​Das Gute aus ​HSV-Sicht vorweg: die Saison ist bald zu Ende. Das Schlechte: es wartet ein dermaßen hoher Berg an Arbeit, dass die Zeit bis zum Beginn der neuen Spielzeit durchaus knapp werden könnte. Doch der Super-GAU des Nicht-Aufstiegs kann jetzt tatsächlich auch eine Chance sein. Wenn das Grundübel angegangen wird. Und das ist nicht der Trainer.


Die Trainerfrage kam, nicht überraschend, sofort auf. Doch Ralf Becker ließ sich erstmal nicht in die Karten schauen. Was er sagte ("Wir werden jetzt alles in Ruhe besprechen"), kann dennoch dahingehend interpretiert werden, dass es für Trainer Hannes Wolf wohl keine Zukunft mehr beim HSV gibt. 


Zwar ist der Ansatz der Bosse lobenswert, es nicht immer beim ewig gleichen Mechanismus (keine Punkte, also neuer Trainer her!) zu belassen, doch angesichts der seit Monaten anhaltenden Talfahrt der Rothosen ist eine ​weitere Zusammenarbeit wohl nur schwer vermittelbar. 


Und das, obwohl in der Stadt mittlerweile eine Art Apathie, eine gewisse Gleichgültigkeit eingesetzt hat. Es gibt auch nicht den großen Zorn auf den Trainer, denn die Wahrheit dieses Spiels liegt bekanntlich auf dem Platz - und da haben vor allem die kickenden Angestellten des Vereins versagt. Aber es ist auch nicht minder wahr, dass ein Trainer genau dafür verantwortlich ist. Im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten des Vereins hat Wolf die Spieler gekriegt, die er haben wollte. Ihm ist vorzuwerfen, während der ganzen Saison keine Antwort auf die fehlende Souveränität der Mannschaft gefunden zu haben.


Eine Frage der Mentalität


Doch macht man es sich mit einem Trainer-Wechsel vielleicht nicht doch zu leicht? Das Grundübel können nicht die gefühlt zwanzig Trainer in den vergangenen zwanzig Jahren gewesen sein - denn das wäre doch ein arger Zufall. Vielmehr scheint ein jeder Trainer, der in Hamburg neu anheuert, in eine Art Bermuda-Dreieck zu fallen. Oder in die schon oft zitierte Wohlfühl-Oase HSV. Ein Beispiel: vor Jahren gab mal ein ehemaliger HSV-Spieler zu Protokoll, dass er nach einer seiner ersten Trainingseinheiten noch ein paar Freistoßvarianten üben wollte. So wie er es von seinem vorherigen Verein kannte. Doch da sei er von den Alteingesessenen zurückgepfiffen worden, mit den Worten: "Wir gehen das hier alle etwas entspannter an." Wenn sowas also in einem Klub möglich ist, und dem auch von dem jeweiligen Trainer nicht entgegengewirkt wird, braucht man sich über alles Weitere nicht mehr wundern.


Auch die Aussagen nach dem Paderborn-Desaster vom Sonntag lassen sehr üble (aber gleichzeitig sehr erhellende) Rückschlüsse zu. "Wir haben wahrscheinlich nicht alles gegegen", sagte Torwart Mickel nach dem Spiel. Nicht alles gegeben? Aber das Gehalt schon in voller Höhe mitgenommen? Geht´s denn noch? Auch Aaron Hunt schlug in dieselbe Kerbe: "Nach dem St.Pauli-Spiel haben wir auf jeden Fall nie mehr unsere Leistung auf den Platz gebracht." Interessant. Und noch interessanter, dass anscheinend auch dieser Trainer (wie alle der letzten Jahre!) diesem Fehlen von Ehrgeiz und Einsatzbereitschaft nicht entgegensetzen konnte. Das aber ist Grundvoraussetzung, um diesen leckgeschlagenen Kahn wieder seetüchtig zu machen. Dafür bedarf es nämlich mehr als nur der Bestellung eines neuen Trainers. Denn der ist eine ziemlich lahme Ente, wenn - durch den Verein gedeckt - die Spieler nur das absolut Notwendige abliefern und nicht bereit sind, über ihre Schmerzgrenze hinaus zu gehen.

Aaron Hunt

HSV-Kapitän Aaron Hunt legte den Finger nach dem Paderborn-Desaster tief in die Wunde


Da sind auch die Verantwortlichen in den oberen Etagen gefragt. Es muss wieder eine Sieger-Mentalität her. Eine allgemeine Stimmung, in der jeder Spieler weiß: wenn ich hier keine Leistung bringe, bin ich ganz schnell wieder weg. Davon war auch in dieser Spielzeit nichts zu sehen. Spieler wie Aaron Hunt, mit seiner Verletzungsanfälligkeit und oft lethargischen Spielweise, haben beim HSV ihre Position sicher, weil sich nicht ein einziger Spieler im Kader als Alternative aufgedrängt. Auch ein Lewis Holtby hat sich am Ende seiner vierjährigen Zeit beim Traditionsklub als Kameradenschwein selbst entlarvt. Zu viele faule Äpfel im Korb, als dass nicht der ganze Rest auch verderben würden. 


Ein Nachfolger für Wolf hätte schon mal als Hypothek vier Spieler im Kader, für die er persönlich nicht verantwortlich zeichnet (Dudziak, Kinsombi, Gyamerah und Pakia). Mit Lukas Hinterseer käme eventuell schon diese Woche ein fünfter hinzu. Dennoch wäre jetzt der richtige Zeitpunkt, den Trainer zu wechseln. Sogar noch vor dem Duisburg-Spiel. Was aber viel wichtiger ist: der Trainer muss mit vollen Kompetenzen ausgestattet sein. Um den Kader auszumisten und die entsprechenden Neuzugänge zu holen. 

Die natürlich auch nicht viel kosten dürfen. Aber andere Vereine kriegen es ja auch hin. Unzufriedene Spieler, die bei ihren Klubs keine Rolle spielen, gibt es in allen Klubs der ersten, zweiten und sogar dritten Liga. Von den ausländischen Ligen ganz zu schweigen. Gefragt sind ab jetzt Spieler, die hier mit dem HSV was erreichen, und nicht nur weiterhin ein üppiges Gehalt beziehen wollen. Denn dafür ist der HSV (leider) mittlerweile europaweit bekannt: trotz sportlichen Niedergangs immer noch mehr als anständige Gelder zu zahlen.


Jeder Spieler, der in die Hansestadt kommt, lernt schnell: Hier krieg ich gute Kohle, ohne dass von mir wöchentlich Spitzenleistungen erwartet werden. Das Todesurteil für jegliche sportlichen Ambitionen. Also, ob nun mit neuem Trainer oder doch nochmal mit Hannes Wolf - was sich beim HSV von Grund auf ändern muss, ist die Leistungskultur. Sonst kann man auch noch hundert weitere Trainer an die Elbe lotsen - es würde sich nie etwas ändern.