Dass früher alles besser war, ist natürlich eine Mähr. Vielmehr ist diese "Erkenntnis" der menschlichen Psyche und ihrem Drang nach Orientierung geschuldet. Wo kennt man sich besser aus​ - im Neuland oder auf altbewährten Pfaden? Doch gleichzeitig ist der Mensch auch ein Entdecker, denn sonst würden sie vielleicht heute noch in den High Plains Büffel jagen, und eine Korrespondenz von Europa nach Asien würde immer noch einen Monat beanspruchen. Aber manchmal wünscht man sich, zumindest im Volkssport Nr. 1, eine Abkehr vom frenetisch getakteten Zeitgeist des immer noch ein Stückchen höher Wollens, des immer noch ein bisschen schneller drehenden Rades. So wie früher halt. 


Als Interviews aus der Mannschaftskabine (die selten genug waren!) noch ohne Verpixelungen männlicher Attribute daherkamen. Oder als sich der eine oder andere Spieler (nicht wahr, Herr Basler?) noch hinter der Kabine in blauen Zigarettenqualm hüllte, um nach der nikotinsättigenden Dosis auch noch gleich dem im Mannschaftsbus abfahrenden Konkurrenten irgendwelche drohenden Ankündigungen hinterherzurufen. Eigentlich off the records, aber dennoch für alle im Volk bequem per Fernsehtechnik in die Wohnzimmer getragen. 


Wo sind sie geblieben, die Uwe Klimaschefskis ("Michael Blättel hat sich heute Nacht im Bett verletzt. Wie er das getan hat, weiß ich nicht.") oder Ernst Middendorps ("Knien sie nieder, Sie Bratwurst!")? Wo ist das Klare hin? Das Ehrliche? Was, weiß Gott, auch nicht immer richtig war. Aber erfrischend menschlich.


Statt dessen: stromlinienförmiges Einerlei - schließlich sitzen heute nicht mehr ein paar, teils auch schon betrunkene, Reporter vor dir, sondern eine ganze Hundertschaft. Und wo früher gar kein Mikro stand, sind heute ein halbes Dutzend fest auf der von Sponsoren beschrifteten PK-Tribüne installiert. Und was heute morgen gesagt wird, ist spätestens am Nachmittag einmal um den Erdball gewandert. Mit der entsprechend millionenfach multiplizierten Resonanz. 


Klar, der Fußball ist professioneller geworden. Schneller, technisch versierter, mitreißender - was das Geschehen nur allein auf dem grünen Rasen betrifft. Doch parallel dazu hat auch im Umfeld eine geradezu revolutionäre Entwicklung eingesetzt - nichts wird mehr dem Zufall überlassen. Es gibt Messungen zu allen möglichen Körperfunktionen, das Bild vom "gläsernen" Spieler macht die Runde. Blutzuckerwerte? Ausdauerdiagramme? Alles in Rekordzeit mess- und wieder abrufbar. Fußball als industrielles Hochglanzprodukt. 


Ok, in manchen Vereinen glänzender als in anderen. Wie in der freien Wirtschaft auch. Manche produzieren Porsches, andere Kias. Aber der zwischenmenschliche Faktor wird immer mehr, so scheint es, eliminiert. Maulkörbe gab es in den siebziger und achtziger Jahren gar keine - weil die entsprechenden Fragen gar nicht gestellt wurden. Die zwei, drei Reporter von den hiesigen Tageszeitungen bekamen ihre Mannschaftsaufstellungen, vielleicht noch die eine oder andere Idee des Trainers für das anstehende Spiel, und anschließen versackte man in der Vereinskneipe. Und wenn sich der Presse-Futzi doch mal nicht unterstehen konnte, ein paar Interna auszuplaudern, gab's am Tag darauf verbal was auf die Schnauze und das Ding war gegessen. 


Doch heute, wo alles gespeichert und irgendwann wieder hervorgeholt werden kann, werden die in dieses Geschäft involvierten Beteiligten immer vorsichtiger. Lieber erstmal gar nichts sagen, als was falsches. Dadurch sind ganze, dem früheren Fußball völlig fremde Berufsgruppen, wie die des Beraters, entstanden. Einen der berüchtigsten von ihnen ​hat die FIFA gerade für ein halbes Jahr sperren lassen. Von mir aus könnte es auch lebenslänglich sein. 


Was ist überhaupt aus den Spielern geworden? Brauchen die jetzt schon Berater, um pinkeln zu gehen? Wie haben die das vorher gewuppt? Ok, war insgesamt weniger Kohle im Umlauf. Was der Bayern-Kader anno 1980 zusammen wert war, verdient heute der linke Außenverteidiger von Real Madrid - allein! Geld hat also alles zerstört? Mitnichten, denn Geld hat schon immer als Stimulanz gewirkt. Auch - oder gerade im Fußball. 


Denn im Verhältnis zum Rest von Europa war die Mannschaft des Weißen Ballets (also von ​Real Madrid) Mitte der Fünfziger auch damals schon obszön kostspielig. Geld war also schon immer wichtig im Fußball. Doch gibt es wohl noch einen Unterschied zwischen wichtig sein und alles entscheidend. Doch genau darauf steuert der Fußball momentan zu - man halte sich nur die Pläne der großen Klubs bezüglich ​einer europäischen Super League vor Augen. Würde man heute einen klassischen Vertreter der Trainer-Garde von damals, sagen wir mal einen vom Himmel zurückgekehrten Ernst Happel, dazu befragen, bekäme man wohl dieselbe Antwort, die er auch in den achtziger Jahren gegeben hätte: "So ein Schmarrn!"