Seit vier Spielen ist ​Borussia Dortmund sieglos, in nur zwei Wochen könnten jegliche Saisonziele verspielt worden sein. Mit dem Aus im Pokal gegen Werder Bremen und der Herkulesaufgabe, daheim ein 0:3 gegen Tottenham im Achtelfinale der Königsklasse zu drehen, hat Lucien Favre seine erste Krise als BVB-Coach. Vorsicht ist angebracht.


Vielleicht sollte man vorher wissen, dass der Autor Anhänger der anderen Borussia vom Niederrhein ist, aber genau deswegen kenne ich Lucien Favre, konnte ihn über Jahre genau beobachten und glaube, die Situation aus einer neutralen Sicht einschätzen zu können. Und so entspannt, wie man Favre die vergangenen Monate verschmitzt in die Kameras hat lächeln sehen, wenn er nach der Leistung seiner Mannschaft gefragt wurde, so etwas war eher unbekannt ein paar Kilometer den Rhein runter.


Nun aber hat der Romand seine erste schwierige Phase in Westfalen und es kommen gleich mehrere Unglücke zum Tragen. Da wäre zum einen der Ausfall von Marco Reus in der Offensive. Vieles steht und fällt mit einem der absoluten Lieblingsspieler des Trainers. Zudem wirkt sich der Ausfall des Kapitäns auf die gesamte Mannschaft aus, seine individuelle Klasse fehlt zudem auf dem Platz.


Auf der anderen Seite fehlen Favre auch immer wieder Defensivspieler. Manuel Akanji fällt weiterhin aus, hinzugekommen sind inzwischen Aushilfsverteidiger Julian Weigl und Außenverteidiger Lukasz Piszczek. Immerhin sind Dan-Axel Zagadou und Ömer Toprak inzwischen zurückgekehrt, sodass der Aderlass in der Hintermannschaft etwas aufgefangen werden kann.


Doch hier zeigt sich bereits ein aktuelles Problem. Zagadou, nach langer Verletzungspause, zahlte Lehrgeld gegen Tottenham, ein junger Spieler wie Hakimi war zudem an diesem Tag überfordert. Das ist kein Beinbruch, so etwas passiert jungen Spielern, ist daher völlig normal. Der Zeitpunkt hingegen hätte unpassender nicht sein können. Denn in einem K.o.-Spiel bedeutet so etwas meist das Aus.


Favre wird diese Krise meistern. Nicht zuletzt, weil viele Spieler nun zurückkehren, sich das Lazarett lichtet, er wieder mehr Auswahlmöglichkeiten hat und auf mehr Qualitäten zurückgreifen kann. Es war schon eher unheimlich, wieso selbst mit einer Rumpftruppe – Julian Weigl musste in der Innenverteidigung spielen – der BVB unschlagbar schien.


Was der Schweizer aber vor allem für den Turnaround braucht, ist eine stabile Defensive, aus der heraus man wieder mutiger agieren kann. Das gleichzeitig auch Offensivkräfte wie Paco Alcacer und Marco Reus aktuell ausfallen, macht die Situation hingegen nicht einfacher, weshalb Favre auch hadert. Das Ausscheiden im Pokal war bereits nicht eingeplant und hat Spuren hinterlassen, die deutliche Niederlage im Hinspiel in der Königsklasse dürfte auch hier für das Aus sorgen, was in Anbetracht des Zweikampfs mit dem ​FC Bayern aber keinen unbedingten Nachteil darstellen muss.


So kann man sich, bei allem Gram über ein „frühes Aus“ in der Champions League, auf die Meisterschaft konzentrieren und dort den FC Bayern bestmöglich ärgern. Für Favre selbst wäre ein Meistertitel eine Krönung seiner langjährigen Trainerkarriere, die beim BVB mit diesen Spielern völlig verdient und folgerichtig wäre. Er könnte eine Ära mit diesen jungen Spielern aufbauen, der Umbruch, der dem Rekordmeister bevorsteht, ist in Dortmund bereits abgeschlossen. Das hätte man dem verhassten Rivalen somit schon voraus.


Vielleicht ist der kommende Gegner aus Nürnberg daher genau der richtige Aufbaugegner, um wieder in die Spur zu kommen. Ein Sieg bei den Franken bringt erst mal wieder etwas Ruhe rein, dann gibt es eine Woche zum Durchschnaufen, ehe man Leverkusen und danach Tottenham empfängt. Es wird spannend zu sehen sein, wie die Niederlagen und Rückschläge jetzt verarbeitet werden. Sieht man es positiv, könnten sie rückblickend zur bestandenen Nagelprobe und Festigung des jungen BVB-Gebildes werden.