​Mit seiner Inthronisierung als Vorstandsboss erhoffte man sich beim Hamburger SV vor allem zwei Dinge: Stabilität und Kontinuität. Seine markigen Worte vom April, als er prophetisch anmutend von der nächsten Krise des Trainers (zu dem Zeitpunkt Hannes Wolf) im Oktober redete, und davon, dann eben nicht die üblichen Mechanismen walten zu lassen, fliegen ihm spätestens seit dieser Woche um die Ohren. ​Bernd Hoffmann (56) muss jetzt liefern. Und die von ihm geholten Leute. 


Man fragt sich manchmal schon: stimmen die sich da überhaupt ab, im Volkspark? Am Mittwoch, das ist mal gerade drei Tage her, war der damalige Sportdirektor Ralf Becker noch voll damit beschäftigt, einen neuen Trainer an die Elbe zu lotsen. Gespräche mit ​Dieter Hecking sollen zu dem Zeitpunkt bereits mehr als fortgeschritten gewesen sein. Und praktisch auf der Zielgeraden dieser Trainersuche - wird der Sportchef entlassen! 


Unwillkürlich musste ich in diesem Moment an Dieter Hecking denken. Was denkt so ein Mensch in diesem Moment? Jetzt kann dieser erfahrene Bundesligatrainer sicherlich nicht überrascht davon sein, dass es beim HSV gerne mal drunter und drüber geht, aber jeder stelle sich mal selbst diese Frage: wie würde man ein Unternehmen bewerten, mit dem man in aussichtsreichen Verhandlungen über eine Anstellung steht und dessen Vertreter dann plötzlich von heute auf morgen von der Bildfläche verschwindet. Zufall? Eine weitere von gefühlt hunderten Rochaden, die den Verein letzten Endes dahin geführt haben, wo er jetzt steht? Womöglich gar eiskaltes Kalkül? 


Hoffmanns letzter Anlauf - Dieter Hecking?


Und dennoch: trotz dieser alles andere als transparenten Situation hört man aus Heckings Umfeld, dass er sich weiterhin vorstellen kann, in Hamburg zu arbeiten. Und auch die Worte von ​Jonas Boldt (37) bei seiner gestrigen Präsentation, konkret auf die Trainerfrage angesprochen, lassen zumindest Interpretationen in dieselbe Richtung zu: "Wir suchen einen Mann, der für Ruhe und Stabilität steht, mit dem Kontinuität zu erreichen ist." (Hamburger Abendblatt

Worte, die fast definitorisch die Person von Dieter Hecking beschreiben. Alles andere wäre auch, gelinde gesagt, ziemlicher Humbug. Wobei das die handelnden Leute beim HSV ja noch nie davon abgehalten hat, es trotzdem zu tun. 


Welche Kandidaten, die noch nicht benannt worden sind, könnten es auch sein? Ein Roger Schmidt (52), der in bestimmten Internet-Foren öfter mal genannt wurde, hat noch einen bis Ende des Jahres laufenden Vertrag in China (Beijing Guoan) und ist dort momentan sehr erfolgreich unterwegs. Kaum vorstellbar, wie der HSV diesen Trainer - schon rein finanziell -  stemmen sollte. Klar ist: der neue Trainer im Volksparkstadion muss eigentlich sofort funktionieren. Muss die Spieler, die bereits geholt wurden, irgendwie in seine Planungen einbinden und zusammen mit Boldt den Rest des Kaders für das Unternehmen "Rückkehr in Liga 1" zusammenstellen. Sollte ihm das nicht gelingen, wird man sich beim Hamburger SV auch über Bernd Hoffmann Gedanken machen müssen. Seit gestern hat Hoffmann noch genau eine Patrone im Revolver.