​Jetzt ist es amtlich: der für viele beste deutsche Fußballspieler der kommenden zehn Jahre, ​Kai Havertz (20), hat von seinen Bundesliga-Kollegen die Adelung erhalten: Bester Spieler der Saison! Und das in diesem jungen Alter. Einer großen Weltkarriere kann eigentlich nur noch er selber im Wege stehen.


Knapp war es dennoch: mit nur zwei Stimmen mehr als ​Marco Reus (30) machte Havertz das Rennen in der diesjährigen kicker-Umfrage nach dem Spieler der Saison. Knapp - aber nicht ungerechtfertigt. In seiner dritten Saison im Profibereich ist der schlaksige Mittelfeldspieler endgültig angekommen im großen Fußball. Derart gut, dass die Interessenten, vom FC Bayern in Deutschland über Real Madrid und FC Barcelona in Spanien oder die Großklubs in England, Schlange stehen. Ein angebliches​ erstes Angebot der heimischen Platzhirsche aus München über sage und schreibe 90 Millionen Euro haben die Bayer-Verantwortlichen kalt lächelnd abgelehnt. Ob die Bayern schon in diesem Jahr ihre Offerte nachbessern, ist noch abzuwarten. 

Doch unabhängig davon steht bereits fest: Kai Havertz ist schon jetzt das Aushängeschild des deutschen Fußballs für die kommenden Jahre. 


Mir ist es in meinem Leben vergönnt gewesen, die ersten Schritte auf ihrer Karriereleiter von vier bedeutenden Fußballern zu verfolgen: Alessandro del Piero, Ronaldo (der aus Brasilien), Zinédine Zidane und natürlich Leo Messi. Bei allen vieren konnte man schon in ihren jungen Jahren erkennen: die sind anders als der Rest. 


Mit der PSV Eindhoven schoss Ronaldo 1994 als 17-jähriger Spund ​Bayer Leverkusen fast aus dem UEFA-Cup, erzielte beim 4:5 im Ulrich-Haberland-Stadion drei Treffer (das Rückspiel in Eindhoven endete 0:0). 

FUSSBALL: WORLD CUP 1994 USA Los Angeles 17.07.94

Noch mit Zahnspange: Ronaldo (ohne Einsatz im Turnier) als Weltmeister 1994 (zusammen mit Cafú)


Zinédine Zidane wiederum war der auffälligste Spieler der Franzosen in den UEFA-Cup-Endspielen 1996 zwischen Girondins Bordeaux und dem FC Bayern München. Trotz des Erfolges der Bayern: die spielerische Leichtigkeit von Zizou war damals schon auffällig. 

Bordeaux's Zinedine Zidane (R) struggles to keep M

Noch im Trikot von Girondins Bordeaux: Zizou im Duell mit Marcel Desailly


Im selben Jahr konnte ich bestaunen, wie ein gerademal 21-jähriger Italiener, mit der 10 auf dem Rücken, die Alte Dame Juventus wieder flottmachte. Auf dem Weg zum finalen Gewinn des Henkelpottes erzielte Alessandro del Piero sechs Treffer in elf Champions League-Spielen. Das Finale um den Weltpokal gegen River Plate Buenos Aires entschied "Alex" dann auch noch im Alleingang. Tja, und von der Weltmeisterschaft der Herzen und jenem vermaledeiten Halbfinale gegen die Squadra Azzura in Dortmund brauch ich wohl nicht mehr reden...

Allesandro Del Piero of Juventus in action

Entläuft hier Ryan Giggs von Manchester United: Alessandro del Piero im Jahr 1996


Vor etwas mehr als 14 Jahren dann das Debüt des bislang Größten von allen: Leo Messi. Über den und seine Rekorde müsste ich noch mal einen eigenen Bericht schreiben. 

Lionel Messi

Der Größte aller Zeiten? Lionel Messi beim Freistoß


Doch Kai Havertz fügt sich in diese Reihe nahtlos ein. Es war seinerzeit zwar kein Live-Spiel, das mir die ersten Bilder von ihm ins Wohnzimmer transportierte, sondern nur die zusammengeschnittenen Szenen aus der Sportschau - gereicht haben diese Bilder trotzdem. 


Havertz vereint eine edle Technik mit körperlicher Präsenz, ist nahezu beidfüßig, stark im Kopfball, hat Übersicht, Spielintelligenz und das Gefühl für den Raum. Sowohl als Einläufer als auch als Passgeber. Kurzum: der Mann hat eigentlich keine Schwächen.


Nicht zuletzt an ihm lag es, dass sich Bayer Leverkusen am Ende noch für die Champions League qualifizieren konnte. Nach der Hinrunde noch auf einem ernüchternden neunten Rang, schafften die Rheinländer am Ende den Sprung in die Königsklasse. Havertz hatte daran mit insgesamt 17 selbsterzielten Toren und vier Vorlagen ganz erheblichen Anteil. 


Als Fan dieses Spiels wünscht man sich einfach nur, dass die Progression von Havertz anhält. Die Straßen des Fußballs sind schließlich gepflastert mit Talenten, die dann genauso schnell wieder in der Versenkung verschwanden. Nur die wenigsten schaffen es bis zum Gipfel. Havertz ist zweifellos einer dieser wenigen. Die Angst, dass er jetzt vorzeitig überschnappen könnte, scheint unbegründet. Aus seinem Umfeld sind diesbezüglich beruhigende Dinge zu erfahren: der Teenager sei geerdet, stehe auch dank einer guten elterlichen Erziehung wohl mit beiden Beinen auf der Erde. 


Allerbeste Voraussetzungen also um demnächst voll durchzustarten. Wo immer das auch sein wird. Deutschland jedenfalls kann sich über eines der größten Talente weltweit freuen.