Wenn, dann jetzt. So müssen es sich die Verantwortlichen beim FC St. Pauli gedacht haben. Nach mehreren Wochen der Erfolglosigkeit, eine demütigende 0:4-Niederlage im Stadtderby inklusive, haben sie die Reißleine gezogen und beide unmittelbar für die sportlichen Belange Verantwortlichen gefeuert. Für den Trainer-Job ist ein Nachfolger schon gefunden. 


Noch am Wochenende hatte Sportchef Uwe Stöver laut kicker unmissverständlich klargestellt: "Eine Diskussion über den Trainer ist bei uns kein Thema. Wir werden gemeinsam die Dinge angehen und gemeinsam versuchen, sie in die richtige Richtung zu lenken. Das ist keine Geschichte, die einzig und allein auf den Schultern des Trainers liegt. Da nehme ich mich nicht aus." 


Keine vier Tage später hat sich diese Einschätzung für Stöver auf unerwartete Art bewahrheitet: Denn seit heute liegt das künftige Schicksal der Mannschaft weder auf seinen Schultern noch auf denen von Markus Kauczinski - ​beide wurden per sofort aller ihrer Aufgaben entbunden. Der Zeitpunkt ist dabei so gerade noch rechtzeitig: sechs Spiele bleiben dem neuen Trainer Jos Lukukay, um die verunsicherte Mannschaft wieder in die Spur zu bringen. Die Aufgaben von Stöver übernimmt interimsweise der kaufmännische Geschäftsführer Andreas Rettig, der seinerzeit schon für den kommenden September seinen Abschied aus Hamburg verkündet hat.


Rein tabellarisch ist für die "Braunen" in dieser Spielzeit noch alles drin. Vier Punkte Rückstand auf den Relegationsplatz sind bei noch achtzehn zu vergebenen Punkten keine Unmöglichkeit. Doch bei den Verantwortlichen schien am Ende nicht mehr der Glaube da gewesen zu sein, dieses Unternehmen mit den bisherigen Entscheidungsträgern im sportlichen Bereich erfolgreich bestreiten zu können.


"Wir haben uns diese Entscheidung nicht leicht gemacht, gerade weil wir Uwe und Markus persönlich sehr schätzen. Aber im Sinne des ​FC St. Pauli halten wir diesen Schritt für notwendig, um die Saison sportlich erfolgreich zu beenden und die Weichen für die neue Saison stellen zu können", begründete Vereinspräsident Oke Göttlilch die Maßnahme.

Der FC St. Pauli war und ist in vielerlei Hinsicht ein besonderer Klub. Mit seiner toleranten Fan-Kultur ist er sowas wie ein Biotop, in dem sich Minderheiten jeglicher Couleur wohlfühlen konnten und können - man hob sich angenehm von der schrillen, bisweilen chaotischen Gemütslage anderer Klubs in diesem Land ab. Beim FC St. Pauli hatten noch Werte Bestand, die bei den meisten Klubs so nicht mehr zu finden waren. 


Doch dieses Bild hat gerade in dieser Saison erheblichen Schaden genommen. Die Vorfälle rund um das Lokalderby gegen den HSV, die Schmähplakate gegen eigene Spieler (Jeremy Dudziak) - das alles kannte man von dem Millerntor-Klub nicht. Und wenn andernorts, manchmal auch nur wenige Kilometer Luftlinie Richtung Westen, Trainer beinahe im Monatsrhythmus ausgetauscht wurden, verwies man selbst gerne auf Dinge wie Kontinuität und Langfristigkeit. 


Doch die Zeiten scheinen sich zu wandeln. Und so ist auch die Antwort eines FC St. Pauli auf drängende sportliche Fragen mittlerweile so einfallsreich wie bei jedem anderen Klub auch: alter Trainer weg, neuer Trainer her. Bleibt zu hoffen, dass sich die Identität des Klubs in den kommenden Monaten und Jahren nicht noch weiter bis zur Unkenntlichkeit verwässert. Nicht nur für den deutschen Fußball wäre das ein sehr schlechtes Zeichen.