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Leipzig, Lyon und Co.: 9 Fußballklubs mit spezieller Transferpolitik

Es gibt Klubs, die schmeißen mit Geldscheinen nur so um sich. Es gibt Klubs, die investieren klug in Talente. Und dann gibt es Klubs, die Strategien fahren, die schon sehr eigentümlich sind. Aber häufig sind sie damit auch sehr erfolgreich. 

1. Athletic Bilbao

Als der Torhüter Kepa Arrizabalga im Sommer für 80 Millionen Euro von Athletic Bilbao zum FC Chelsea wechselte, sagte sein früherer Mitspieler Ander Iturraspe: "Ich bin seit 20 Jahren in diesem Verein und kenne Kepa mein ganzes Leben. Es ist sehr schade, dass er geht, aber jeder hat seine Prioritäten."


Athletic Bilbao ist ein außergewöhnlicher Klub im Fußball-Business. Der baskische Erstligist widersetzt sich ganz bewusst den Gesetzen des modernen Fußballs. In den Vereinsstatuten ist festgelegt, dass ausschließlich Basken für Bilbao spielen dürfen. Umso bemerkenswerter ist es, dass Athletic Bilbao unter diesen Bedingungen noch nie abgestiegen ist und ein regelmäßiger Vertreter in der Europa League ist. Aktuell liegt die Mannschaft im Tabellenmittelfeld auf Platz neun. Vor einer Woche besiegte man Atletico Madrid mit 2:0. 


Die Identifikation der Spieler mit ihrem Verein ist in Bilbao besonders ausgeprägt. Viele Profis bleiben ihre gesamte Karriere in Bilbao. Aus dem aktuellen Kader haben unter anderem Iker Muniain, Ander Iturraspe und Markel Susaeta nur für die Bilbao gespielt. Spieleverkäufe sind selten: In der Geschichte verließen nur vier Leistungsträger (Javi Martinez, Ander Herrera, Aymeric Laporte, Kepa) den Klub. 


Im Jahr 2011 wurde die Regelung, wer für Bilbao auflaufen darf, etwas gelockert. Inzwischen dürfen auch Spieler unter Vertrag genommen werden, die im Baskenland aufgewachsen sind und dort in Jugendmannschaften gespielt haben. Angreifer Inaki Williams fällt unter die neue Regelung. Als Sohn eines Ghanaers und einer Liberianerin wurde er der erste dunkelhäutige Torschütze für Bilbao. Im Januar 2018 verlängerte Williams seinen Vertrag bis 2025. 

2. RB Leipzig

"Wir verpflichten nur junge Spieler - umso jünger, umso besser ist unser Motto", erklärte RB Leipzig-Trainer und Sportdirektor Ralf Rangnick im Oktober 2017 in einem Interview mit der englischen Sun. Entscheidend sei jedoch nicht nur, die Spieler früh zu holen - sondern vor allem, sie früh im Herren-Fußball einzusetzen. "Die beiden besten Akademien stehen bei Manchester City und Chelsea, aber keiner ihrer jungen Spieler hat eine ernst zu nehmende Chance auf einen Platz im Profiteam", sagte der 60-Jährige. 


RB Leipzig fährt eine andere Strategie. Man sieht sich als Ausbildungsklub auf hohem Niveau, visiert hohe Ziele an - in diesem Jahr könnte man sich erneut für die Champions League qualifizieren -, dabei ist der Großteil der Spieler noch recht jung. Aber man gibt ihnen viel Spielpraxis. In dieser Saison verpflichtete Leipzig mit Amadou Haidara (20), Nordi Mukiele (20), Matheus Cunha (19), Marcelo Saracchi (20) und Tyler Adams (19) etliche Jungprofis. Die letzte Verpflichtung eines gestandenen Profis war im Sommer 2017, als die Roten Bullen 20 Millionen Euro für Kevin Kampl (28) ausgaben.


Des weiteren holt Leipzig häufig Spieler vom Schwesterklub RB Salzburg. Beispiele gefällig? Peter Gulacsi, Dayot Upamecano, Marcel Sabitzer, Stefan Ilsanker, Amadou Haidara, Konrad Laimer, Neu-Liverpooler Naby Keita und viele mehr. 


3. Glasgow Rangers

Von Ex-Rangers-Stürmer Brian Laudrup stammt der Satz: "Rangers gegen Celtic – Alter, dagegen ist alles andere Kindergeburtstag." Wenn es zum Old-Firm-Derby zwischen Celtic Glasgow und den Rangers kommt, ist die Stadt in zwei Lager getrennt: Die einen, Celtic, grün-weiß, katholisch, Arbeiterklasse. Labor-Wähler. Rebellisch. Die anderen, Rangers, blau-weiß-rot, protestantisch, überwiegend Tories-Wähler, also die britischen Konservativen. Das Derby wird seit einigen Jahren stets mittags anstatt abends ausgetragen, weil dann der Alkoholkonsum auf beiden Seiten noch halbwegs überschaubar ist.


Früher wurde die katholische Minderheit nicht in dem Maße diskriminiert wie in Nordirland.  Dennoch blieb ihnen der Zugang zu guten Jobs oft verwehrt. Heute ist die religiös motivierte Diskriminierung stark abgeflacht. Nur beim Fußball, in diesen 90 Minuten zweimal im Jahr, erinnern sich die Fans wieder an den alten Hass. 


Lange Zeit galt es sogar als undenkbar, dass Katholiken bei den Rangers spielten. Während 

protestantische Spieler gelegentlich bei Celtic zu finden waren, insofern weil Katholiken in Glasgow eine erhebliche Minderheit bildeten und bilden. Mo Johnston war im Jahr 1989 der erste berühmte schottische Spieler, der als ehemaliger Celtic-Stürmer und Katholik zu dem protestantischen Erzrivalen Glasgow Rangers wechselte. 


Celtics-Fans änderten Johnstons Spitznamen daraufhin von "Mojo" zu "Judas". Der Stürmer besaß aber bei den Rangers-Anhängern nicht viel mehr Rückendeckung. Viele verbrannten ihre Schals und gaben ihre Dauerkarten zurück. Johnston traf stolze 46 Mal in 100 Spielen und verhalf den Rangers so zu zwei Meisterschaften. 1999 wurde Lorenzo Amoruso der erste katholische Rangers-Kapitän der Geschichte. 2006 wurde Paul le Guen als erster Manager mit katholischen Wurzeln gewählt. Heutzutage spielen ein paar Katholiken für die Rangers, aber es ist die klare Minderheit. 

4. Shaktar Donezk

Der Gegner von Eintracht Frankfurt in der Europa-League-Zwischenrunde vor wenigen Wochen ist nicht nur ein erfolgreicher Klub, sondern auch einer mit spezieller Transferpolitik. Das Grundgerüst von Shaktar Donezk bilden Profis vom Zuckerhut. Zwölf Brasilianer stehen im Kader des elfmaligen ukrainischen Meisters. Der Rest besteht in der Regel aus Ukrainern.


Nachdem Oligarch Rinat Achmetow, der reichste Mensch der Ukraine, den Klub 1996 als Eigentümer übernommen hat, ist die Copa-Cabana-Fraktion sukzessive größer geworden. In den ersten Jahren seiner Amtszeit standen nahezu lediglich Einheimische im Kader, ab 2005 orientierte sich Shaktar nach Brasilien, scoutete vermehrt nach Offensivspielern. Spieler wie Fernandinho (Manchester City), Willian (FC Chelsea), Douglas Costa (Juventus Turin), Fred (Manchester United), Bernard (FC Everton) entwickelten sich in Donezk zu internationalen Spitzenspielern. 

5. Norwich City

Daniel Farke, Ex-Trainer der Borussia Dortmund Reserve, ist seit Juli 2017 Trainer des Zweitligisten Norwich City. In seiner ersten Saison landete der 42-Jährige mit seinem Team noch auf Platz 14, derzeit haben die Kanarienvögel bereits 18 Punkte mehr auf dem Konto als in der kompletten Vorsaison. Norwich City steht auf Platz eins und ist ein legitimer Anwärter auf den Aufstieg in die Premier League. 


Den Erfolg verdankt Farke auch etlichen deutschen Spielern, die vor zwei Jahren gar noch nicht in Ostengland spielten. Zählt man Timm Klose, Mario Vrancic, Moritz Leitner, Onel Herandez, die allesamt eine doppelte Staatsbürgerschaft haben, mit, stehen Farke 10 (!) deutsche Spieler zur Verfügung. Man könnte meinen, Norwich hätte eine deutsche Enklave aufgemacht. 


Marco Stiepermann, früher unter anderem beim VfL Bochum aktiv, und Vrancic, unter anderem beim SC Paderborn, zählen zu den Leistungsträgern von Norwich. Am 13. März verlängerte Farke seinen ursprünglich bis 2019 datierten Vertrag um drei weitere Jahre. 

6. Huddersfield Town

Auch Huddersfield Town baut auf die Dienste von ehemaligen Bundesligaspielern, wie Elias Kachunga, Erik Durm, Chris Löwe oder Kevin Schindler. Beim Premier-League-Aufsteiger von 2017, die aktuell nur noch theoretische Chancen auf den Klassenerhalt im englischen Oberhaus haben, will man diese Marschroute weitergehen. Das zeigte die Verpflichtung des Trainers Jan Siewert, der wie Vorgänger David Wagner eine Vorgeschichte bei Borussia Dortmund vorweisen kann. 


In der Saison 2015/2016, als bei den Terriers noch kein deutscher Trainer im Amt war, stand noch kein Deutscher im Kader. Mittlerweile sind es sechs. Zusätzlich mit Florent Hadergjonaj, Jonas Lössl und Jan-Gorenc Stankovic sind drei weitere Spieler, die eine Bundesliga-Vergangenheit haben, bei Huddersfield unter Vertrag. 


7. Beitar Jerusalem

In Israel ist Sport und Politik eng verzahnt. Die Spannungen zwischen Juden und Palästinensern sind auch im Fußball offenkundig. Immer wieder wurden Spieler an der Ausreise aus dem Gazastreifen gehindert, so konnte die Nationalmannschaft Palästina an einigen Qualifikationsspielen für Turniere nicht teilnehmen. 2009 wurde der palästinensische Stürmer Mahmoud Sarsak auf dem Weg zum Training von israelischen Beamten festgenommen, wegen Terrorverdachts. 2012 wurde er wieder freigelassen. 


Immerhin setzt sich der Erstligist Beitar Jerusalem dafür ein, die religiösen Schranken zu überwinden. Der neue Besitzer Moshe Hogg sprach sich dafür aus, dass Religion künftig keine Rolle mehr spielt bei Spielertransfers. "Beitar ist kein rassistischer Verein. Von jetzt an ist Religion kein Faktor bei der Wahl von Profispielern", sagte Hogg im August 2018. Bis zum vergangenen Sommer hatte der Klub niemals einen Araber verpflichtet. Bei Beitar Jerusalem gibt es eine Gruppe an Fans, die mit rassistischer Gewalt und anti-arabischen Protesten auf sich aufmerksam machen. 

8. Wolverhampton Wanderers

Wenn es eine Auszeichnung gäbe für den "Best of the Rest" der Premier League, müssten die Wolverhampton Wanderers diesen Preis gewinnen. Direkt hinter den "Big Six" (Manchester City, FC Liverpool, Tottenham Hotspurs, Manchester United, FC Arsenal, FC Chelsea) liegt der Aufsteiger auf Platz sieben. Mit einem Fußballmärchen im engeren Sinne kann man die Geschichte der Wolves trotzdem nicht vergleichen.


Finanziell ist Wolverhampton bestens aufgestellt. Im Sommer leistete sich der Klub den portugiesischen Nationaltorhüter Rui Patricio und den erfahrenen Joao Moutinho. Als Wolverhampton noch in der zweiten Liga spielte, holte man Ruben Neves für 18 Millionen Euro vom regelmäßigen Champions-League-Vertreter FC Porto. 


Dass die Neuzugänge der letzten zwei Jahre vor allem Portugiesen waren, ist kein Zufall. Im Juli 2016 wurde der Verein von einem chinesischen Investoren-Konglomerat namens Fosun übernommen. Und hier führt die Spur zum portugiesischen Berater Jorge Mendes, der auch Cristiano Ronaldo betreut. Mendes soll das chinesische Unternehmen beim Kauf der Wanderers betreut haben. 


Mendes nimmt keine offizielle Funktion bei den Wolves ein, doch sein Einfluss ist unübersehbar. Vor drei Jahren kickte kein Portugiese für Wolverhampton, inzwischen sind es sieben Stück, zudem stammt Trainer Espirito Santo ebenfalls von der iberischen Halbinsel.

9. Olympique Lyon

Olympique Lyon ist schon ein Phänomen im internationalen Fußball. Zwar gelingt es den Franzosen nicht, den heimischen Primus Paris St. Germain unter Druck zu setzen, aber international ist Lyon jährlich gut vertreten. In der laufenden Saison kam die Mannschaft immerhin ins Achtelfinale der Champions League, wo gegen den FC Barcelona (0:0, 1:5) Endstation war. 


Dabei bilden junge Talente den Kern der Mannschaft. Nur drei Spieler sind 30 Jahre oder älter. Die beiden erfahrenen Marcelo (31) und Marcal (30) sind jedoch nicht die Leistungsträger, das sind Nabil Fekir (25), Memphis Depay (25), Tanguy Ndombele (22), Hassem Aouar (20). Am letzten Spieltag gegen den HSC Montpellier lief eine Elf auf mit einem Durchschnittsalter von nicht einmal 23 Jahren. 


Die nächsten Talente stehen bereits in den Startlöchern. Amine Gouiri (19), Lenny Pintor (18) oder Pape Cheik (21) werden kontinuierlich an die Mannschaft herangeführt. Schon früh versucht Lyon Talente an sich zu binden. Viele werden dann auch ausgeliehen, kehren später als gestandenere Spieler nach Lyon zurück, wo dann ihre Karriere Fahrt aufnimmt. 


Alexandre Lacazette (FC Arsenal), Corentin Tolisso (FC Bayern München), Samuel Umtiti (FC Barcelona), Allasane Plea (Borussia Mönchengladbach), Dejan Lovren (FC Liverpool), Hugo Lloris (Tottenham Hotspurs), Miralem Pjanic (Juventus Turin), Karim Benzema (Real Madrid) sind nur die prominentesten Namen der letzten zehn Jahre, die eine Lyon-Vergangenheit haben. Freilich lebt das Transfersystem von Olympique auch von den Transfereinnahmen. 

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