde immer besser: 2011 und 2012 holte Klopp die Meisterschale ins Revier. Jürgen Klopp war nunmehr endgültig in der Riege der Erfolgstrainer angekommen. Und beinahe hätte es sogar zum ganz großen Wurf gelangt. Doch das deutsche Finale von Wembley 2013 ging knapp an die Bayern. Seit jenen Jahren wurde Klopp immer wieder mit den ganz großen der Branche in Verbindung gebracht. Real Madrid fragte immer mal wieder an, die Bayern sowieso. 


Krönung seiner bisherigen Laufbahn beim FC Liverpool


Doch wohin ging Klopp? Zu einem anderen großen Klub in schwierigen Zeiten: dem​ FC Liverpool. Analog zu seiner Zeit beim BVB machte er den alten roten Kahn am Mersey River jedes Jahr ein wenig seetüchtiger. Bis zum Frühjahr 2019. Halbfinale gegen den FC Barcelona. Das Hinspiel geriet zu einer Gala des Lionel Messi, der zwei Treffer beisteuerte: 3:0 gewann Barça und kaum einer in Liverpool hatte noch Hoffnung auf die Wende. Doch wie es der Ex-Dortmunder Kirch einmal formulierte: "Das ist ja das Verrückte: du glaubst es einfach." 


Mantraartig hatte Klopp die seinen immer wieder eingeschworen. Dass an jenem Abend sowohl Salah als auch Firmino nicht mit von der Partie waren - keine Ausrede für Klopp. Und tatsächlich schafften die Reds in einer der magischsten Nächte von Anfield das Wunder: mit 4:0 schickten sie den spanischen Champion nach Hause, und nun lag nur noch ein einziges Spiel zwischen Klopp und dieser Trophäe, die für eine Trainer-Karriere manchmal entscheidend sein kann. Liverpool und Klopp gingen auch diesen letzten Schritt, holten zusammen den insgesamt sechsten Henkelpott in die englische Hafenstadt. "Let´s talk about six, Baby", stimmten sie bei der Fahrt durch das "Rote Meer" (dem Autocorso durch die Liverpooler Innenstadt) an. Klopp ist seitdem angekommen. 

James Milner,Jordan Henderson,Jurgen Klopp,Georginio Wijnaldum,Joe Gomez,Trent Alexander-Arnold

Triumphzug durch das "Rote Meer": 750.000 Menschen feiern den LFC und seinen Trainer


Ein Trainer wie eine Urgewalt. Ein Mann, der dich um vier Uhr morgens aus dem Bett holen und davon überzeugen kann, dass du in zehn Minuten den besten Wettkampf deines Lebens bestreitest. Ein Menschenfänger im positiven Sinne. Sicherlich auch mit einigen Schwächen (wer ist frei davon?), die sich bisweilen in ungeduldiger Grobheit gegenüber Medienvertretern (oder auch gerne Linienrichtern) entladen. Aber weltweit gibt es momentan wohl kaum einen besseren Trainer als Jürgen Klopp.