Rot ist trumpf in England! Der ​FC Liverpool thront auch nach 19 Spieltagen an der Tabellenspitze der ​Premier League und hat seit dem gestrigen "Boxing Day" bereits eine Bresche von sechs Punkten zum ärgsten Verfolger Tottenham Hotspurs geschlagen. Neben der ersten Meisterschaft in der Premier-League-Ära wäre der Henkelpott das ganz große Ding am Mersey River. In den Augen vieler sind die Scousers ein ganz heißer Kandidat, die Königlichen aus Madrid zu beerben.


Die sollte man zwar auch auf der Rechnung haben, denn von den Liga-Darbietungen der Blancos konnte man in den letzten Jahren selten valide Rückschlüsse auf das Abschneiden in der Königsklasse ziehen. Aber trotzdem: Irgendwie ist dieses von Klopp wiederbelebte Liverpool momentan in aller Munde. Klopp selbst, zwar nicht ohne strategische Koketterie, würde derartige Aussagen und Lobeshymnen mit einem sarkastischen Lachen beantworten und dem - durchaus berechtigten - Verweis darauf, dass  eine Herbstmeisterschaft  eben noch nicht den Titel bedeute. 


Das stimmt natürlich. Dennoch weiß auch er um die statistischen Werte: Von den letzten 20 Herbstmeistern sind 18 am Ende auch Gesamtmeister geworden. Die beiden Ausnahmen bildete - ausgerechnet der FC Liverpool. Damit das nicht nochmal passiert, durfte der Trainer groß einkaufen gehen. Vor allem für den defensiven Bereich. Vorne ist man mit den drei Tenören (Salah, Mane, Firmino) sowieso exzellent aufgestellt. Es kam ein Innenverteidiger, der nicht nur gut verteidigt sondern auch noch Tore schießt. Derartige Kombinationen kosten heutzutage: 85 Millionen Euro legten die Reds deshalb beim FC Southampton (wieder einmal!) auf den Tisch. 


So viel Geld hatte zuvor noch nie ein Klub für einen Verteidiger bezahlt. Der LFC setzt Maßstäbe. Und für den Fall der Fälle holte man auch noch gleich einen Torwart dazu. Alisson aus Rom. Auch so um die 70 Millionen Euro teuer. Und der hatte am letzten Spieltag der Champions-League-Gruppenphase sowas wie seinen ganz persönlichen Bakero-Moment.

Liverpool FC v Everton FC - Premier League

Klopp (r.) und sein neuer Keeper Alisson: Schon jetzt eine innige Liebe


Jose Mari Bakero? Da war doch was...Ja, genau. Dieser Bakero, jahrelanger Stürmer in Diensten des FC Barcelona, dessen Tor damals den ganzen, kurz zuvor noch bebenden Betzenberg innerhalb Sekundenbruchteile verstummen ließ. Eine weite, verzweifelte Flanke in den Lauterer Strafraum hatte ausgerechnet der kleine Baske, gerade mal 1,70 Meter groß, umringt von den Hünen der Pfälzer Verteidigung, irgendwie mit dem Kopf erreicht und per Bogenlampe über den verdutzten Gerry Ehrmann hinweg zum 1:3 eingenetzt. Damit war das Starensemble um Trainer Johan Cruyff dem Ausscheiden in buchstäblich letzter Sekunde von der Schippe gesprungen. 


Das Ende ist bekannt: Knapp ein halbes Jahr später feierten die Blaugrana in Wembley ihren ersten Europapokalsieg der Landesmeister (1:0 gegen Sampdoria Genua). Auch Alissons Parade im Spiel gegen den SSC Napoli hat das Zeug zur Legende. Vielleicht werden sie irgendwann in den Pubs und Bars rund um den Mersey darauf anstoßen, auf diese 90. Minute im Spiel gegen die Partenopei, und in dieser Szene die Keimzelle des späteren Triumphes verorten. Nicht nur in Liverpool würden sie es Klopp und seiner Mannschaft von Herzen gönnen.