In den vergangenen drei Jahren war der FC Barcelona an den bemerkenswertesten Aufholjagden der Champions League beteiligt, zwei Mal erlebten die Katalanen dabei eine bittere Enttäuschung: Nach dem Aus im Viertelfinale gegen die AS Rom in der Saison 2017/18 ging der spanische Meister am gestrigen Abend mit 0:4 beim FC Liverpool baden. Wieder einmal wurde eine komfortable Ausgangslage verspielt, wieder einmal muss man sich die Frage stellen, welche Gründe dahinter stecken. Die folgende Übersicht soll einen Aufschluss darüber geben, indem Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den vergangenen beiden Jahren erörtert werden.


Frühes Gegentor - Später Knock-Out​

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Beide Male ging Barça mit einer Drei-Tore-Führung in das Rückspiel, das sowohl gegen Rom als auch gegen Liverpool in der Fremde stattfand: Im vergangenen Jahr fertigten Messi & Co. die Roma im Camp Nou mit 4:1 ab, der FC Liverpool kassierte eine 0:3-Niederlage. 


Sowohl das Stadio Olimpico als auch das Anfield machten jedoch schon vor dem Anpfiff klar: Vorbei ist dieses Duell noch lange nicht. Auch die gegnerischen Mannschaften brannten früh für die Aufholjagd: Während Edin Dzeko im vergangenen Jahr in der sechsten Minute das 1:0 erzielte, war Divock Origi in der siebten Minute für Liverpool zur Stelle. Der Belgier machte mit seinem Tor zum 4:0 in der 79. Minute alles klar, auf Seiten der Roma erzielte Kostas Manolas in Minute 82 das entscheidende Tor zum 3:0.


Ging Barça die Spiele zu locker an?

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Das Polster reichte der Mannschaft offenbar im Vorfeld schon aus, dabei feierte der FC Barcelona in der Saison 2016/17 Historisches: Nach einer 0:4-Niederlage im Achtelfinal-Hinspiel bei Paris St. Germain fertigte der Champions-League-Sieger von 2015 den Scheich-Klub aus der französischen Hauptstadt vor heimischer Kulisse mit 6:1 ab, das entscheidende Tor erzielte Sergi Roberto kurz vor Schluss.


Aufgrund der kaum vorhandenen Konkurrenz in der Liga - auch, weil Real Madrid schwächelte, war Barça erneut das Maß der Dinge - könnte es daher sein, dass die Spieler die Ausgangslage unterschätzt haben, obwohl Luis Suarez vor dem Rückspiel in Liverpool noch betonte, Unkonzentriertheiten wie in Rom werde es nicht noch einmal geben.


Doch so schwach wie die Mannschaft von Ernesto Valverde bereits im Vorjahr verteidigte, so sorgenlos erschien sie auch an der Anfield Road: Das 0:1 erfolgte nach einem Fehlpass von Jordi Alba, beim 0:2 verlor Ivan Rakitic den Ball, ehe Xherdan Shaqiri von links frei flanken durfte und Georginio Wijnaldum unbedrängt das 0:3 per Kopf erzielen durfte. Das vierte Gegentor fiel nach einem Geistesblitz von Trent Alexander-Arnold, der den Eckball auf Origi schlug, ehe sich die Katalanen überhaupt positioniert hatten - dabei war der Ball schon längst freigegeben. 


Schwache Chancenverwertung

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Bereits nach dem Hinspiel war der Ärger groß: Ousmane Dembélé hätte kurz vor Schluss noch auf 4:0 erhöhen können, ließ seine Chance allerdings leichtfertig liegen. Ähnlich ungenau präsentierte sich Barcelona auch am Dienstagabend: Speziell im ersten Durchgang, kurz nach dem Führungstor von Origi, hatte die Offensive um Lionel Messi genügend Chancen, den Ausgleich zu erzielen. Liverpool verteidigte manches Mal zu nachlässig, doch während Marc-André ter Stegen im Hinspiel eine starke Leistung zeigte, war es diesmal Alisson Becker auf der Gegenseite, der seine Mannschaft vor einem Gegentor bewahrte.


Nach dem Seitenwechsel fand die Offensive kaum statt - wie in Rom. Damals wachte Barça erst nach dem 0:3 auf, kam allerdings kaum zu Chancen. Ein ähnliches Bild gab die Mannschaft auch in Liverpool ab, wo in Durchgang zwei nur noch die Hausherren spielten.


Warnschuss im Hinspiel

Georginio Wijnaldum

Einer der Hauptunterschiede: Während die Roma im Hinspiel alles andere als gefährlich wirkte, zeigte Liverpool dem FC Barcelona bereits in den ersten 90 Minuten die Grenzen auf. Im Camp Nou waren die Spieler von Jürgen Klopp die zum Teil spielbestimmende Mannschaft, mit ihrer Leistung war der 51-Jährige äußerst zufrieden. Der Unterschied: Vor einer Woche nutzte Barça seine Chancen, diesmal allerdings war Liverpool die effizientere und im Angriff konsequentere Mannschaft. 


Der Klopp-Effekt

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Anders als Pep Guardiola oder José Mourinho ist Jürgen Klopp kein allzu großer Titelsammler. Dennoch zeichnet ihn etwas Besonderes aus: Der Ex-Trainer von Mainz 05 und Borussia Dortmund pflegt einen guten Umgang mit den Spielern und schafft es immer wieder, dass seine Schützlinge bis an ihre Grenzen gehen und sich bis zum Schlusspfiff für die Mannschaft aufopfern.


Klopp ist ein Motivator, der nie Zweifel aufkommen lässt, der immer daran glaubt, dass alles möglich ist. Er ist derjenige, der den FC Liverpool aus dem Tief der vergangenen Jahre herausgeholt hat, der - auch mit der Hilfe von exorbitanten Investitionen - den Verein wieder zu einer echten Größe gemacht hat. Seit zwei Jahren wird seine Mannschaft immer besser, der Erfolg immer greifbarer - und der Glaube daran, dass die Entwicklung Früchte trägt, immer größer. Dass die Reds zum zweiten Mal in Folge ins Finale der Champions League einziehen und die Saison womöglich mit 97 Punkten beenden werden, ist alles andere als ein Wunder - es ist das Ergebnis harter Arbeit und dem Glauben, etwas Großes schaffen zu können.


Anfield

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Das Stadion an der Anfield Road steht für Magie, für besondere Nächte und Erlebnisse, die kaum jemand vergessen wird. Sei es das wichtige Tor von Steven Gerrard gegen Olympiakos Piräus in der Champions-League-Saison 2004/05, das Weiterkommen in der Europa League gegen Borussia Dortmund (4:3) oder das Siegtor von Divock Origi im Merseyside-Derby gegen den FC Everton in der sechsten Minute der Nachspielzeit. 


Am Dienstag hat Anfield erneut Geschichte geschrieben - nicht nur dank der Spieler, sondern auch dank der Fans. Auf den Rängen ist früh der Optimismus und der Glaube zu spüren, die Zuschauer stehen - besonders auf der legendären Tribüne 'The Kop' - bis zum Schluss hinter ihren Spielern. Sie tragen die Männer auf dem Feld, unterstützen sie lautstark bis zum Ende und verleihen dem Stadion eine einmalige Atmosphäre. Auch das Stadion hat den FC Barcelona in die Knie gezwungen.