​Man stelle sich einen ehemaligen Fallschirmjäger und Boxer vor, der sich als Trainer des amtierenden Deutschen Meisters ​Bayern München an der Säbener Straße präsentiert - und dann steht einem ein 1,65 Meter "großes" und 55 Kilogramm "schweres" Männchen gegenüber. Es ist nicht übermittelt, was die Bayern-Spieler um Franz Beckenbauer, Sepp Maier und Gerd Müller in diesem Moment gedacht haben. Doch was es auch immer gewesen sein mag - ​Dettmar Cramer (1925 - 2015) sollte für sie alle eine prägende Figur in ihrer Laufbahn werden. 


Cramer führt Bayern in seine erfolgreichste Ära


Erstaunlicherweise wirkte Cramer nur knappe drei Jahre beim FC Bayern (vom Januar 1975 bis zum Dezember 1977), doch unter seiner Ägide formte er den Klub, der bei seinem Amtsantritt noch in Abstiegsgefahr schwebte, zu dem Top-Klub in Europa. 


Nicht nur, dass er den Europapokal der Landesmeister (den Vorgängerwettbewerb der Champions League) im Mai 1975 erfolgreich verteidigte - er holte ein Jahr später auch den dritten Henkelpott nacheinander nach München. Der Ära Ajax (Sieger von 1971 bis 1973) folgte somit die Ära der Bayern. 1976 holte er sogar erstmals den Weltpokal in die bayrische Landeshauptstadt. 


Der Fußballprofessor


Scharen von Reportern aus aller Welt kamen plötzlich an die Säbener Straße und wollten mit eigenen Augen sehen, wie dieser körperlich zarte Trainer eine Mannschaft binnen weniger Monate wieder auf Vordermann gebracht hat. 


Und Cramer tat das, was er am besten konnte: über Fußball dozieren. "Fußball ist ein Spiel aus Raum und Zeit" lehrte er die versammelte Journaille. Wenn er so den Fußball bis in seine Tiefen analysierte, wirkte er schon gar nicht mehr so zart besaitet. Sein Amtsvorgänger Udo Lattek hatte noch geunkt, dass der sensible Cramer im rauhen Fußball-Geschäft zerbrechen könnte. 


"Angst kenne ich nicht!"


Doch weit gefehlt. "Angst kenne ich nicht", hat Cramer einmal gesagt und dieser Maxime immer Taten folgen lassen. Zur Saison 1974/75 hatte er bereits im Januar 1974 einen Vertrag bei der Berliner Hertha unterschrieben. Am 9. Juli dieses Jahres trainierte er die Berliner zum ersten Mal - um einen Tag später seinen Vertrag wieder aufzulösen. Einen Tag Bundesliga-Trainer! Das haben selbst alle HSV-Trainer nicht hingekriegt. Hintergrund war wohl Cramers Weigerung mit dem damaligen Hertha-Manager Wolfgang Holst zusammenzuarbeiten (so jedenfalls berichtete damals Der Spiegel). Holst war nämlich in den Bundesligaskandal verwickelt und vom DFB gesperrt worden. Anderen Quellen zufolge war Cramer mit der Personalpolitik der Hertha nicht einverstanden. Sein vorgebrachtes Motiv ("zwingende persönliche Gründe") ließ jedenfalls Raum für Spekulationen. 


Statt sich danach in Deutschland nach anderen Vereinen umzusehen, ging Cramer in die USA und wurde dort Nationaltrainer. Doch dann kam der Anruf aus München. Die Amerikaner pochten auf Einhaltung des Vertrages. Der war aber wahnwitzigerweise nicht schriftlich fixiert. Die Entschädigungsforderung von umgerechnet zehn Millionen US-Dollar zogen die Amerikaner schließlich zurück - und Cramer landete wieder in Deutschland. 


Für Rummenigge wie ein Vater


Mit seiner akribischen, ruhigen Art gewann er schnell das Vertrauen der Anführer im Bayern-Kader. Gerd Müller lobte: "Cramer ist für uns ein Geschenk des Himmels." Sein Gespür bei der Auswahl neuer Spieler war todsicher. Mit Niedermayer, Junghans, Janzon, Hormann und Augenthaler sollten in den kommenden Jahren zu Stützen der Mannschaft werden. Nach dem Abgang seines verlängerten Arms Franz Beckenbauer in die USA, wuchs Cramers Einfluss innerhalb des Vereins. Für kurze Zeit war er sogar Trainer und Manager in Personalunion. 


Tag und Nacht arbeitete er wie besessen an Spielanalysen und Beobachtungen des kommenden Gegners, wurde en passant zu einer Vaterfigur für den jungen Karl-Heinz Rummenigge. Und immer wieder diese ruhige, sachliche Art. Fast wie ein Psychiater konnte er die Mannschaft während der Halbzeitpausen beruhigen und auf ihre Aufgaben im zweiten Abschnitt vorbereiten. Bis zu seinem Tode blieb Cramer mit vielen Bayern-Spielern verbunden. 

Am 17. September 2015 schlossen sich Cramers Augen für immer. Emotionale Elogen auf ihn wären ihm sicherlich auch auf seiner eigenen Beerdigung ein Gräuel gewesen, und er hätte sie mit seinem vielzitierten "geistigen Dünnschiss" abgetan. Cramer war kein Romantiker oder Träumer, sondern in erster Linie ein besessener und akribischer Arbeiter. Doch vor allem war er bis zuletzt Mensch geblieben.