Der Abschied Max Meyers von ​Schalke 04 war mit häßlichen Nebengeräuschen verbunden. Monatelang zogen sich die Verhandlungen dahin, beide Parteien ließen kaum eine Gelegenheit aus, die andere zu diskreditieren, und am Ende schlug der Spieler, zur Überraschung nicht weniger, seine Zelte beim Premier-League-Club Crystal Palace auf.


Ende April, die Bundesliga hatte gerade den Endspurt eingeläutet, wurde es dann die befürchtete Schlammschlacht. 32. Spieltag: Schalke 04 gegen Borussia Mönchengladbach. Es geht um Europa. Mindestens. Doch die "Knappen" sind Zweiter, wollen sogar in die Champions League. Logisch, dass da alle Kräfte gebündelt werden. Doch - warum spielt dann Max Meyer nicht? Die offizielle Antwort vonseiten des Vereins: wegen einer Verletzung. Die Version des Spielers gegenüber den fragenden Journalisten (via kicker): "Ich kann nur sagen, dass ich nicht verletzt war." Spätestens jetzt war die Konfrontation zwischen den beiden Parteien offensichtlich.


Der Verein war schon länger genervt, ob der Geziertheit des Spielers (und seines Beraters Roger Wittmann) das in den Augen vieler sehr gute Angebot des Vereins anzunehmen. Man munkelte von um die fünf Millionen Euro jährlich. Doch die waren dem Spieler offensichtlich zu wenig. Oder das Gesamtpaket überzeugte ihn nicht. Für seinen Berater sei er in den Kreis künftiger Weltklasse-Spieler einzuordnen und das Geld alle Mal wert. Aber das sahen nicht nur die königsblauen Verantwortlichen etwas anders. Das Wort von der "verzerrten Selbstwahrnehmung" machte die Runde. 


Nein, für ein derart stattliches Gehalt hatte Meyer in den vergangenen Jahren einfach nicht genug geworben, zu wenig wirklich überragend gute Spiele gemacht. Sicherlich stecken mehr als gute Ansätze in ihm. Bisweilen kann auch er Spiele alleine entscheiden. Beim Gewinn der U-21-Europameisterschaft in Polen im vergangenen Jahren war er eine der prägenden Persönlichkeiten im Team von Stefan Kuntz. Aber mehr als 5 Millionen Euro pro Jahr? Weltklasse?


Die Gegenseite verstand die Signale, und damit war das Tischtuch endgültig zerschnitten. Das Interesse fokussierte sich nunmehr darauf, welchen Verein Spieler und sein Berater da wohl an der Angel hätten. Es fielen die Namen der üblichen Verdächtigen: Arsenal, Chelsea, vielleicht auch ein, zwei Regale tiefer (West Ham). Anfang August platzte dann die Bombe: Crystal Palace werde sein neuer Verein. Und abermals schüttelten nicht nur auf Schalke die Leute mit dem Kopf. Alle sahen sich bestätigt: für ganz oben hat es nicht gereicht. Dass jedoch selbst dieser eher im unteren Mittelfeld der englischen Liga anzusiedelnde Klub aus London in der Lage ist, die finanziellen Ansprüche des kleinen Mittelfeldspielers zu befriedigen, dürfte angesichts der wahnwitzigen Fernsehgelder auf der Insel jedem klar sein. 


Fünf Millionen für einen 23-jährigen Spieler, der (vielleicht) irgendwann mal den Durchbruch zum Weltklassespieler schafft? Kein Problem! Meyer war also angekommen. Zwar nicht bei einem Weltklasse-Klub, aber zumindest in einer Weltklasse-Liga. Doch der Beginn geriet zum Desaster. An den ersten 12 Spieltagen kam er laut sportschau.de durchschnittlich 28,4 Minuten pro Spiel zum Zug. Aus einem Stammspieler bei Schalke 04, um den herum eine neue Mannschaft aufgebaut werden sollte, war ein Kurzzeitarbeiter im Süden Londons geworden. Häme machte sich, nicht nur auf Schalke, breit. Doch schon damals beeilte sich sein neuer Vorgesetzter, Trainer-Legende Roy Hodgson, jedes mal klarzustellen, dass man mit dem Spieler zufrieden sei, und der Klub noch viel Freude an ihm haben werde. 


In Deutschland wurde das als substanzloses Geseibel abgetan. Es war für alle offensichtlich: der Sprung war wohl doch zu groß. Meyer würde wohl bald aus England fliehen. Doch wie das so ist im Fußball: innerhalb weniger Wochen hat sich der Wind gedreht. Jetzt bekommt Meyer die Spielzeiten, die ihm zu Anfang der Saison verwehrt wurden. Auch scheint er seinen Platz im linken Mittelfeld gefunden zu haben, nachdem er zu Beginn eigentlich von einer Position auf die nächste verschoben worden war. Mal rechts, mal hinten, mal vorne - so konnte sich natürlich keine Konstanz einstellen. In einer eventuellen Retrospektive wird man vielleicht eines Tages das Heimspiel der Crystals gegen den FC Burnley als Wendepunkt benennen. Max Meyer, wieder auf links im offensiven Mittelfeld, machte ein gutes Spiel. Zwar ohne statistische Widerspiegelung, denn er blieb erneut ohne Tor und ohne Assist, doch bei seiner Auswechslung erhoben sich alle Fans im Stadion und zollten ihrem Neu-Einkauf mit einem beeindruckenden Applaus ihren Respekt. So wird keiner behandelt, der bald vom Hof gejagt werden soll. 


Mittlerweile hat Max Meyer bereits zwei Assists auf dem Konto. Und immer noch kein Tor. Wahrlich noch keine berauschenden Zahlen. Doch sollte er in den kommenden Monaten ebenso viel zum Einsatz kommen, wie in den vergangen Wochen, dürfte das nur noch eine Frage der Zeit sein. Und dann müssen sie wohl auch auf Schalke anerkennen, dass Max Meyer in England angekommen ist.