​Ob sie zu Glorreichen werden, bleibt abzuwarten - aber seit heute hat der ​Hamburger SV sieben ​Neuzugänge für die kommende Spielzeit 2019/20 verpflichtet. Sieben Spieler, sieben Schicksale, sieben Mal die Hoffnung, dass nun wieder alles besser wird. Bei sieben Neuen indes wird es angesichts des eingeschlagenen Rhythmus' nicht bleiben. Die ersten Wochen unter dem neuen sportlichen Führungsduo Boldt/Hecking haben den Optimismus in Hamburg neu entfacht.


Vom Winter an (Kinsombi, Dudziak, Gyamerah) über den Frühling (Hinterseer) bis in den Sommer (Kittel, Fein, Heuer Fernandes) hat der HSV Weichenstellungen für die kommende Spielzeit und - wenn möglich - darüber hinaus betrieben. Auf der Seite der Abgänge stehen mit Leo Lacroix, Lewis Holtby, Hee-Chan Hwang, Pierre-Michel Lasogga, Fiete Arp und Mats Köhlert bislang sechs feststehende Namen. Weitere Spieler wie Julian Pollersbeck, Gotoku Sakai, Gideon Jung und Rick van Drongelen, sowie die im zweiten Glied befindlichen Matthias Steinmann und Finn Porath haben ebenfalls schon kommuniziert bekommen, dass man mit ihnen nicht mehr unbedingt plant. Und bislang noch weiter hinten in der Reihe stehende Prätendenten wie Patric Pfeiffer (Darmstadt) und Aaron Opoku (Hansa Rostock) erhalten jetzt in der Zweiten respektive in der Dritten Liga die Chance, sich regelmäßig auf Wettkampfniveau zu zeigen. 


Expertise und Erfahrung statt Experimente


Das Experiment, als solches muss man es betiteln, mit einer relativ unerfahrenen sportlichen Leitung in die erste Zweitliga-Saison zu gehen, war zwar charmant und fand allenthalben seine Zustimmung, aber es ist misslungen. 


Das haben die beiden hauptsächlich Verantwortlichen (Sportdirektor Ralf Becker und Trainer Hannes Wolf) in der eigenen Aufbearbeitung der Saison auch gar nicht geleugnet. Zu jung sei der Kader vielleicht von Anfang gewesen. Und danach habe man gewissen Strömungen in der Mannschaft nicht rechtzeitig entgegengesteuert. Zwei Fehler, die - von der Substanz her - schon jeder für sich tödlich verlaufen wäre. In der Summe konnte der HSV eigentlich gar nicht aufsteigen. Das etwas tolpatschige Krisenmanagement Beckers rund um die Beurlaubung von Hannes Wolf ("Ja, er bleibt Trainer - vielleicht!") im Mai hat dann das Fass zum Überlaufen gebracht. Für beide wurde wieder im höheren Regal der Bundesliga nach Ersatz gesucht - und in Jonas Boldt (vorher ​Bayer Leverkusen) und Dieter Hecking (vorher ​Borussia Mönchengladbach) auch gefunden. 


Radikalerer Umbruch als letztes Jahr


Auch, dass man im Vorfeld der letzten Saison zu viele der alten Zöpfe drangelassen hat, hat bei den ersten Gegenwinden in der Hinrunde gleich wieder für den hsv-typischen Fatalismus in der Fan-Gemeinde gesorgt, demzufolge "sich hier eh nichts ändert". 


Jetzt ist der HSV wieder dabei, sich auf eine Zweitliga-Saison einzustellen. Doch diesmal scheint er sich der Bedeutung des Begriffs "Zweitliga-Fußball" zum ersten Mal ernsthaft gestellt zu haben. ​Alle sieben Neuzugänge stammen aus der Zweiten Liga. Somit kann von ihnen auch keiner mehr überrascht sein über die rustikale Gangart im Unterhaus. 


In der vergangenen Spielzeit schien das einige Male der Fall zu sein. Nur mal so am Rande: die Anzahl der aus der Zweiten Liga verpflichteten Spieler des HSV im letzten Jahr war: eins. Lediglich Khaled Narey (Greuther Fürth) kam für kleines Geld von einem der Liga-Konkurrenten. David Bates (Schottland), Léo Lacroix (Frankreich), Hee-Chan Hwang (Österreich) und Jairo Samperio (Spanien) kamen sogar von außerhalb Deutschlands. Ja, woher sollen die auch die deutsche Zweite Liga kennen?  Mit Orel Mangala und Berkay Özcan (VfB Stuttgart) sowie Manuel Wintzheimer waren auch die deutschen Neuzugänge keine Kenner des Bundesliga-Unterhauses, genauso wenig wie England-Rückkehrer Pierre-Michel Lasogga, auch wenn der aus einer Zweiten Liga, der englischen, kam.  


Es schien, als wolle der HSV mal so eben nebenbei aufsteigen. Der Ausgang ist bekannt: vor allem aufgrund einer katastrophalen Rückrunde verpasste der Dino den Wiederaufstieg. 

Doch seit dem 12. Mai dieses Jahres (der Tag, an dem in Paderborn alle Hamburger Hoffnungen begraben wurden) weht ein neuer Wind durch den Volkspark.


Neuanfang auf allen Ebenen


Auch die symbolisch bedeutsame Demontage der Stadionuhr (wird im Juli abmontiert) kann in diesem Zusammenhang genannt werden. Es wurde - auch auf höchster institutioneller Ebene -  erkannt, dass ein zementierter Blick auf die Vergangenheit womöglich doch ein größerer Hemmschuh für eine positive, in die Zukunft ausgerichtete Entwicklung war als angenommen. Und wenn man schon dabei ist, kann man ja auch gleich mal über die Vereinshymne nachdenken. 


In der Summe lassen sich die ersten Wochen des "HSV 2.0" ganz gut an. Noch sind beileibe nicht alle Problemzonen bereinigt - und die Wahrheit liegt ab dem 27. Juli auch auf dem Platz. Aber die eingeleiteten Schritte lassen zumindest optimistischer in die Zukunft blicken, als zuletzt.