Patrice und Justin Kabuya - ein Zwillingsbrüderpaar, das in der Jugend der Frankfurter Eintracht ausgebildet worden ist. Ab der neuen Saison sind die beiden ehemaligen U16-Nationalspieler allerdings getrennt: Während ​Patrice vom Main an die Elbe zum HSV wechselt, ist die Zukunft von Justin noch nicht gänzlich geklärt.


Wir haben die Brüder gemeinsam mit ihrem Vater interviewt. Ein Gespräch, das auf durchaus kuriose Weise zustande kam: Nach dem Wechsel von Patrice zum ​HSV und unserem Bericht dazu, meldete sich der Papa - denn statt Patrice war sein Zwillingsbruder Justin auf unserem Titelbild zu sehen. Die Redaktion konnte bei den etwas veralteten Bildern - aufgrund der damaligen Frisuren der beiden - die Jungs offenbar nicht richtig auseinanderhalten. 


In unserem Gespräch ging es aber nicht um Frisuren, sondern vielmehr um die Träume der beiden Talente, mögliche Einsätze für den Kongo - und natürlich die ständigen Vergleiche. Dazu habe wir über ihren durchaus nicht alltäglichen Weg durch die komplette ​SGE-Jugend gesprochen, die fehlende U23 bei der Eintracht und vieles mehr...


90min: Wie schafft ihr es als Zwillingsbrüder gemeinsam auf dieses Niveau? Gibt es einen Konkurrenzkampf bei euch untereinander, oder seid ihr einfach beide mit dem gleichen hohen Talent gesegnet?

Patrice Kabuya: Wir beide haben eigentlich keinen großen Konkurrenzkampf untereinander. Das wird eher von Außen hereingetragen. Natürlich sticheln wir uns auch gegenseitig, wenn einer mal mehr Tore geschossen hat. Aber so ein Konkurrenzkampf wie zu anderen Mitspielern gibt es bei uns so nicht.


90min: Würdet ihr dann eher sagen, ihr könnt euch gegenseitig eher positiv nach vorne pushen? Also kein Konkurrenzkampf, sondern eher Unterstützung?

Patrice Kabuya: Genau. Eher in die Richtung. Wir sind zwar ähnliche Spielertypen, aber wir haben auch die gleichen Waffen. Wenn einer von uns sieht, was der andere erreichen kann, dann helfen wir uns gegenseitig, dass wir es beide schaffen.


90min: Bei den letzten Jugendnationalmannschaften wurdet ihr nicht mehr eingeladen, dabei wart ihr zuvor bei der U15 und U16 dabei. Gab es einen Grund, warum ihr nicht mehr eingeladen worden seid?

Patrice Kabuya: Gegen die Niederlande waren wir beide bei der U15 dabei. In der U16 gab es dann noch zwei. Warum wir aber nicht weiter eingeladen wurden, wissen wir nicht. Es wurde uns weder etwas vom Trainer noch vom Verein gesagt.


90min: Gibt es Überlegungen bei euch, wenn ihr nicht weiter vom DFB eingeladen werdet, für die Republik Kongo, für die ihr ja auch die Staatsbürgerschaft habt, zu spielen?

Beide: Auf jeden Fall! 

Vater: Das wäre auf jeden Fall eine Option, wo man sagt, das ist eine Überlegung wert. Die Nationalmannschaft ist für jeden Fußballer das Höchste. Wenn es bei der deutschen Mannschaft dann nicht klappt, ist das in jedem Fall ein Gedanke. Aber da ist noch etwas Zeit.


90min: Ist der Verband schon an euch herangetreten?

Vater: Ne, da gab es noch keine Reaktion. Das ist aber auch etwas anders als in Deutschland. Da ist bisher noch nichts geschehen.


90min: Ihr seid beide schnelle Außenspieler, einer auf der linken, einer auf der rechten Seite. Was unterscheidet euch noch auf dem Platz, wo sind eher die Unterschiede?

Patrice: Ich kann auch in der Defensive eingesetzt werden. Ich komme viel über meine Schnelligkeit. Justin setzt sich mehr ab, wenn er in der Spitze spielt.

Justin: Die Unterschiede sind, wie Patrice schon sagt, er kommt mehr über die Geschwindigkeit, ich gehe gern in die Dribblings.


90min: Patrice, warum hast du dich entschieden, die Eintracht zu verlassen und dich dem Hamburger SV anzuschließen?

Patrice: Die Situation bei den Profis in Frankfurt ist derzeit sehr schwer, sich dort durchzusetzen. Dort gibt es auch keine zweite Mannschaft. Die Entscheidung habe ich aber nicht alleine gefällt. Das haben wir zusammen als Familie mit unserem Berater besprochen und entschieden. Daher ist es besser, den Weg bei einer Mannschaft zu gehen, die auch eine zweite Mannschaft hat. Dort bin ich dann direkt dabei und bekomme meine Spielzeit. Mit dem HSV habe ich dann eine gute Option bekommen. Ich war dann dort, hab mir das alles angeschaut und war direkt überzeugt.


90min: Du wurdest aufgrund einer DFL-Auflage bei der Eintracht zum Profi befördert. Wie bewertest du diesen Vorgang im Nachhinein?

Patrice: Ich hätte mir schon gewünscht, dass ich einen Vertrag auf "normalem" Weg bekommen hätte. Aber es hätten natürlich auch andere Spieler den Vertrag bekommen können, ich war ja nicht der einzige Spieler mit einem deutschen Pass und über 18 Jahre. Aber mir wurde dann auch gesagt, dass ich in der Vorbereitung nach meinem Kreuzbandriss im Herbst 2017 mit der beste Mann war, daher habe ich den Vertrag dann unterschreiben dürfen. Letztlich auch aufgrund der Tatsache das ich auf der Position überzeugt hatte.


90min: Bei dir gab es zuletzt ein paar Positionsexperimente. Wo siehst du dich am ehesten und weißt du schon, wo der HSV dich einplant?

Patrice: Am wohlsten fühle ich mich auf den beiden Außenstürmerpositionen, links wie rechts. Rechts passt noch etwas mehr zu mir. Auch der HSV hat bereits erklärt, dass man mich weiter vorne sieht. Oder dass ich in einem 3-4-3 auf der rechten Außenbahn spiele. Bei uns gab es diese Saison keinen klassischen rechten Außenverteidiger. Daher wurde ich in manchen Spielen auch dort eingesetzt. Aber insgesamt habe ich mehr offensiv als defensiv gespielt. Bei den Profis haben wir auch mit der Dreierkette gespielt, da wurde ich auch als Backup eher für Da Costa gesehen. Daher musste ich die Abläufe schnell lernen und mich einspielen. Es hätte ja jederzeit passieren können, dass ich oben mitspielen darf.

90min: Justin, gab es bei dir auch schon Gespräche bei der Eintracht über einen Profivertrag?

Justin: Nein, da gab es bis jetzt noch keine Bewegung.


90min: Suchst du ähnlich wie dein Bruder eine neue Aufgabe?

Justin: Ich war ja auch beim HSV und habe mir das auch angeschaut, aber wir sind zum Schluss gekommen, dass wir uns wegen möglicher Vergleiche besser trennen sollten, obwohl es sportlich und menschlich schon sehr gut war. Aber ich schlage dann einen anderen Weg ein. Ich bin daher in Gesprächen. Das wird sich in den kommenden Wochen zeigen.


90min: Wie wertvoll war die Erfahrung für euch, mit den Profis im vergangenen Jahr zu trainieren?

Justin: Das war auf jeden Fall eine Umstellung, von der U19 in die erste Mannschaft zu gehen. Das Tempo ist viel höher. Du musst vorher schon wissen, was du machen willst. In der U19 kannst du den Ball noch mal annehmen, noch mal tricksen. Bei den Profis ist das schon was anderes. Und im Trainingsspiel zusammen mit Sebastian Haller die Doppelspitze zu bilden, war schon ein tolles Erlebnis.

90min: Gab es da auch Tipps von den Spielern?

Patrice: Ich habe ein Trainingsspiel bei den Profis mitgemacht, wo ich mit Sebastian Rode, Jonathan de Guzman und Co. zusammengespielt habe. Vor dem Spiel habe ich dann mit ein paar von den Spielern gesprochen, die mir dann Tipps gegeben haben, wie ich laufen soll, was ich machen soll. Da hat man schon einen großen Unterschied zur U19 gesehen. Da habe ich schon Bälle bekommen und bin in Szene gesetzt worden, wie es in der U19 nicht so möglich ist. Dadurch hatte ich viel mehr Ballaktionen und konnte insgesamt viel mehr Aktionen machen. Da hat man sehr viel mitgenommen. Haller zum Beispiel gibt halt immer Gas. Im Training und im Spiel. Der schaltet keinen Gang zurück, auch nicht im Freundschaftsspiel. Der will immer gewinnen. Des Weiteren durfte ich bei einem Freundschaftsspiel mit den Profis, bei dem Adi Hütter mit Trainerteam an der Linie coachte, über die volle Distanz gegen einen Kreisoberligisten aus der Nähe unseres Wohnortes als einziger Jungprofi durchspielen. Das hat sich richtig gut angefühlt und war ebenfalls ein tolles Erlebnis.


90min: Wie fühlt es sich für euch an, zu ganz wenigen Spielern zu gehören, die die komplette Jugendabteilung bei der Eintracht durchlaufen haben?

Justin: Über die Jahre hat man das so eigentlich gar nicht realisiert. Aber irgendwann wurden die Jungs, mit denen wir angefangen hatten, immer weniger und am Schluss waren nur noch wie beide über. Man fühlt sich dann schon wertgeschätzt, als man das mitbekommen hatte, welchen Weg man gerade gegangen ist. Dass wir immer die Topspieler im Jahrgang 2000 bei uns waren.


90min: Wie bewertet ihr insgesamt die Arbeit von U19-Trainer Marco Pezzaiuoli? Haben Eintracht-Talente eine gute Chance, sich bei den Profis unter Beweis zu stellen?

Patrice: Wir haben zu Anfang ja gar nicht mittrainieren können. Das kam erst später ab 2018. Das war dann aber auch nicht immer mit allen Spielern. Das war dann eher eine Art Ersatztraining. Da hat man sich schon mehr gewünscht. Ich denke sogar, dass die Jungs aus dem Jahrgang 1999 im letzten Jahr mehr noch mittrainieren durften und bei Freundschaftsspielen dabei waren, als wir in dieser Saison. Dabei hatte man vor der Saison noch gesagt, dass man versuchen will, die meisten Spieler aus unserem Jahrgang hochzuziehen. Unser Jahrgang galt lange Zeit als goldener Jahrgang. Aber es lief dann in dieser Saison bei uns nicht so, wie man sich das vorgestellt hat. Da war dann auch viel Unruhe.


90min: Kann man sagen, dass eine U23 bei der Eintracht fehlt, als Übergang von der U19 zu den Profis?

Justin: Ich denke schon, dass das alles noch mal anders aussehen würde, wenn man noch mal ein bis zwei Jahre Zeit hätte, sich für die Profis zu entwickeln und zu zeigen.


90min: Wäre das für euch auch ein Argument gewesen, den Verein gar nicht erst zu wechseln?

Patrice: Auf jeden Fall. Wir haben jetzt zehn Jahre hier gespielt. Und wenn man sich wohl fühlt und man sagen kann, dass ich mich hier am besten entwickeln kann, dann wäre ein Verbleib, auch in der zweiten Mannschaft absolut realistisch.

Vater: Es wäre auf jeden Fall eine weitere Option gewesen, zu sagen: Ok, wir sind aus Frankfurt und für Spieler gibt es sicher nichts besseres, als im eigenen Heimatverein ganz oben anzukommen. Ich denke auch, dass ist ein wichtiger Faktor.

Die Jungs sind stolz, keine Frage. Sie sind so lange im Verein, das gibt es relativ selten. Der Wunsch wäre selbstverständlich gewesen, dass man die Jungs wesentlich früher oben hätte mittrainieren lassen. Sie hatten ja auch das Vergnügen, beim Training mit Adi Hütter zu sprechen, wo er ihnen zwar die Stärken, aber auch die Schwächen aufgezeigt hat. Da sagte er: "Wir wissen, was eure Schwächen sind, daran arbeiten wir." Danach kam aber nichts mehr. Daher wirft das eher ein negatives Licht auf die Nachwuchsförderung. Klar ist die Eintracht sportlich derzeit absolut gut. Aber die goldenen Talente sollte man entsprechend fördern.


90min: Wo gibt es bei der Eintracht noch Verbesserungsbedarf in der Nachwuchsabteilung?

Justin: Unsere Trainingsbedingungen sind noch ausbaufähig. Unser Trainingsrasen ist beispielsweise nicht so gut, der hat viele Löcher. Auch unser Spielrasen könnte besser sein. Wenn man da nach Stuttgart oder Hoffenheim schaut, die haben bessere Plätze.


90min: Bei welchem eurer Kollegen seht ihr das größte Potenzial für einen Durchbruch?

Patrice: Da gibt es zwei, die es auf jeden Fall schaffen. Sahverdin Cetin (defensiver Mittelfeldspieler, Anm. d. Red.) und Nils Stendera (defensiver Mittelfeldspieler, Anm. d. Red.), die beiden sind ja auf jeden Fall schon nächste Saison bei den Profis dabei. Aber es gibt noch ein bis zwei andere, wo es noch klappen kann. 


Vielen Dank für das tolle Gespräch. Das 90min-Team wünscht euch viel Erfolg auf eurem weiteren Weg - ob bei der SGE oder beim HSV!