Beim Auswärtssieg in Berlin hat ​Borussia Dortmund zum wiederholten Male in dieser Saison eine gute Moral bewiesen und noch in letzter Minute gewonnen. Die kleine Ergebniskrise scheint überwunden, Spieler und Verantwortliche strotzen wieder vor Selbstvertrauen. In drei Wochen kommt es zum Spitzenspiel in München.


Am vergangenen Samstag bot sich ein regelrechtes Spektakel im Berliner Olympiastadion, als ​Hertha BSC gegen Borussia Dortmund mit 2:3 verlor. Es war ein Sieg des Willens Seitens des BVB, allen Widrigkeiten zum Trotz: Verletzungen mehrerer wichtiger Spieler, zweimaliger Rückstand - alles egal. Zwar war bei weitem noch nicht alles perfekt, doch bereits zum fünften Mal in dieser Spielzeit gelang es, einen Rückstand noch in einen Sieg umzubiegen und ​zum wiederholten Male gelang dies in der Nachspielzeit


Last-Minute-Siege gab es auch in Dortmunds letzter Meistersaison 2011/12 mehrmals zu bestaunen. So zogen die Schwarz-Gelben beispielsweise mit einem Treffer von Ilkay Gündögan in der 120. Minute bei der ​SpVgg Greuther Fürth ins Pokalfinale ein (so wie zu Beginn dieser Saison in die zweite Runde), ​am siebten Spieltag gelang in der Nachspielzeit noch das 2:1 beim ​FSV Mainz 05, nachdem der BVB zuvor hinten gelegen hatte. Damit wurde eine Serie von drei sieglosen Spielen beendet.


Mit diesem Sieg waren es zwar noch immer ganze acht Punkte Rückstand auf den damaligen Tabellenführer FC Bayern, doch bis zum Saisonende im Mai verloren die Borussen kein einziges Bundesligaspiel mehr und gewannen am Ende das Double. In diesem Jahr geht es nur noch einzig und allein um die Meisterschaft und dazu stehen lediglich noch läppische acht Spiele auf dem Programm, die erfolgreich bestritten werden müssen, das direkte Duell in München inklusive. Überspitzt formuliert ist der Titel 2019 also reine Formsache.


Ganz so einfach ist die Rechnung natürlich nicht, doch dieser moralische Kraftakt in Berlin hat dem BVB wieder ein neues Selbstvertrauen eingeimpft. "Die Euphorie ist zurück – und der Glaube an das ganz Große", titelte zum Beispiel bvb.de und zitierte Kapitän ​Marco Reus so: "Mit dieser Moral wird es schwer, uns aufzuhalten." Sportdirektor Michael Zorc sah eine "Dynamik, die entstehen kann" und stellte klar, dass die Dortmunder "alles versuchen, um Deutscher Meister zu werden."

Marco Reus

Wenn Marco Reus in dieser Saison getroffen hat, ist der BVB noch ungeschlagen


Vor gar nicht allzu langer Zeit waren die Töne noch ganz anders, Zorc kritisierte nach der Augsburg-Niederlage in den Ruhr Nachrichten die Einstellung der Mannschaft ("Es kann nicht sein, dass verunsicherte und qualitativ unterlegene Gegner uns allein durch Laufbereitschaft und Begeisterung komplett aus dem Spiel nehmen"), Reus forderte vor dem Stuttgart-Spiel, dass nun ​endlich wieder geliefert werden müsse. Und der BVB lieferte, gewann gegen den VfB und nun ein extrem schwieriges Spiel in Berlin. Die Ergebniskrise scheint überwunden. 


Die passenden Zutaten, um am Ende tatsächlich mit der Schale um den Borsigplatz fahren zu können, sind vorhanden: Ein hungriges Team und Umfeld, inklusive Trainer, das nach einem Titel dürstet. Fantastische Einzelspieler wie Kapitän Marco Reus, der in Berlin in der Nachspielzeit mit seinem 15. Saisontreffer für den Sieg sorgte, oder Supertalent Jadon Sancho, der bereits 15 Torvorlagen in der Bundesliga hat und auf dem Weg zu einem neuen Rekord ist (momentan halten ihn Zvjezdan Misimovic und Kevin de Bruyne gemeinsam mit je 20). 


Einzelspieler, die aber auch Teil eines Teams mit offensichtlich großer Moral sind. Dafür wurde der BVB in der Hinrunde bereits gelobt, daran kann nun nahtlos angeknüpft werden. Ein Team, dass eine kleine (zu erwartende) Schwächephase überstanden zu haben scheint und nach wie vor alle Trümpfe auf dem Weg zur Meisterschaft in der Hand hält - dank des Showdowns in München am 6. April. 


Fokussierung auf Wolfsburg


Zuvor wartet allerdings noch der ​VfL Wolfsburg. Eine unangenehm zu spielende Mannschaft, und nachdem die Wölfe von den Bayern überfahren wurden, werden sie es den Dortmundern besonders schwer machen wollen. Es stellt die nächste Reifeprüfung für die noch junge Mannschaft da: Gelingt noch einmal die vollständige Fokussierung auf diese zu erfüllende Aufgabe, bevor es zum Spitzenspiel in der Allianz Arena kommt?


"Wir spielen erstmal gegen die Wolfsburger, die einen sehr guten Lauf haben", mahnte Zorc schon direkt nachdem er angekündigt hatte, alles für den Titel tun zu wollen. Gegen den VfL muss der BVB ein letztes Mal die richtige Einstellung zeigen, bevor es beim ​FC Bayern womöglich vorentscheidend um die Meisterschaft geht. Genügend Selbstvertrauen für beide Aufgaben ist wieder vorhanden.