Bisweilen hat der Spitzenfußball (und seine Randphänomene) etwas von einer Telenovela. Genau wie jene scheinbar nie endenden Geschichten um verbotene Affären, heimliche Leidenschaften und unerfüllte Lieben, füllen auch manche Fußballer ganze Fernsehnachmittage und Zeitungen mit den Dingen, die mit dem, was auf dem Platz geschieht, nur peripher in Verbindung stehen.


Einer der ganz großen Protagonisten dieses off-Football-Universums ​ist seit Jahren Neymar jr. Im Grunde genommen war er es schon, bevor man in Europa überhaupt sein zweifellos vorhandenes Talent bestaunen konnte. Monatelang (oder waren es Jahre?) füllten die anfänglichen Kontaktaufnahmen zwischen seinem Stammverein FC Santos und dem ​FC Barcelona, später die zeitweiligen Einstellungen derselben, dann die Wiederaufnahmen der Gespräche und schließlich die finalen Verhandlungen die spanischen Sport-Gazetten, deren es zwischen Madrid und Barcelona vier gibt. 


Täglich! Irgendwann war die Kuh dann vom Eis, der Spieler wechselte (unter Tränen natürlich) von seinem Heimatklub in die spanische Liga und kündigte an, eine Ära einläuten zu wollen. Wie schon so viele vor ihm. Als er 2013 dann irgendwann auf dem Flughaften El Prat landete, hatte man das Gefühl, den Spieler schon genauestens zu kennen, obwohl er in Europa noch nicht ein einziges Mal gegen den Ball getreten hatte. Dieser Lärm um seine Person sollte sich auch in den folgenden Jahren nicht mehr legen. Schon gar nicht bei der Weltmeisterschaft 2014 im eigenen Land. 


Brasiliens Hoffnungen ruhen auf Neymar


Mit Neymar würde Brasilien wieder ganz nach oben kommen. Das stand in Brasilien fest. Für das Team jedoch war diese gnadenlose Erwartungshaltung einfach zu viel. Es entwickelte sich mit fortschreitender Dauer des Turniers zu einem regelrechten Nervenbündel. Unvergessen die Weinkrämpfe einiger Spieler während der Nationalhymnen vor den Spielen der K.o.-Phase.


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Angesichts dieses schon sehr lauten Grundrauschens, bedurfte es natürlich nicht irgendeines Fouls, um die ganze Aufmerksamkeit wieder in sich zu vereinen. Ein heftiger Kniestoß des Kolumbianers Zuniga im Viertelfinale zerstörte Neymars Lendenwirbel und beendete abrupt seinen Traum, sein Land zum "Hexacampeao" zu machen, zum sechsten Titel zu führen. Der Lärm aus Verzweiflung und Wut brandete auf, und bis zum Halbfinale nicht mehr ab. Obwohl gar nicht auf dem Platz, schien für die meisten Brasilianer Neymar der eigentliche Hauptdarsteller des Halbfinales zu sein. Aus seiner Sicht mag es eine glückliche Fügung gewesen sein, die ihn an jenem Abend von Belo Horizonte zwang, das Spiel vom Krankenbett aus zu verfolgen. Aber irgendwie passte es ins Bild. Mittendrin, obwohl gar nicht dabei!


Dann, nach vier Jahren Barca, wollte Neymar raus aus dem Herrschaftsgebiet von König Leo. An dem  führte nämlich schon damals kein Weg vorbei. Für einen Ego-Shooter wie Neymar nur schwer zu verkraften. Also: Koffer packen, vollmundig ankündigen, dass man jetzt irgendwo anders eine kometenhafte Karriere (Weltfußballer-Nominierung eingeschlossen) starten werde und - ganz nebenbei - zu einem der bestbezahlten Fußballer der Geschichte aufsteigen würde. Es wurde also wieder lauter um Neymar und seine Entourage. Zwischen dem zweiten und dritten August 2017 detonierte dann die Bombe, deren Druckwellen noch heute durch die Fußball-Landschaft fließen: Neymar kündigte an, den FC Barcelona zu verlassen und untermauerte diese Ankündigung mit der einen Tag später erfolgten Zahlung von 222 Millionen Euro. Seine Ablösesumme. Ein Weltrekord! 

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Dank der katarischen Millionen: Neymars Rekord-Wechsel zu PSG


Die Fußball-Welt (und nicht nur die) schüttelte sich ungläubig, rieb sich vorsichtshalber nochmal die Augen, und konstatierte dann einen Wendepunkt im modernen Fußball. Welcher Verein würde das mitmachen? Die üblichen Verdächtigen (Real Madrid, Manchester City) winkten ab. Da blieb fast nur noch die katarische Regierung, pardon, der FC Paris St.Germain, der die Gehaltsvorstellungen des Jungstars bedienen konnte (und wollte). 36 Millionen Euro jährlich. Zwar nicht ganz so viel wie Messi nach dessen jüngster Vertragsverlängerung (knapp über 40 Millionen), aber immerhin. Und den Ablöse-Weltrekord wird so schnell auch keiner einstellen. 


Neymar: Hauptdarsteller einer Fußball-Telenovela


Da war er wieder, der viele Lärm um - fast nichts! Dieses Jahr, bei der WM in Rußland, war es kein Foulspiel, das ihn jäh aus dem neuerlichen Hexa-Weltmeistertraum riss, sondern eine solide spielende Mannschaft (im buchstäblichen Sinne des Wortes) namens Belgien. In Brasilien wissen die meisten "torcidas" nicht einmal, wo dieses Land genau liegt. Neymar wird es wohl wissen, schließlich kickt er im Nachbarland. Aber auch das tut er mittlerweile immer lustloser. Der Anreiz fehlt einfach, sich Woche für Woche in einer international nicht als Spitzenliga angesehenen Meisterschaft auf Gegner wie Guingamp oder Amiens einzustellen. 


Die zwei, drei Höhepunkte des Jahres (Olympique Marseille, Olympique Lyon) kann man auch nur als solche betiteln, wenn man ausblendet, dass zwischen jenen Klubs und dem aus der Hauptstadt mittlerweile eine Kluft entstanden ist, die wohl - wenn nichts Ungewöhnliches passiert - noch Jahrzehnte bestehen wird. Grund genug für einen wie Neymar, mal wieder etwas Lärm in eigener Sache zu machen. Wie as und Marca übereinstimmend berichten, soll der Brasilianer ernsthaft über eine Rückkehr nach Barcelona nachdenken. Zum FCB. Also zu dem Klub, an dem ja eigentlich schon immer sein Herz gehangen habe (so oder so ähnlich würde er sich jedenfalls auf der entsprechenden PK äußern). 


Und all die Fans, die im Sommer 2016 absolut nachvollziehen konnten, warum der Brasilianer aus Barcelona floh, fragen sich nunmehr wieder, ob sie dieses Showgeschäft Fußball überhaupt noch verstehen. Aber vielleicht ist es gerade das, was den Spitzenfußball von heute ausmacht: Eine nicht immer logisch nachzuvollziehende Verkettung von Emotionen, großen Worten und beinahe kitschig anmutenden Wendungen. Eben ganz wie in einer Tele-Novela.