​Der Tag nach dem einseitigsten Spitzenspiel, das man sich hätte vorstellen können. Der ​FC Bayern München hat durch den 5:0-Sieg über ​Borussia Dortmund seine Ambitionen auf die deutsche Meisterschaft eindrucksvoll untermauert. Am Sonntagmittag haben sich Hans-Joachim Watzke und Karl-Heinz Rummenigge beim Sender Sky zur Aufarbeitung des Duells getroffen. 


Bei Wontorra - der Fußball-Talk ließ man beide Seiten zu Wort kommen. In Person von Karl-Heinz Rummenigge sprach nicht nur der gestrige Sieger, sondern auch Hans-Joachim Watzke als Verantwortlicher von Borussia Dortmund, das in der Allianz Arena ​eine bittere Pleite in Kauf nehmen musste. Dass die Niederlage Watzke noch schmerzte, war ihm auch im Gesicht abzulesen. "Es zerrt noch ein bisschen, aber das ist doch klar. Wenn es einen verdienten Sieg gab, dann gestern", erklärte der Vereinsboss (via Bild). 


"Du hattest das Gefühl, dass wir nicht da waren. Das hat mit der Herangehensweise zu tun", kritisierte Watzke seine eigene Mannschaft. Man müsse das Spiel intern analysieren, denn es sei indiskutabel, wie man aufgetreten sei. "Wir hätten mehr draufgehen müssen, aggressiver sein müssen", sagte er. Allerdings: "Man muss die Kritik aber ein Stück weit relativieren: Diese Mannschaft hat unfassbares geleistet."


Rummenigge: Double ist das Ziel


Rummenigge dagegen war die Erleichterung anzumerken: "Für uns war es klar, dass wir das Spiel gewinnen müssen. Die Mannschaft hat das gut gemacht, hat von der ersten Sekunde Druck gemacht. Das Spiel ist glücklich verlaufen, aber es gab keine Alternative. Wenn wir nicht gewonnen hätten, hätte Dortmund den Vorteil", beteuerte Rummenigge. Jetzt habe man die vermeintlich bessere Ausgangsposition. "Wir werden Meister", sagte der Vorstandsvorsitzende  selbstbewusst, als Wontorra fragte, ob Kovac Trainer bleiben darf, wenn er Vizemeister werde. Und das Ziel? Ist das "Double". 


Eine Woche nach dem ernüchternden 1:1 in Freiburg hat der FC Bayern den BVB ​wieder von der Tabellenspitze verdrängt. Der Vorsprung beträgt aber nur einen Punkt und eine Tordifferenz von +15. Darauf verwies auch Watzke: "Morgen, spätestens Dienstag werden wir merken, dass es nur ein Punkt Rückstand ist. Und dann werden wir mal sehen, wie es weitergeht", schob Watzke optimistisch ein. 


Watzke nimmt Zagadou in Schutz - und will Meister werden


Watzke nahm außerdem den 19-jährigen Dan-Axel Zagadou in Schutz, der mit einem fiesen Aussetzer bei einem Querpass das 0:2 einleitete und darüber hinaus komplett neben sich stand: "Der hat natürlich nicht die Erfahrung wie ein Hummels oder Lewandowski, die einen langen Lauf haben." Insgesamt gehöre der Umgang mit so einer "Klatsche" zum "Reifeprozess" für die gesamte Mannschaft, betonte Watzke. 


"Natürlich wollen wir Meister werden, aber wir haben in der Bundesliga jetzt zum dritten Mal einen ​Meisterschaftskampf in diesem Jahrzehnt, den wir lange nicht hatten", sagte Watzke. Die Meisterschaft haben die Westfalen selbstverständlich längst noch nicht abgeschrieben. 


Keine Job-Garantie für Kovac

Was lief im Topspiel gegen Dortmund besser als im Champions-League-Rückspiel gegen Liverpool? "Ich war schon frustriert nach dem Liverpool-Spiel. Wir haben das Rückspiel nicht mit ausreichend Mut und Herz gespielt. Wir hätten wie gestern mit offenem Visier angreifen sollen", befand Rummenigge.


Für Trainer Niko Kovac gebe es allerdings keine Job-Garantie. "Jeder muss liefern, das ist das Prinzip bei Bayern München. Mit diesem Druck muss jeder umgehen können. Weil wer damit nicht umgehen kann, ist beim falschen Klub", äußerte sich Rummenigge. Darüber hinaus stellte der 63-Jährige die Rotation von Kovac im Herbst 2018 infrage. "Was im Oktober und November passiert ist, war selbstkreiert. Wir haben uns selbst das Bein gestellt, weil der Trainer in unglaublich großem Stil rotiert hat", erklärte Rummenigge. 


"Ich bin ein erbitterter Gegner der Rotation. Ich bin ein Fan davon, dass die besten elf Spieler in der Startelf sind. Da sind ein paar Dinge in die falsche Richtung gelaufen. Das haben wir deutlich angesprochen und das ist dann korrigiert worden", sagte Rummenigge: "Du kannst ein bisschen rotieren. Aber wenn du zu viel rotierst, ist das Gebilde nicht mehr so tragfähig." Zwischen den Zeilen konnte man eine nachdrückliche Kritik am Trainer wahrnehmen. Der Druck auf den Kroaten bleibt also nach wie vor hoch. 


Guter Altersmix bei den Bayern


Angesprochen auf die Kritik an der Altersstruktur der Bayern, sagte Rummenigge: "Du brauchst auch erfahrene Häuptlinge auf dem Platz. Wir haben einen guten Mix. Wir haben eine Mannschaft auf dem Platz gebracht, die ein Durchschnittsalter von 27 Jahren hatte. Wenn Sie die Champions-League-Sieger der letzten Jahre sich anschauen, da gab es keine Mannschaft, die einen jüngeren Altersschnitt hatte." Watzke pflichtete Rummenigge bei: "Bayern hat den Umbruch nicht versäumt. Hummels war gestern der beste Mann auf dem Platz."


Über die Degradierung von Hummels, Boateng und Müller


Und dann gab es ja noch die Degradierung der Nationalspieler Thomas Müller, Mats Hummels und Jerome Boateng durch Bundestrainer Joachim Löw. Rummenigge übte Kritik am Zeitpunkt der Ausbootung: "Was mir nicht gefallen hat: Es war eine große Zeitspanne von den letzten Länderspielen im November bis zu den Spielen vor ein paar Wochen. In dieser Spanne hätte man das etwas intelligenter und sympathischer gestalten können. Da stand auf einmal der Bierhoff unangekündigt im Büro am Faschingsdienstag. Kurz danach auch noch Joachim Löw. Das kam mir vor wie eine James-Bond-Aktion aus dem Nichts heraus. Das fanden wir alle nicht so toll. Das war für Mats und Thomas ein Schock. Jerome war, glaube ich, schon innerlich drauf vorbereitet." 


Kahn-Engagement deutet sich an


Ansonsten sprach der Ex-Stürmer über den Plan, Oliver Kahn als seinen Nachfolger zu installieren: "Er soll von mir eingearbeitet werden. Ich finde die Entscheidung sehr schlüssig", merkte Rummenigge an. "Der Aufsichtsrat hat schon grünes Licht gegeben. Ich traue das Olli zu. Das macht Sinn, auch aus Gründen der Fannähe. Olli ist klug und kennt den Verein." 2021 wolle der Vorstandsvorsitzende "den Staffelstab" an Kahn übergeben. 


Von einem immer wieder in den Medien zitierten Klassenunterschied der Bundesliga gegenüber der europäischen Konkurrenz wollte Watzke indes nichts wissen: "Gegen Tottenham waren wir in drei Halbzeiten die bessere Mannschaft, in einer haben wir versagt." In Deutschland habe man einen Meisterschaftskampf, sehr viele gute, begehrte Spieler. "Es ist nicht so, dass wir in Sack und Asche gehen müssen", sagte Watzke.