Dortmund baut mit einem Unentschieden die Tabellenführung aus und ist trotzdem fast frustriert. Was für manche wie zu harte Selbstkritik wirken könnte, ist womöglich der X-Faktor für die dritte Meisterschaft im letzten Jahrzehnt. 


"Wir sind nicht zufrieden." - Das war Roman Bürkis scharfes Urteil nach Ende des Bundesligaspiels zwischen Borussia Dortmund und der Frankfurter Eintracht. Beim amtierenden Pokalsieger hatten sich der Schweizer Keeper und seine Schwarz-Gelben zuvor in einem umkämpften 1:1 einen Punkt erspielt und damit die Tabellenführung ausgebaut. Was für viele Bundesligaklubs allerdings zumindest ein Achtungserfolg wäre, verstanden der Herbstmeister und sein Schlussmann als Rückschlag. 


Und wer könnte es ihnen verübeln? Im zwanzigsten Spiel bedeutete das Remis in Hessen den erst fünften Punktverlust, auch wenn weiterhin nur ein Spiel verloren gegangen ist. Da half auch die Schützenhilfe von ​Bayer Leverkusen nichts, das zu Hause Rekordmeister Bayern München schlagen konnte - die Stimmung war am Samstagnachmittag ein wenig gedämpft. "Das ist ein schwacher Trost", so Bürki zur Niederlage der Bayern, "Wir schauen nur auf uns und hätten hier gerne gewonnen. Dann wäre es ein Topwochenende gewesen." So ist es für die ambitionierten Borussen, nun - ein Wochenende. 

Marco Reus,rechts:,Roman Buerki

Marco Reus und Roman Bürki wollen gemeinsam ihre erste deutsche Meisterschaft feiern



Denn wenn der Eidgenosse im Dortmunder Kasten beteuert, seine Mannschaft schaue nur auf sich, dann hat das nicht weniger den Beigeschmack einer relativ abgedroschenen Phrase, es wirkt jedoch ungewohnt authentisch. Es bleibt sogar glaubwürdig, als Kapitän Marco Reus in seinem Interview den beinahe identischen Wortlaut verwendet. Wer nämlich den BVB in dieser Saison spielen sieht, versteht, dass die Schützlinge von Borussia-Trainer Lucien Favre Woche für Woche versuchen, diese alten, vermeintlich leeren Worthülsen mit Bedeutung zu füllen - und das schon seit Beginn der aktuellen Saison. 


Es ist kein Zufall, dass Paco Alcácer, eine der Wohlfühl-Geschichten der Bundesliga-Hinrunde, sich in Dortmund ausgerechnet als "Joker extraordinaire" einen Namen gemacht hat. Mit seinen späten Toren steht er für eine Qualität, die der Borussia in dieser Saison die neunte deutsche Meisterschaft einbringen könnte: den unbedingten Siegeswillen. Er ist es, der den Schwarz-Gelben in der laufenden Spielzeit bereits 15 Dreier einbrachte, er zeigt sich aber auch in der Enttäuschung nach einem Unentschieden. 

Paco Alcacer

Alcácers zehn Joker-Tore sind aktuell der mit Abstand beste Wert der Bundesliga



Dabei ist es nicht so, dass die Dortmunder nach gut der Hälfte der Saison schon so verwöhnt wären, dass alles andere als drei Zähler die Stars in ihrem Selbstbewusstsein verletzen würde. Viel mehr spricht die Selbstkritik für den hohen Anspruch an die eigene Leistung. Zudem zeugt sie davon, dass der Tabellenführer bei allem nur-auf-sich-Schauen auch ein gesundes Verständnis der Konkurrenz-Situation im Bundesligabetrieb aufweist. War die Liga - auch in jüngerer Vergangenheit - manchmal schnell entschieden, so lauern mit dem ​FC Bayern und ​Borussia Mönchengladbach mindestens zwei Vereine auf ihre Chance, mit dem BVB gleichzuziehen. Dass aktuell sieben Punkte Vorsprung dabei schlechter sind als die durchaus möglichen neun, ist eine Milchmädchenrechnung, die Marco Reus wohl schon in der E-Jungend mit Bravour gelöst hätte. 


14 Spiele trennen ​Borussia Dortmund noch von einem möglichen Ligatitel. Darunter befinden sich auch direkte Duelle mit den Verfolgern. Angesichts des anspruchsvollen Restprogramms ist es nicht nur vernünftig, gemäß dem Bundesliga-Phrasenkatalog "von Spiel zu Spiel" zu denken, es wäre töricht, sich mit der Aussicht auf die Schale selbst nervös zu machen. Das muss nicht bedeuten, dass man das Ziel Meisterschaft nicht klar formuliert - findet auch Kapitän Reus, der nach dem Unentschieden in Frankfurt anmerkt: "Wir tun nicht so, als ob wir nicht wollen". 


Die Meisterschaft entscheidet sich nicht nur auf dem Platz, sondern auch in den Köpfen, besagt ein weiterer, zu oft genutzter Fußballsatz. Auch diesen jedoch füllt die schwarz-gelbe Borussia in dieser Saison mit Sinn und scheint so bereit, zum dritten Mal in den letzten zehn Bundesliga-Jahren den Titel zu holen.