Es sind die verschiedenen Persönlichkeiten, die den Fußball zu dem machen, was er ist. Niemand möchte nur geleckte Profis auf dem Platz sehen. Wir möchten die Typen, die anecken. Wir wollen Montagmorgen im Büro, der Schule oder sonst wo über die Eklats des Wochenendes reden, darüber diskutieren und streiten. Doch es scheint, als würden diese Diskussionen abschweifen. Statt wie früher über Persönlichkeiten wie Ballack, Gattuso oder van Bommel zu reden, muss sich der heutige Fußballfan mit streikenden Profis abgeben. Und jetzt mal ehrlich: Das nervt!


Jeden Sommer geht es von Neuem los. Trotz langfristigem Vertrag entscheidet sich irgendein Spieler, doch viel lieber für einen anderen Verein spielen zu wollen. Schließlich träumte man schon früher von dem heimlichen Herzensklub und schlief bereits als Kind unter der Bettdecke in den Farben des bald-hoffentlich-vielleicht-Vereins.


Doof nur, dass man zumeist noch vertraglich an seinem aktuellen Verein gebunden ist. Wie blöd aber auch. Diese Verträge immer, bei denen sich viele Vereine viel Mühe gemacht haben, um den Spieler halten zu können. Die den Spieler zu einem Teil des Klubs machen. Die einem Halt geben, sogar Sicherheit. Aber man möchte doch so viel lieber wechseln! Bestenfalls heute noch.


Das Streikrecht wird missbraucht


Der Profi von heute braucht also ein Mittel, um so schnell wie möglich aus diesem Vertrags-Wirrwarr herauszukommen. Es muss sofort ein Tapetenwechsel her. Also wird zunächst mal vorsichtig beim Verein angefragt. Braucht man mich noch? Plant man mit mir? Ermöglicht man mir einen Wechsel? Moment, was? Ich habe noch drei Jahre Vertrag hier und habe erst vergangenen Herbst meinen Kontrakt verlängert? Ein Wechsel ist nicht möglich? Und jetzt?


Also auf zu Plan B, in Fachkreisen auch "streiken" genannt. Wenn der Verein mich nicht freiwillig abgeben möchte, muss halt mein Wechsel erzwungen werden. Also den Kontakt abbrechen, keine Teilnahme am Training mehr, keine Werbeveranstaltungen - kurzum: einfach mal abtauchen.


So geschehen im Sommer 2017. Wirklich jeder Fußballfan wird sich an den Streik von dem damaligen BVB-Profi Ousmane Dembele erinnern, der unbedingt zum ​FC Barcelona wechseln wollte. Nur hatte der ​BVB leider etwas dagegen und berief sich auf den Vertrag zwischen Spieler und Verein. Es folgte eine Schlammschlacht und ein Streik des Franzosen.

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Erfolgreich nach Barca gestreikt. Streik, Teil 1: Ousmane Dembele



Diese Sommerpause erlebt man ein Déjà-vu. Mit Antoine Griezmann und Neymar streiken gleich zwei internationale Schwergewichte, um einen Wechsel zu erzwingen. Lustigerweise hat in allen drei Fällen Barcelona die Finger im Spiel – auch nicht die feine englische Art der Katalanen.

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Wohl auch erfolgreich nach Barca gestreikt. Streik, Teil 2: Antoine Griezmann



Allerdings stößt mir vielmehr das neue Selbstverständnis der Spieler sauer auf. Anscheinend ist der neuen Spielergeneration ein Vertrag egal geworden oder wird nur einseitig betrachtet. Der Wert einer Spieleranstellung ist gesunken. Ist man unzufrieden, geht man sofort in den Streik. Damit missbraucht man auch den Zweck eines Streikes beziehungsweise überspannt den Bogen. Denn sicherlich hat ein Streik den Hintergrund, für bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen, jedoch entwickelt sich der Streik im heutigen Profizeitalter zu einer kindischen Trotzreaktion.

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Wömoglicher Rückkehrstreik incoming. Streik, Teil 3: Neymar



Im heutigen Zeitalter des Fußballs scheinen die Verträge an Macht verloren zu haben. Nur weil ein Verein einen Spieler vertraglich bindet, heißt es anscheinend nicht, dass der Spieler sich ebenso an den Verein hängt.


Es mag Gründe geben, warum ein Spieler den Verein wechseln möchte, seien es familiäre, finanzielle oder karrierefördernde Gründe. Doch die aktuellen Streikfälle erinnern eher an die Kindergartenzeit, wo man schmollend in die Ecke ging, wenn einem der Wunsch nicht sofort erfüllt wurde.


Viele Spieler haben den Respekt vor dem Verein und dem Vertrag verloren, sie sehen sich als Einzelkämpfer und als Zentrum der Welt. Der aktuelle Verein schaut dabei häufig in die Röhre und sieht sich irgendwann dazu gezwungen, den Spieler tatsächlich zu verkaufen. Die streikenden Spieler haben also auch noch Erfolg mit ihrem Gehabe.


Und genau das ist das falsche Signal. Streik sollte nicht mehr als unmoralisches Mittel gebraucht werden dürfen, um einen Wechsel zu erzwingen. Die europäischen Vereine sollten sich im Optimalfall kollektiv zusammentun und entschlossen gegen den Missbrauch des Streikrechts vorgehen. Den Spielern sollten ihre Grenzen aufgezeigt werden.


Die Klubs müssen die Größe beweisen, die die Spieler nicht haben!


Der BVB 2017 und auch Atletico Madrid in der Agenda Griezmann dieses Jahr gingen bereits mit einem guten Beispiel voran. Beide Klubs blieben hart und vertraten weiter fest ihren Standpunkt. Sie ließen sich nicht unter Druck setzen und behielten in den Verhandlungen weiter die Oberhand. Dies ist eine gelungene Gegenreaktion auf die streikenden Profis. Ich möchte keinesfalls die Möglichkeit des Streikens anzweifeln, im Gegenteil, ich sehe das Streikrecht als hohes Gut in unserer Gesellschaft an. Aber gerade deshalb bin ich auch so enttäuscht, wenn sich ein Profi aus seinem Verein herausstreikt.


Es bleibt zu hoffen, dass die Vereine auch in Zukunft standhaft bleiben und den Stellenwert eines Vertrages wieder anheben. Denn ich würde gerne wieder über die Gattusos, Ballacks und van Bommels reden, anstatt über das kindische Verhalten der Dembeles, Griezmanns und Neymars.