​​Marcell Jansen (34) hat turbulente erste fünf Monate als Präsident des Gesamtvereins ​Hamburger SV e.V. hinter sich. In einem Interview mit der Sport Bild verrät er seine Gedanken über die Fehler der Vergangenheit und gibt Ausblicke in eine bessere Zukunft. 


Kein Chaos-Klub


Die erste Frage nach den drei unter seiner Ägide entlassenen Trainern (Wolf, Titz und Hollerbach) umgeht Jansen schon fast staatsmännisch souverän und verweist vielmehr auf das nun verantwortliche Gespann: "Ich bin der Meinung, dass ein Chaos-Klub nicht in der Lage wäre, einen erfolgreichen ​Bundesliga-Trainer wie Dieter Hecking und einen Manager wie Jonas Boldt zu bekommen." 


Dass mit dieser neuen personellen Ausrichtung der Druck aufzusteigen, noch einmal erhöht wurde, kann Jansen auch nicht erkennen: "Zunächst einmal gilt: wir müssen nicht aufsteigen, wir wollen aufsteigen. Das ist unser klares Ziel." Damit schlägt er ​in dieselbe Kerbe wie unlängst sein Kollege Bernd Hoffmann aus dem Vorstand, der in diesem Zusammenhang von einem "unglaublich schwierigem Unterfangen" sprach. Die Absicht der Bosse beim HSV, der Mannschaft in irgendeiner Form den Rucksack etwas zu erleichtern, ist unverkennbar. 


Kein Favorit in Liga 2


Als taktische Tiefstapelei will Jansen derart vorsichtige Töne auch nicht verstanden wissen. Vielmehr sind sie der offensichtlichen Fakentlage geschuldet: "(...) Man muss doch mal klar sehen: Der VfB Stuttgart hat wahrscheinlich doppelt so viel Geld zur Verfügung. Wir sind mit Sicherheit nicht der Favorit der Zweiten Liga. Zumal sich mit Hannover und Nürnberg finanziell gesehen zwei weitere Vereine auf Augenhöhe mit uns befinden." 


Keine Führungsspieler-Achse in der vergangenen Saison


Konkret auf die sportlichen Gründe für den Niedergang in der abgelaufenen Spielzeit angesprochen, verweist Jansen auf das Fehlen von Mentalitätsspielern, die auch in schwierigen Phasen vorangehen können und den Rest der Mannschaft mit sich reißen. "Die Führungsspieler-Achse ist völlig weggebrochen, ja. Wir hatten vier, fünf, sechs Spieler, die angetreten waren, voranzugehen. (...) Wenn ich als junger Spieler sehe, wie meine Führungsspieler selbst mit sich zu kämpfen haben und nicht ins Spiel hineinkommen, können sie eine Mannschaft nicht mitziehen. Die jungen Spieler haben darunter sehr gelitten (...)."

Dem vorzubeugen gilt das Hauptaugenmerk bei der Kaderzusammenstellung für die kommende Saison.


Verletzte Eitelkeiten


Interessant sind Jansens Einlassungen bezüglich der Vorgehensweise der verantwortlichen Personen: "Das ist immer noch ein großes Problem beim HSV: Es gibt zu viele Menschen, die mal im oder um den Verein herum gearbeitet haben und weiterhin ihre eigene Eitelkeit und Verletztheit mitschleppen und sich immer noch schlecht behandelt fühlen. Und die dann schlechte Stimmung verbreiten, bis hin zu Verschwörungstheorien. Dabei handelt es sich dann häufig um Personen, die selbst gut beim HSV verdient haben oder in einer verantwortlichen Position waren, ohne große Impulse gesetzt zu haben. Und im Nachgang wissen sie dann alles besser." 


Konkrete Namen nannte Jansen natürlich nicht, aber bei der Lektüre dieses Interviews dürfte sich eine Handvoll Personen (deren Namen mir alleine gerade durch den Kopf gehen) durchaus angesprochen fühlen. 


Der Klub ist für viele eine große Chance


Zum Abschluss fand Jansen dann noch fast euphorisch-begeisterte Worte für den Klub und nannte Gründe, sich ihm anzuschließen: "Jeder Bundesliga-Profi, der in seinem Verein nicht absoluter Top-Stammspieler ist, sollte sich meiner Meinung nach mit dem HSV befassen. Jeder Spieler bekommt hier eine doppelt so große Bühne. Beispiel Orel Mangala: er hat hier eine gute Saison gespielt und damit seinen Marktwert deutlich gesteigert. Weil einfach viele auf den HSV schauen. Das ist auch eine große Chance."