​Du hast keine Chance - also nutze sie! Mit diesem Paradoxon wird für gewöhnlich jemand Mut zugesprochen, der vor einer eigentlich aussichtslosen Situation steht. So wie heute Abend der ​Hamburger SV.

Wenn man es mit den Rothosen hält und vor dem heutigen ​DFB-Pokalhalbfinale gegen RB Leipzig (20.45 Uhr) noch etwas Aufmunterung erfahren will, sollte man die jüngste Bilanz beider Teams auf keinen Fall zu Rate ziehen. Zu erdrückend scheint das Übergewicht der millionenschweren Truppe aus Leipzig. Die Sachsen gewannen die letzten sieben (!) Auswärtsspiele in der Liga (zuletzt verloren sie im Dezember bei den Bayern), dazu das Pokalviertelfinale beim FC Augsburg. Will heißen: da kommt heute eine ganz, ganz breite Brust in den Volkspark.


Der Druck liegt bei RB


Doch den HSV sollte das nicht entmutigen. Er hat keine Chance, also... kann er auf jeden Fall schon mal ohne Druck in das Spiel. Der schien die Hamburger in den letzten fünf Zweitligabegegnungen irgendwie zu lähmen, vor allem vor heimischen Publikum. Den Druck, weiterkommen "zu müssen" haben heute Abend die Sachsen. Aufgrund der Ergebnisse der letzten Wochen, aufgrund ganz einfach eines siebenmal so hohen Marktwerts gegenüber dem Rivalen. (HSV: 59 Millionen Euro, RB Leipzig: 432 Millionen Euro, via transfermarkt.de)


Faktor Publikum​


Ein weiteres Argument für eine Pokalsensation wäre das Hamburger Publikum. Leidgeprüft durch Jahrzehnte des schleichenden sportlichen Verfalls, ist es dadurch sehr geduldig geworden. Und dankbar für die kleinsten Anzeichen fußballerischen Könnens. Ein solches Publikum kannst du ganz schnell (und noch lauter!) auf deine Seite ziehen, wenn du von Anfang an klar machst: wir werden uns hier nicht im Vornherein ergeben. 


Vom Gegner unterschätzt?​


Ein Publikum merkt auch schnell, was in so einem Spiel in den Köpfen der Spieler abgeht. Nicht nur in Bezug auf die eigene Mannschaft: sollten die RB-Kicker heute meinen, vielleicht ein oder zwei Gänge zurückschalten zu können, um im Energiesparmodus ins Berliner Finale einzuziehen, wird dies das Publikum umso leidenschaftlicher machen. Und die Gefahr, den Gegner heute zu unterschätzen, ist - aus Leipzigs Sicht - durchaus gegeben. 


Faktor "PML"​


Und dann gibt es sogar noch ein rein sportliches Datum, an das jeder HSV-Fan heute Abend seine Hoffnungen knüpfen kann: mit Pierre-Michel Lasogga (27) steht der beste Torschütze des diesjährigen Pokalwettbewerbs in Reihen des HSV. Sechsmal traf der bullige Stürmer bereits. Von den noch verbliebenen Konkurrenten unter den Halbfinalisten, kommt ihm Robert Lewandoswki (30) mit drei erzielten Toren noch am nächsten. Bei noch maximal zwei ausstehenden Spielen sieht es aktuell sehr nach einer "Pokal-Torjägerkanone" made in HSV aus. 


Also, völlig chancenlos geht der HSV heute nicht in dieses unter Umständen epochale Spiel (seit 32 Jahren stand der Traditionsklub nicht mehr in einem Pokalfinale). Er hat, salopp gesagt, eigentlich keine Chance...