Almuth Schult gehört zu den besten Torhüterinnen der Welt. 2014 wurde die Schlussfrau vom ​VfL Wolfsburg zur Welttorhüterin gewählt. Fünf Jahre später will die deutsche Nummer eins mit den DFB-Frauen bei der ​WM in Frankreich angreifen. 


Im ersten Teil unseres exklusiven 90min-Interviews, hat sie mit uns über ihre Anfänge im Fußball gesprochen - und wie ein Zufall sie zwischen die Pfosten gebracht hat. Dazu gibt sie spannende Einblicke, wie "ein ganz normaler Tag einer Profi-Fußballerin" so aussieht und was sie von Vergleichen mit ihren männlichen Kollegen hält.


Die wichtigste Frage vorweg: Gibt es Zweifel, ob du bei der WM im Tor stehen kannst? Wie geht es der Schulter?

Schult: Ich hatte im Winter Masern, aber das ist soweit jetzt wirklich ausgestanden. Da bin ich wieder fit. Ich habe noch Schulterprobleme, das wird sich in den nächsten Tagen entscheiden, ob alles gut ist. Ich war in den letzten zwei Wochen in der Reha - schauen wir mal, was die Schulter jetzt aushält.


Anm. d. Red.: Beim 2:0-Sieg gegen Chile bei der Generalprobe vor der WM stand Schult in der Startelf. Einem Einsatz bei der WM dürfte damit nichts mehr im Wege stehen.


Wie bist du zum Fußball gekommen? Was hat dich dazu inspiriert, Torhüterin zu werden?

Schult: Das war alles ein bißchen Zufall: Ich habe drei ältere Geschwister, mein nächst älterer Bruder hat angefangen Fußball zu spielen. Dann hab ich als kleine Schwester gedacht, ich will auch mal mit. Als ich Fünf war bin ich mitgegangen. Das hat mir auch immer Spaß gemacht und ich bin dabei geblieben. Ich habe auch andere Sportarten nebenher gemacht - Luftpistole und andere Sachen.


Es ist aber dann beim Fußball geblieben - ein Leben lang. Ich habe auch am Anfang im Feld gespielt. Dann ist, als ich Acht war, unser Torhüter weggezogen. Unser Trainer hat dann jeden ausprobiert und gesagt: ‚Almuth du machst das am besten, du bist unsere neue Torhüterin‘. So bin ich im Tor gelandet, der damalige Trainer hatte wohl schon ein gutes Auge. In meiner Jungenmannschaft war ich das einzige Mädchen und stand noch im Tor. Nebenbei hab ich noch versucht im Feld zu spielen. Entweder beim jüngeren Jahrgang, später auch bei einem Gastverein, als wir noch keine eigene Mädchenmannschaft hatten.


Wie läuft ein typischer Tag bei dir während der Saison ab? Wie sieht ein Tagesablauf einer Profi-Spielerin aus?

Schult: Es kommt darauf an, ob wir ein- oder zweimal am Tag trainieren. Ich stehe morgens zwischen sieben und acht Uhr auf. Dann wird ganz normal gefrühstückt. Am liebsten zwei Stunden vor dem Training. 45 Minuten vorher bin ich in der Kabine, ziehe mich in Ruhe um, mache noch ein paar Mobilisations- oder Stabi-Übungen. Dann beginnt um 10 Uhr das Training (75-90 Minuten). Nach dem Training kann es sein, dass es noch Behandlungen beim Physio gibt.


Zuhause mache ich mir dann etwas zu Essen. Wenn die Zeit noch da ist, mache ich einen kurzen Mittagsschlaf - das mache ich unglaublich gerne, um den Körper runterzufahren und zu regenerieren vor der zweiten Einheit. Dann geht es um 15.30 Uhr wieder auf den Platz. Vor dem Training geht das gleiche Prozedere wieder los. Dann ist der Tag gegen 17.30 Uhr rum.

Wenn ich nur einmal Training hab, dann hat man einen halben Tag frei, auch wenn es häufig noch Termine mit den Medien oder ähnliches gibt. Der Tag läuft aber deutlich entspannter ab.


"Es ist schon so, dass wir Vollprofis sind."


Was machst du außerhalb vom Fußball?

Schult: Ich habe studiert und bin auch scheinfrei an der Universität. Ich muss aber noch meine Bachelorarbeit schreiben. Dazu hatte ich noch nicht die Muße, dafür muss ich mir noch die Zeit nehmen.


Ansonsten helfe ich nebenbei bei der Familie auf dem Bauernhof oder hole mal meine Nichten vom Kindergarten ab. Man hat immer irgendetwas zu tun. Ich versuche mich zu engagieren, wenn es möglich ist. Ich versuche auch immer mal wieder in die Schulen zu gehen - wenn Vorlesetag ist.


Wenn ich wirklich Zeit habe, versuche ich auch ins Trainergeschäft reinzuschnuppern. Ob das bei meiner alten Jungenmannschaft ist, die jetzt in der Herren-Kreisliga spielen, da spielen mein Bruder und mein Cousin. Bei denen gebe ich dann auch meinen Input als Trainer. Das versuche ich auch als Torwarttrainer in der VfL-Jugend, wenn ich Zeit finde. Das ist aber wirklich nur vereinzelt. Wenn man frei hat, will man die Zeit auch mal nutzen für die Familie, Freunde und den Partner. Mir wird nich langweilig.


In der Öffentlichkeit fehlt dennoch oftmals die Wahrnehmung, dass die Frauen- Fußballerinnen als Vollprofis spielen...

Schult: Wenn ich die Stunden zusammenrechne, dann haben wir einen ganz normalen Arbeitnehmerjob, zwischen 32-45 Stunden, in der Vorbereitung haben wir bis zu sieben Arbeitstage. Es ist schon so, dass wir Vollprofis sind. Wenn man nicht genug Geld verdient, wie es bei einigen Vereinen der Fall ist, wie es auch bei mir schon der Fall war, dann hat man gefühlt zwei Jobs, wenn man z.B. noch studiert. Am Wochenende ist man dann eben auch noch weg.


In der WM-Vorbereitung wurde deutlich, wie sehr du als spielende Torhüterin in den Spielaufbau mit einbezogen wirst. Wird das von der Bundestrainerin explizit gefordert?

Schult: Ich werde in den letzten Jahren viel ins Aufbauspiel eingebunden. Das ist auch beim VfL Wolfsburg so. Grundsätzlich ist das das Anforderungsprofil eines Torhüters, um im Aufbau mit elf Offensiven agieren zu können. Dann können natürlich auch mal solche Fehler wie gegen Japan passieren (Testspiel der Nationalmannschaft, Anm. d. Red.). Aber grundsätzlich würde ich ja nicht so viele Bälle von meinen Mitspielerinnen bekommen, wenn sie mir das nicht zutrauen würden. Da hilft mir natürlich, dass ich lange im Feld gespielt habe.


Würdest du sagen, parallel zu den Herren, das ist die größte Entwicklungsstufe, die das Torwartspiel in den letzten Jahren genommen hat?

Schult: Natürlich, wir arbeiten ja auch mit den neusten Erfahrungswerten, spielen mit der gleichen Taktik wie die Männer. Es ist nur die Frage, ob Frauen oder Männer spielen, aber grundsätzlich ist der Fußball ja Fußball. Ich kann genauso etwas über die Viererkette sagen, wie ein Bundesligaspieler bei den Männern. Wir haben auch Torwarttrainer, die sowohl im Herren-, als auch im Frauenbereich arbeiten und ausbilden.


Das Frauentorwartspiel hat sich dahingehend entwickelt, dass wir athletischer geworden sind, dass wir mehr Fußballspielen können müssen, dass wir auch eine bessere Strafraumbeherrschung bekommen. Natürlich ist da noch viel viel mehr Potenzial, weil darauf lange Zeit noch nicht so viel Wert gelegt wurde. Man hat auch bei den Männern in den letzten zehn Jahren eine deutliche Entwicklung gesehen, in der Technik und auch in der Taktik. Das vollzieht sich jetzt bei den Frauen auch. Man muss nur sehen, dass das auch in der Breite kommt. Es gibt jetzt sehr gute Torhüterinnen, aber auch einen großen Unterschied zwischen den besten drei Torhüterinnen in der Bundesliga und den beiden schlechtesten. Da gibt es eine größere Diskrepanz als im Männerfußball.



Mit welchem Herrenkeeper würdest du dich vergleichen?

Schult: Das steht mir nicht zu, das sollen andere machen. Ich versuche immer zu schauen, was ich gut und was ich schlecht finde. Da versuche ich auszuprobieren, ob das für mich etwas ist.


Nerven dich die ständigen Versuche und Fragen nach Vergleichen zu den Männern? Und ist das überhaupt sinnvoll?

Schult: Ich finde, wenn jemand einen Vergleich anstellt, heißt es, dass er sich dafür interessiert. Das ist ja gut. Solange sich mit dem Frauenfußball beschäftigt wird, finde ich das sehr sehr gut. Was Vergleiche angeht: Das wird man nicht abstellen können, das ist so. Man muss den Frauenfußball akzeptieren, dass das natürlich athletisch eine andere Nummer ist. Aber von der Außendarstellung, von der Leidenschaft und Enthusiasmus ist es vielleicht noch was anderes: Bei uns gibt es nicht so viel Theatralik, das hat auch Herr Nagelsmann festgestellt, das er sagt: ‚Der Männerfußball kann sich davon noch eine Scheibe abschneiden‘. Grundsätzlich ist es Fußball mit allen seinen Emotionen.


Das war Teil I unseres Interviews - im ​zweiten Teil erfahrt ihr mehr über die anstehende WM in Frankreich (7.6.-7.7.). Schult erklärt, welche Ziele die DFB-Frauen haben, wer ihre Favoriten auf den Titel sind und warum die Weltspitze enger zusammengerückt ist. Dazu sprechen wir über Blockaden in der Fan-Wahrnehmung und warum sie Uli Hoeneß Recht gibt.