​Der ​VfB Stuttgart tut gut daran, nach dem zweiten Abstieg innerhalb von nur drei Jahren jeden Stein umzudrehen. Dass bei der Analyse der sportlichen Talfahrt auf Vorstandsboss ​Thomas Hitzlsperger und Sven Mislintat harte Entscheidungen zukommen, ist nur folgerichtig. Unlängst berichtete die BILD, dass die beiden neuen Macher dabei ​selbst vor der Vereinsikone Christian Gentner nicht halt machen. Doch ist diese Entscheidung wirklich zielführend?


Die vermeintlich angedachte Trennung von dem erfahrenen Mittelfeldspieler gilt es dabei auf verschiedenen Ebenen zu durchleuchten. Da wäre zum einen die wohl wichtigste Komponente der sportlichen Relevanz des 33-Jährigen. Bei einem ersten Blick auf die Saisonbilanz des VfB-Urgesteins könnte man dabei schnell urteilen, dass der Kapitän noch immer eine tragende Säule der Stuttgarter ist. Bei den 37 Pflichtspielen der Schwaben in der abgelaufenen Saison kam der Routnier schließlich auf stolze 32 Einsätze.

Christian Gentner

Christian Gentner wusste in der abgelaufenen Saison nur selten zu überzeugen



Bei genaueren Betrachtung fällt aber schnell auf, dass die Bedeutung des Mittelfeldspielers in der zweiten Saisonhälfte stark nachließ. Über Jahre hinweg als unangefochtener Stammspieler über jegliche Kaderanpassungen erhaben, fand sich der gebürtige Nürtinger immer häufiger auf der Ersatzbank wieder. Dass er gegen Saisonende unter Interimstrainer Nico Willig wieder eine größere Rolle einnahm, lag vor allem auch an der Rotsperre von Santiago Ascacibar, der eine Lücke auf der Sechs hinterließ.


Rein sportlich darf Genterns Wert also bereits jetzt durchaus hinterfragt werden. Ein weiterer wichtiger Aspekt hinsichtlich der Sinnhaftigkeit einer Trennung sind die Zukunftaussichten, die sich bei dem bereits 33-Jährigen bieten. So konnte der ehemalige deutsche Nationalspieler bislang zwar in jeder Saisonvorbereitung durch gute Fitnesswerte glänzen und spult auch in seinen Pflichtspielen viele Kilometer ab. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass der Altmeister nur noch sehr selten dabei ein für den modernen Fußball eigentlich nötiges Tempo an den Tag legt.


Vor allem wenn man den taktischen ​Matchplan des künftigen VfB-Trainers Tim Walter kennt, der von seinen Spielern eine ständige Aktionsbereitschaft einfordert, muss man am Ende wohl konstatieren, dass Gentner mit seiner Spielweise etwas aus der Zeit gefallen ist. Bis zuletzt wurde daher vermutet, dass man sich mit dem Leitwolf der Stuttgarter womöglich auf eine stark leistungsbezogenen Einjahresvertrag verständigen könnte. Da Gentner vor wenigen Wochen den Unmut über seine schwindende Bedeutung beim VfB zum Ausbruch brachte, wäre eine solche Vereinbarung aber wohl auch nicht ohne Risiken gewesen.

Tim Walter

Im Plan des neuen VfB-Trainers Tim Walter spielt Gentner offenbar keine Rolle



So gilt Gentner zwar als absoluter Teamplayer, eine Dauerrolle als Reservist dürfte er aber auch in Zukunft nicht ohne Murren akzeptieren. Nichtsdestotrotz dürfen aber selbstverständlich auch die großen Verdienste des Mittelfeldspielers nicht verschwiegen werden. Satte 373 Pflichtspiele für den VfB sind aller Ehren wert und auch der Gewinn der deutschen Meisterschaft im Trikot mit dem roten Brustring ist dem sympathischen Familienmensch nicht zu nehmen. Auch dass er dem VfB nach dem Abstieg vor drei Jahren die Treue hielt, bleibt unvergessen.


Bei einer Nicht-Verlängerung des Arbeitspapiers von einem Dolchstoß in den Rücken eines verdienten Spielers zu sprechen, wäre sicherlich zu hoch gegriffen. Ohnehin dürften auch den Klub-Bossen die Schwingungen bei den Anhängern des VfB nicht entgangen sein. So hat der Spielführer auch in weiten Kreisen der Fanszene alles andere als einen einfachen Stand und wird nicht selten als Sinnbild für die verpassten Anpassungen an die veränderten Anforderungen in der Bundesliga bezeichnet.


In Zukunft sollen daher neue Spieler das Gesichter des VfB prägen. Im Falle eines  Abgangs von Gentner, hinter dem sich so mancher Spieler womöglich in zukünftigen Krisenzeiten versteckt hätte, müssen sich so neue Hierarchien bilden. Dies kann für den Traditonsverein aber durchaus einen reinigen Effekt haben.