​Fünf Neuzugänge konnte der ​Hamburger SV bisher für die kommende Spielzeit verpflichten. Dabei wurde in allen Mannschaftsteilen vor allem "Mentalität" in den Kader geholt. Doch damit allein wird der vielbeschworene Umbruch kaum zu schaffen sein.


Mentalität - das war einer der meistgebrauchten Begriffe rund um die Personalie Daniel Heuer Fernandes (26). In fast jedem Statement rund um die Verpflichtung des Keepers von Darmstadt 98 fiel dieses Wort oder zumindest eine sinngemäße Variante davon. Damit schienen die Verantwortlichen gleichsam sagen zu wollen, dass eben genau jene, für einen Profi-Fußballer eigentlich unabdingbare, Eigenschaft dem bisherigen Stammtorwart Julian Pollersbeck (24) irgendwie abzugehen schien. 


Mit Jeremy Dudziak (23, vom FC St.Pauli) und Jan Gyamerah (23, VfL Bochum) kamen zudem zwei junge, entwicklungsfähige Außenverteidiger, die sowohl links als auch rechts einsetzbar sind. Fürs Mittelfeld genehmigte man sich für drei Millionen Euro einen der auffälligsten Spieler vom Nordrivalen Holstein Kiel, David Kinsombi (23). Er soll die Lücke schließen, die der Abgang von Leihspieler Orel Mangala (21, kehrt zum VfB Stuttgart zurück) in das Mannschaftsgefüge gerissen hat. 


Und auch im Sturm konnte man zumindest den Abgang eines der drei Stürmer, die den HSV in diesem Sommer verlassen, mit der Untervertragnahme von Lukas Hinterseer (28, VfL Bochum) kompensieren. 


Sparen oder in die Vollen gehen?


Doch längst sind rund um den Verein - nicht zuletzt auch aufgrund einiger Aussagen der Offiziellen - wieder Erwartungshaltungen entstanden, die eine gewisse Gefahr bergen. ​In anderen Regalen wolle man jetzt einkaufen, sagte Vereinspräsident Marcell Jansen erst vor wenigen Wochen. Dass diese Aussage beinahe zeitgleich mit der Bekanntmachung fiel, dass das erwartete Minus im abgelaufenen Geschäftsjahr doch nicht so heftig ausfallen würde ("nur" zehn statt zwanzig Millionen Miese), lässt - zumal in Hamburg und bei einem Verein wie dem HSV - natürlich gleich wieder die Gerüchte ins Kraut sprießen. 


Geht der HSV jetzt auf große Shopping-Tour? Wobei: eigentlich ist die Kohle ja nicht da. Das wurde in den letzten Jahren immer wieder sehr deutlich kommuniziert. Problem: in der jüngeren Vergangenheit hat das den Klub auch nie davon abgehalten, sich trotzdem auf dem gehobenen Spielermarkt umzuschauen und - wenn möglich - auch zu bedienen. Meistens machte es Investor Klaus-Michael Kühne möglich. Dafür, dass dann Leute wie Andre Hahn oder Bobby Wood geholt wurden,  kann man Kühne nur bedingt einen Vorwurf machen. 


Neuzugänge ohne Santos-Millionen?


Doch dieses Jahr sollte es anders laufen. Der (einleuchtende) Plan war, das Tafelsilber (Douglas Santos) für viel Geld zu verkaufen, um mit einem Teil des Erlöses dann selbst aktiv zu werden. Das erste, im Winter dem Brasilianer umgehängte Preisschild sah noch einen Betrag von um die 25 Millionen Euro vor. Für einen brasilianischen Linksverteidiger seiner Güte (immerhin Olympiasieger 2016 mit der Seleçao) und seines Alters sicherlich nicht zu hoch gegriffen. Doch der Absturz der Mannschaft in der Rückrunde machte auch vor Douglas Santos nicht Halt. 


Die Folge war ein Preissturz, der die anfängliche Forderung der Hamburger mittlerweile auf etwa die Hälfte eingeschmolzen hat. Wenn sie in dieser Transferperiode noch zwölf Millionen kriegen, wären sie schon happy. Doch diese Personalie zieht sich, nicht zuletzt auch den internen Entwicklungen beim bisher ernsthaftesten Interessenten, Bayer Leverkusen, geschuldet. 


Als sich dieses Problem während der Verhandlungen mit den Rheinländern andeutete, stellte man mit Julian Pollersbeck einen weiteren Spieler ins Schaufenster. Doch auf dem immer schon etwas speziellen Torwartmarkt regt sich momentan kaum ein Lüftchen. Angebote, wie sie den HSV interessieren würden, sind bislang für keinen der beiden eingegangen. 


Für Sportvorstand Jonas Boldt jedoch kein Problem. Man könne, sagte er diese Woche, auch Spieler ohne Einnahmen verpflichten. Da hat er sicherlich recht. Ablösefreie Spieler sind immer auf dem Markt und für vertraglich gebundene gibt es das Mittel der Ausleihe. Wie gut das mitunter funktionieren kann, zeigt die SG Eintracht Frankfurt seit einiger Zeit. 


Bedarf in allen Mannschaftsteilen


Fakt ist: der HSV braucht eigentlich in jedem Mannschaftsteil noch Verstärkungen. Absolut dringend und oberste Priorität genießend ist es, eine Alternative zu Aaron Hunt (32) zu finden. Nicht zuletzt an seinem häufigen verletzungsbedingten Fehlen wurde der Absturz der Mannschaft in der Rückserie festgemacht. Aber auch ein verletzungsfreier Aaron Hunt wirft bisweilen Fragen ob seiner Unbeständigkeit auf. Der Einäugige unter Blinden zu sein ist per se halt auch noch keine wirkliche Auszeichnung. Mit 32 Jahren ist Aaron Hunt zudem der älteste Spieler im Kader - und das auf einer der wichtigsten Positionen. Von den schon vorhandenen Optionen im Kader ist - Stand heute - keiner in der Lage, Hunt zu ersetzen. Berkay Özcan kommt (noch) über gute Ansätze meistens nicht hinaus. Alle anderen Mittelfeldspieler (Narey, Jatta, Janjicic) sind mit der Position in der Leitzentrale nicht vertraut. 


Des Weiteren würde ein Innenverteidiger mit Qualitäten im Spielaufbau gut tun. Rick van Drongelen (20) hat sich momentan als Nummer Eins im zentralen Abwehrverbund herauskristallisiert, ist aber auch auf dem Zettel einiger Vereine. David Bates (22) steckt im Aufbautraining nach seiner schweren Knieverletzung und fällt wohl noch einige Wochen aus. Bei Kyriakos Papadopoulos (27) blickt man immer gebannt auf seinen Gesundheitszustand. Alles andere als rosige Aussichten im Defensivbereich. Und selbst im fitten und verletzungsfreien Zustand sind die genannten Drei nicht unbedingt als unbezwingbares Bollwerk anzusehen. In der vergangenen Spielzeit hatten sie alle ihre regelmäßigen Aussetzer, die bisweilen auch Punkte gekostet haben. 


Schließlich müssten nach dem Abgang von drei Stürmern (Arp, Hwang und Lasogga) normalerweise auch drei neue Angreifer her. Mit Hinterseer hat man einen verpflichtet. Zwei müssten also noch her.  


Herkulesaufgabe für Boldt, Hecking und Mutzel


In der Gesamtschau fehlen also noch mindestens vier Spieler. Diese Vier sollten aber nicht nur numerisch den Kader auf Wettbewerbsstärke vergrößern, sondern auch qualitativ einen Sprung nach vorne bedeuten. Dies ohne große eigene Mittel zu bewerkstelligen, dürfte eine Herkulesaufgabe für Hecking, Boldt und Mutzel werden. Aber genau dafür wurden sie ja vom HSV verpflichtet.