​Eigentlich ist heute ein guter Tag, denn heute ist Finaltag. Endspiel um die ​Champions League. (Früher Europapokal der Landesmeister). Doch zum ersten Mal in meinem Leben habe ich nicht die freie Wahl. Und das ist eher nicht gut. Am Ende werde ich das Finale irgendwo sehen, nur natürlich nicht in meinen eigenen vier Wänden. Das allein wäre auch nicht so schlimm - wenn ich denn alleine entscheiden könnte. 


Dazu muss man sagen: ich bin Jahrgang 1973. Seit meinem neunten Lebensjahr habe ich alle (und damit meine ich: alle) Landesmeisterpokal-Endspiele live und in voller Länge gesehen. Ja, früher hieß der Wettbewerb noch so, und nicht neu-deutsch Champions League. 

Mal sah ich das Finale mit einem Freund (oder mehreren), mal alleine, mal in einer Bar, meistens aber zuhause. Im Zuhause von Freunden oder im eigenen. 


Und warum? Weil man die Wahl hatte. Die allermeisten Endspiele habe ich in den eigenen vier Wänden verfolgt. Denn früher fand dieses Spiel nicht am Samstag, sondern an einem Mittwoch statt. Und am nächsten Tag musste man in der Regel zur Schule, zur Uni oder zur Firma. Dieses weichgespülte, auf den Leib geschnittene Prime Time on Week-End-Feeling hat erst Platini eingeführt. Das war eines seiner Wahlversprechen. Der Familien zuliebe. Ich sag´s ehrlich: mir wäre es so was von schnuppe, wenn das Finale auch heutzutage des Mittwochs über die Bühne gehen würde. Ich bin aber auch kein Familienvater. 


Was mir aber gar nicht schnuppe ist, ist nicht die Wahl zu haben. So wie heute. So wie zum ersten Mal in meinem Leben. Wer, wie ich, kein Sky oder DAZN oder so was hat, und auch keinen Bock darauf, Sky oder DAZN oder so was zu abonnieren (und sei es nur für diesen berühmten Kennenlern-Monat - nach welchem ich dann wieder alles, natürlich kostenfrei, stornieren kann), guckt heute entweder in die Röhre oder muss sich aufraffen. Zum Freund oder Nachbar, der Sky oder DAZN oder sowas hat, oder in die nächste Sky-oder DAZN- oder so was-Bar, um dort das Spiel, umgeben von Leidensgenossen, zu verfolgen. 


Vor ein paar Wochen kam noch einmal Hoffnung auf, dass man das sogenannte "öffentliche Interesse" vielleicht durch einen juristischen Winkelzug  provozieren könne. Schließlich steht mit ​Jürgen Klopp ja heute ein Deutscher als einer der Protagonisten mit auf dem Platz. Und bei deutscher Beteiligung seien ARD oder ZDF - qua Rundfunkstaatsvertrag -  dazu verpflichtet, das Spiel bundesweit auszustrahlen. Hat dann aber doch nicht geklappt. Ein deutscher Trainer alleine erregt noch kein öffentliches Interesse, oder so ähnlich. Wenn z.B. - rein hypothetisch gesprochen - eine deutsche Mannschaft wie Energie Cottbus Anno 2000 ins Finale gekommen wäre, ohne einen einzigen deutschen Spieler in der ersten Elf, dann hätten die Öffentlich-Rechtlichen das senden müssen. Alles verstanden? Nein? Macht nix, da geht´s ihnen so wie mir. Und einigen anderen in diesem Land. 


Gegen kurz vor neun heute Abend werde ich mich dann auf den Weg machen. Zum ersten Mal jedoch nicht frei in meiner Entscheidung. So gesehen ist heute kein guter Tag. Trotz Finale der Champions League.