Ruhig ist es in den letzten Jahren um Uli Hoeneß (66) eher nicht gewesen. Da waren seine Verurteilung wegen Steuerhinterziehung, da waren öffentliche und vor allem in der Schärfe von ihm nicht gekannte Abwatschungen von Nationalspielern oder auch die schon legendäre Wutrede gegenüber den Bayern-Fans (und ihrer unverschämten Erwartungshaltung!) bei der Jahreshauptversammlung der Bayern 2016. Jetzt überrascht er mit einer geradezu euphorisch gefärbten Eloge auf ein gerade mal 18-jähriges Talent aus Kanada.


Zunehmend beschleicht einen in der Personalie Uli Hoeneß das Gefühl, dass dem ehemaligen Nestor der deutschen (und wohl auch europäischen) Manager-Gilde etwas von seinem untrüglichen Instinkt verloren gegangen ist, mit dem er noch vor Jahren Themen zu platzieren wusste. Und zwar die richtigen Themen und auf den richtigen Plätzen. 


Die ehemals selbstbewusste "Mia san mia"-Haltung, mit der der Fleischfabrikant früher die Medien zu beherrschen wusste, ist mittlerweile einer dünnhäutigen Weinerlichkeit gewichen. So zu beobachten bei der letztjährigen Mitgliederversammlung des FC Bayern. Da trauten sich einige Redner mal deutliche Kritik zu üben. Berechtigte Kritik wohlgemerkt. Hoeneß saß nur da, schüttelte mit dem Kopf und verwies im Anschluss alle Mahner in das Reich der Fantasten und Schwarzredner, die seinem Baby, dem ​FC Bayern, nur schaden wollen. Souveränität sieht anders aus. 


Im sportlichen Bereich sind seine ehemaligen Funktionen - zumindest offiziell - an Hasan Salihamidzic (42) delegiert. Der ehemalige Bayern-Spieler versucht sich gerade im Kielwasser der Großkopferten Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge freizuschwimmen. Bislang noch etwas unrund. Vielleicht dachte sich Hoeneß deshalb, dass es seinem Eleven durchaus gut tun könnte, wenn man mal wieder ausschließlich sportlich gute Nachrichten verkündet, und sei es eine Selbsteinschätzung, die auf Hörensagen beruht. Anders kann man sich Hoeneß letztes mediales Vorpreschen nicht erklären. 


Zum Hintergrund: es geht um ein achtzehnjähriges, sogenanntes Supertalent aus Kanada. Viele Vereine waren wohl an Alphonso Davies dran, die Bayern, nicht zuletzt weil sie einen Tick schneller waren, bekamen am Ende den Zuschlag. 14 Millionen Euro ließen sich die Münchener den "neuesten heißen Scheiß made in USA" kosten. Doch 18 Jahre sind ein junges Alter. Und die MLS ist nicht die Primera Division oder die Premier League. Noch nicht einmal die ​Bundesliga. Zurückhaltung und gedämpfter Optimismus wären deshalb eher geboten, als mit schwelgerischer Laudatio einen Teenager über Gebühr unter Druck zu setzen. 

FC Bayern Muenchen Annual General Assembly

Hoeneß über Neuzugang Davies: "Der wird eine Bombe"



Der Spieler, so Hoeneß gegenüber der Sport Bild, werde eine Bombe. Das habe er gehört. Da vertraue er seinem Sportdirektor. Denn: gesehen hat Hoeneß Alphonso Davies noch nicht. Das kann nicht anders als überraschen. Fast scheint Hoeneß hier den Anfängerfehler zu begehen, auf den man bei Salihamidzic wartet. Die Verpflichtungen dieser Saison sind eher Mainstream gewesen. Ein beim sportlichen Rivalen Schalke 04 herausragender Spieler (Goretzka), um die nationale Konkurrenz zu schwächen, ein Rückkehrer von einer Leihe (Gnabry) und ein weiterer Rückkehrer aus England (Renato Sanches). Mehr war nicht. 


Das ist natürlich nicht allein die Schuld des Sportdirektors. Aber an ihm wird es später festgemacht werden. Und wenn dem von Hoeneß geschürten Erwartungsdruck keine Taten von Seiten des Spielers folgen, hat Salihamidzic ein Problem. Der versucht auch gleich zu relativieren, fast in Gegenrede zu seinem Vorgesetzten: "Grundsätzlich ist er (Davies, die Red.) ein Riesentalent", so Salihamidzic gegenüber der Sport Bild. Und: "Wir werden auf Alphonso aufpassen, keinen Hype um ihn machen. Es ist ganz wichtig, dass er in Ruhe aufgebaut wird." 


Klingt eher wie eine Schwächung der Lobeshymnen seines Chefs. So oder so - weder seiner Neuanschaffung aus Vancouver, noch seinem Sportdirektor hat Uli Hoeneß damit geholfen. Und somit auch seinem geliebten FC Bayern nicht.