Teil II unseres exklusiven Interviews mit Deutschlands Nummer eins. Almuth Schult spricht über Chancen, Minimalziel und Konkurrenz bei der anstehenden WM in Frankreich (7.6.-7.7.). Dazu gibt sie hochinteressante Einblicke über Blockaden, Chancen und Entwicklung im Frauenfußball. Dabei geht es vor allem um zwei Dinge: Vorurteile abbauen und Nachhaltigkeit erzeugen. Schult erklärt, wie das möglich wäre - und warum es auf diesem Weg noch einige Hindernisse zu überwinden gibt. Gefragt ist neben dem DFB vor allem auch: Der Zuschauer.



Im FAZ-Interview hast du gesagt, dass in Sportarten wie etwa Biathlon, Ski-Alpin oder Tennis, diese Vergleiche nicht ständig gemacht werden...

Schult: Genau, das ist ja in der Leichtathletik nichts anderes. Da würde niemand auf die Idee kommen einen Männersprinter mit einer Frauensprinterin zu vergleichen, weil jeder weiß, dass die Zeiten einfach viel zu unterschiedlich sind. Egal wie viel man trainiert, eine Frau wird nicht an das athletische Maximum der Männer herankommen. Wenn man das akzeptiert, kann man auch den Frauenfußball sehr gut anschauen und sich von der Leidenschaft inspirieren lassen.


Gerade spielerisch hat sich der Frauenfußball in der jüngsten Vergangenheit noch einmal sehr stark entwickelt - wie siehst du diese Entwicklung?

Schult: Jedes Jahr habe ich das Gefühl, dass sich der Frauenfußball noch weiterentwickelt. Jedes Jahr wird es besser, auch in der Bundesliga. Da müssen wir dran bleiben. Gerade in der Breite muss es noch besser werden. In der Spitze sind wir schon sehr gut, aber die Vereine müssen den Spielerinnen noch mehr die Möglichkeit geben, ihren Sport professionell auszuführen. Das ist in Wolfsburg so oder beim FC Bayern, aber die Vereine müssen da nachziehen. In Gladbach z.B. ist das bei Weitem nicht so - deshalb sind sie auch sang- und klanglos wieder abgestiegen. Wir müssen dahin kommen, dass wir Bedingungen schaffen, damit die Spielerinnen ihr Leistungsmaximum erreichen können. Und da sind wir noch nicht.



Uli Hoeneß hat gesagt, ‚Wir investieren viel. Aber die Einnahmen sind nahezu Null. Im Moment subventioniert der Profifußball den Frauenfußball‘. Wie stehst du zur Aussage des Bayern-Präsidenten?

Schult: Da hat er Recht. Es ist einfach so, dass der Frauenfußball noch nicht die Lobby hat. Ich glaube aber auch, dass wir nicht die richtige Bühne bekommen. Wir haben keinen festen TV-Sender und keine feste Spielzeit. Wie soll man sich präsentieren und Zuschauer anlocken, wenn es keine Regelmäßigkeit gibt. Das ist oftmals ein Problem. Der Männerfußball ist auch nicht von alleine groß geworden, es kam immer jemand mit einer Idee oder einem Sponsor. Das ist in jedem Unternehmen so: Man muss manchmal etwas investieren, damit man Jahre später davon profitiert. Der Erfolg kommt nicht von heute auf morgen - sondern es ist ein eine jahrelange, kontinuierliche Arbeit nötig, um interessant und attraktiv für Fußballfans zu werden.


Es gibt noch so viele Blockaden, dadurch, dass der Frauenfußball so lange verboten war. Manche Menschen lassen sich deshalb nicht darauf ein oder winken von Vornherein ab, weil sie das Bild von vor 30 Jahren im Kopf haben. Dass der Frauenfußball jetzt sehr modern und sehr schnell ist, das muss man den Menschen näher bringen. Ich hoffe, dass mehr Fans kommen und uns einfach mal eine Chance geben. Es geht einfach auch um Chancen.


Die WM könnte eine solche Chance sein?!

Schult: Ja auf jeden Fall. Aber im Fußball gewinnt eben nicht immer der Bessere. Wir werden alles geben und hoffen, dass wir etwas Nachhaltiges für den Frauenfußball erreichen können.


Stichwort Nachhaltigkeit. In anderen Ligen wie Spanien oder Italien gab es in der abgelaufenen Spielzeit Partien vor Rekordkulissen. Wäre so etwas auch in Deutschland möglich - und würde es etwas bringen in Bezug auf die Nachhaltigkeit?

Schult: Wir hatten solche Spiele auch schon. Wir haben vor der WM 2013 in der Allianz Arena vor 45.000 Zuschauern gespielt. Es gab auch schon Spiele in der Commerzbank Arena, wo über 40.000 Zuschauer da waren. Wir haben auch im Verein schon Spiele gehabt: Das Saisonfinale 13/14 haben am Elsterweg 12.500 Zuschauer gesehen. Das Problem ist, wir brauchen Nachhaltigkeit und keine Eintagsfliegen, die Eventzuschauer anlocken. Wir brauchen einen regulären Stamm an Fans. Ich habe mich über die Spiele in England, Spanien und Italien gefreut, aber ich hoffe einfach, dass der Zuschauerschnitt dauerhaft angehoben werden kann. Wir kämpfen seit Jahren um einen Schnitt von 1.000 - das erreichen wir leider aber nicht. In Wolfsburg gibt es das, es wäre aber schön wenn es 5.000 oder 7.000 wären.


Wie kann man Nachhaltigkeit erzielen?

Schult: Es gibt nicht diese festen Termine wie bei der Männer-Nationalmannschaft. Es wäre schön, wenn wir auch mal fester Bestandteil eines Kalenders sind. Wir sind „Gewohnheitstiere“. Es wäre schön wenn z.B. ein Spiel der Frauen-Bundesliga immer Sonntags um 18 Uhr kommen würde. Dann könnte man vielleicht auch mehr Leute dafür gewinnen.


Jetzt steht erstmal die WM an. Wer sind die Favoriten in Frankreich?

Schult: Der aktuelle Titelträger USA ist ganz vorne mit dabei. Aber auch Frankreich als Gastgeber ist mit dem Heimpublikum im Rücken ein großer Favorit. Sie haben viele gute Spiele abgeliefert zuletzt und mit Olympique Lyon den amtierenden Champoins-League-Sieger. Es gibt auch viele aufstrebende Nationen, wie Japan, Brasilien, Kanada, Australien. Wir gehören natürlich auch dazu, als Zweiter der Weltrangliste. Wir sollten uns auch nicht verstecken, aber wir sind auch in einem kleinen Umbruch mit der neuen Trainerin.


Ansonsten kann es auch Überraschungen geben. Der niederländische Frauenfußball hat einen Boom. Da sind die Spiele nach kurzer Zeit ausverkauft. Norwegen hat gute Spielerinnen in den Reihen. Es sind so viele mögliche Titelträger wie noch nie. Wir haben erstmals 24 Mannschaften im Turnier. Für uns wird es schon schwer genug, unter die besten drei europäischen Teams zu kommen. Ich denke da auch an Spanien, die sehr sehr guten Fußball spielen. Schottland mit ihrer kampfbetonten Spielweise. Unser großes Ziel ist die Olympia-Quali, um unseren Titel dort verteidigen zu können. Das allein ist schon eine Konstellation, die sehr schwierig werden kann.

Ist die Spitze breiter geworden?


Ist die Spitze breiter geworden?

Schult: Ja das ist auch schön. Die anderen Nationen haben aufgeholt und versuchen den Frauenfußball nach vorne zu bringen. Wir machen dabei keine Rückschritte, sondern vielleicht einfach nur etwas kleinere. Ich hoffe, sie werden wieder größer. Aber vor dem Maximum sind die letzten Schritte eben schwieriger - viele Nationen klopfen deshalb bei uns an, haben aufgeholt. Ich hoffe wir können sie noch hinter uns halten.


Vielen Dank für das Gespräch - das 90min-Team drückt alle Daumen für die WM in Frankreich!


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