​Wow! Eine solche Pressekonferenz hat man selbst beim stets für eine Meldung guten ​FC St. Pauli in dieser Form noch nicht erlebt. ​Jos Luhukay (55) gab am Wochenende Einblicke in das Seelenleben eines Fußballtrainers - und zerlegte dabei ganz nebenbei seinen eigenen Klub.


Zu Beginn schien es die typische Bestandsaufnahme eines Trainers zu werden, der unmittelbar vor Saisonbeginn (der Kiezklub muss heute, 20.30 Uhr, bei Arminia Bielefeld ran) darauf hinweist, dass die Planungen noch nicht abgeschlossen seien und man deshalb die Erwartungen etwas runterschrauben solle. 


Erst die aktuelle Bestandsaufnahme...


"Nach fünf Wochen Vorbereitung steht die Erkenntnis, dass wir noch längst nicht fertig sind", begann Luhukay seine Einschätzungen zum aktuellen status quo seiner Mannschaft. Nicht weiter verwunderlich, schließlich haben die Verantwortlichen um Präsident Oke Göttlich und Sportvorstand Andreas Bornemann sich bislang doch sehr dezent zurückgehalten, was Neuverpflichtungen angeht. Erst vier Spieler hat der Kiezklub für die anstehende Spielzeit verpflichtet. Drei von ihnen sind aktuell verletzt! 


Da kann ein Trainer schon mal etwas nervös werden. Zumal die Erwartungen rund um den Klub traditionell hoch sind. Um den Aufstieg mitzuspielen - das ist das Ziel der Braun-Weißen. Für Luhukay maßlos übertrieben: "Es ist ein hammerschwerer Weg für uns! Es ist für St. Pauli unmöglich, unter die ersten Vier zu stoßen in dieser Saison. Alles über Platz neun wäre ein großer Erfolg!" 


...dann die Generalkritik an der Mentalität im Klub


Rumms! Doch damit nicht genug. Neben der substanziellen Generalkritik an den sportlichen und planerischen Entwicklungen der letzten Wochen, monierte Luhukay auch die Gesamtmentalität des Klubs - und das in nicht gerade blumigen Worten. "Bei St. Pauli gibt es zu viel Bequemlichkeit, zu viel Komfortzone, alle sind zu nett zueinander", schimpfte Luhukay. "Das gilt für alle Bereiche in diesem Verein. Das sollte man in den Müll werfen. Dieser Klub benötigt eine Mentalitätsveränderung, eine höhere Intensität – im Scouting, im Nachwuchs, überall." 


Schon bemerkenswert: Luhukay ist erst seit gut dreieinhalb Monaten im Amt. Andererseits sollte sich ein jeder Arbeitgeber freuen über einen Mitarbeiter, der keine Scheu davor hat, auch unbequeme Wahrheiten zu benennen. Und dass beim FCSP in den letzten Jahren absolut alles richtig gemacht wurde, kann man schon aufgrund der objektiven Daten widerlegen. Zu oft stand die sportliche Entwicklung der Mannschaft den großen Zielen des Vereins nahezu diametral gegenüber. 


Ein Hamburger Problem: Die Ankündigungsriesen werden zu schnell zu Umsetzungszwergen. Davon kann man ein paar Kilometer weiter westlich, wenn auch auf anderem Niveau, ebenfalls ein Lied singen. 

Wie reagiert der Klub auf die schonungslose Kritik?


Der Weg, den der Niederländer jetzt eingeschlagen hat, ist sicherlich nicht ungefährlich. Andererseits hat er sich in den vergangenen Jahren einen derart guten Ruf erarbeitet, dass sein Wort vielleicht genug Gewicht hat, um beim FC St. Pauli auch auf fruchtbaren Boden zu fallen. Dennoch wird natürlich ein Jos Luhukay nicht allein diesen Mentalitätswechsel herbeiführen können. In den kommenden Wochen und Monaten wird es interessant sein zu beobachten, ob seine Worte den gewünschten Effekt haben. Sportliche Argumente in Form von Siegen und Punkten werden notwendigerweise hinzukommen müssen. Ansonsten wird ein eventueller Nachfolger Luhukays in ein paar Monaten vor denselben Problemen stehen.