Quo vadis, ​FC Bayern? Nach dem Double-Gewinn wurde an der Säbener der Umbruch auserkoren, doch in der Offensive stockt der noch gewaltig. Aber vor der neuen Spielzeit lohnt auch ein Blick auf die Planungen in der Abwehr - vor allem nach dem Abgang von Mats Hummels und dem neuen Weltmeister-Duo Hernandez/Pavard. Wir durchleuchten mal, ob hier nicht sogar eine Systemumstellung die beste Lösung wäre.


Bixente Lizarazu hat in seiner Karriere alles gewonnen: Der Welt- und Europameister wurde in seiner Zeit beim FC Bayern (273 Pflichtspiele) sechsmal Deutscher Meister, fünfmal DFB-Pokalsieger und gewann 2001 die Champions League. Heute ist der 49-Jährige als Klubrepräsentant für den Rekordmeister tätig.


Im Interview mit dem kicker sprach Bayerns Linksverteidiger-Legende natürlich über seine beiden Landsleute Lucas Hernandez und Benjamin Pavard, die in der kommenden Saison beim FCB aufschlagen. Lizarazu deutete dabei zumindest leichte Zweifel an.


Und zwar aufgrund der Planungen an der Säbener Straße. Nach dem ​Verkauf von Mats Hummels und dem weiter wahrscheinlichen Abgang von Jerome Boateng, sind Hernandez und Pavard wohl vorrangig als Innenverteidiger eingeplant. Vor diesem Hintergrund verstehe er den Verkauf von Hummels nicht. "Auch wenn Niklas Süle viel Potenzial hat, würde ich nicht mit ihm plus Pavard und Hernandez in die Saison gehen. Neuzugänge brauchen Minimum fünf, sechs Monate zur Eingewöhnung. Da sind zu viele Fragezeichen", so Lizarazu.

Gerade bei Pavard hegt er Zweifel, ob er sich in München etablieren kann, er müsse zwei Schritte machen: "Pavard muss sich natürlich steigern, um bei Bayern spielen zu können. Er muss viel dafür tun. Technisch ist er zwar stark und leichtfüßig, er spielt gute Pässe. Aber seine Entwicklung ging seit der WM 2018 zurück, seither wurde es weniger, auch in der französischen Nationalmannschaft. Er lieferte nur noch Durchschnitt ab." 


Und auch bei Hernandez wisse er nicht, ob dieser auch "innen internationale Topklasse darstellt". Für Lizarazu sei Hernandez vor allem "eine sehr gute Nummer drei, also ein linker Außenverteidiger mit Stärken in der Defensive wie in der Offensive. Diese Kombination ist bei den heutigen Linksverteidigern eine Ausnahme, die meisten sind nur nach vorne gut. Ich mag seine Spielweise sehr, sie erinnert mich ein wenig an die Art, wie ich früher meine defensiven und offensiven Aufgaben erfüllte."


Er sehe sowohl Pavard als auch Hernandez "zuallererst in der Außenverteidigung". Im Zentrum bevorzuge er dagegen "große Spieler wie van Dijk vom FC Liverpool mit seinen über 1,90 Meter" oder eben einen Typen wie Niklas Süle. Hernandez dagegen ist nur 1,80 Meter groß. 


Hat sich der FC Bayern "verplant"?


Die Bedenken von Lizarazu sind durchaus nachzuvollziehen: Beide Neuzugänge für die Abwehr haben zuletzt meist oder gar ausschließlich als Außenverteidiger agiert - ohne Jerome Boateng und einem eventuellen Neuzugang (​Kabak?) stünde mit Süle nur ein "waschechter" Innenverteidiger im Kader.


In der Bundesliga wäre es wohl ein leichtes das zu kompensieren - sowohl mit Hernandez als auch mit Pavard. Zur Not könnte auch Javi Martinez in der Viererkette spielen. Doch beim FC Bayern will man schließlich auch im Konzert der ganz großen mitspielen, sprich in der Champions League so weit wie möglich kommen.


Dreierkette als "perfekte Lösung"?


Genau deshalb sollte Trainer Niko Kovac vielleicht sogar über einen Systemwechsel nachdenken. Der müsste nicht permanent sein, aber könnte vor allem in den großen Spielen weiterhelfen. In Frankfurt hat er schließlich schon sehr erfolgreich mit einer Dreierkette spielen lassen.


Schaut man auf die Spielertypen, wäre der FCB mit drei zentralen Abwehrspielern und zwei vorgezogenen Außen sehr gut aufgestellt. Kimmich und Alaba könnten ihre Offensivqualitäten noch besser ausspielen, Niklas Süle den zentralen Abwehrchef geben (wie zuletzt auch im Nationalteam). Mit Pavard und Hernandez hätte man dann eben jene "Hybridspieler" als linker und rechter Innenverteidiger neben Süle. Ihre Stärken würden so wohl perfekt zur Geltung kommen.

Die taktischen Variabilität würde sich zudem nochmal deutlich erhöhen: Je nach Situation könnte man leicht auf Viererkette umstellen - Kimmich oder Alaba nach innen schieben.

Dominante Bayern: Hernandez und Pavard werden offensiv zu Außenverteidigern, Alaba und Kimmich "überladen" das Mittelfeld, in dem sie nach innen rücken


Ganz flexibel wäre hier auch das Offensivspiel, bei dem man ganz Guardiola-like die Außenverteidiger nach innen schicken könnte und Hernandez und Pavard entsprechend "breit" gehen würden. Im Gegenpressing wäre ein extrem hohes Anlaufen der Außenverteidiger möglich - die übrige Defensivreihe würde als "pendelnde Viererkette" einfach nachschieben.

Die pendelnde 4er-Kette als Möglichkeit, früh Druck auf den Gegner auszuüben*


Möglichkeiten hätte Kovac hier also zuhauf. Doch auch bei einer solchen Formation bleibt die Frage nach den Backups - außer Javi Martinez hätte man keinen wirklichen Ersatz, sollte einer der Fünf (Alaba, Hernandez, Süle, Pavard, Kimmich) mal ausfallen. Zudem würde bei einer solchen Formation auch ein Offensivspieler gestrichen werden müssen. 


* Anmerkung: Die Darstellungen dienen vor allem als Anschauung und sind natürlich sehr vereinfacht.