Viele im schwarz-gelben Umfeld schüttelten im August dieses Jahres den Kopf, als Borussia Dortmund seinen Fans den "Königstransfer" für die kommende Spielzeit präsentierte. Auf einen renommierten Torjäger der Kategorie Mario Mandzukic (Juventus Turin) hatten sie gehofft. Oder auf einen Mittelfeldregisseur vom Schlage des Dänen Christian Eriksen (Tottenham Hotspur). Bekommen haben sie - Axel Witsel. Und der hat sich in rekordverdächtiger Zeit zum Liebling am Borsigplatz aufgeschwungen.


Nein, wie ein Lautsprecher tritt dieser sympathische, bisweilen fast schüchtern wirkende Fußballer nicht auf. Quasi als Kontrastprogramm zu seiner spektakulären Haarpracht. An Selbstvertrauen fehlt es dem 29-jährigen, in Lüttich geborenen Mittelfeldspieler aber keineswegs. Das bezeugen allein schon die eine oder andere Anekdote bezüglich seiner bisherigen Karriereplanung. 


Im Sommer 2016, z.B., stand sein Wechsel zum italienischen Rekordmeister Juventus Turin unmittelbar bevor. Technische Probleme (!), wie damals verlautbart wurde, machten den Deal in letzter Minute zunichte. Witsel blieb vorerst bei Zenit St.Petersburg, nur um ein halbes Jahr später doch noch den Verein zu verlassen. Jedoch ging es nicht nach Italien oder in eine andere großen Liga Europas, sondern: nach China! Angesichts der verlautbarten 18 Millionen Jahressalär aus rein finanzieller Hinsicht sicherlich ein sinnvoller Wechsel, sportlich aber, so urteilten die meisten damals, hatte er sich damit den Weg für eine große Karriere endgültig verbaut.

Eineinhalb Jahre und eine Weltmeisterschaft später nutzten die Borussia-Offiziellen eine Ausstiegsklausel in seinem Vertrag mit Tianjin Quanjian, um den ehemaligen Lüttich-Spieler aus dem Reich der Mitte wegzulocken. 20 Millionen Ablöse stellten angesichts immer irrer werdenden Zahlen zwar ein vertretbares Risiko dar, die meisten Fans fragten sich aber: Was sollen wir mit dem? Schließlich war für seine Position auf der Sechs bereits Thomas Delaney (ebenfalls für 20 Millionen) von Werder Bremen verpflichtet worden. Welche Verstärkung sah man in einem Spieler, der schon stramm auf die 30 ging und bis dato noch nie in einer der Topligen Europas gekickt hat? Zweifel und Skepsis schlugen dem 1,88 Meter großen Modellathleten entgegen. Er sollte sie alle entkräften. 


Beim Debüt im Pokal bei der SpVgg Greuther Fürth sorgte er mit seinem Treffer in der Nachspielzeit für die nicht mehr für möglich gehaltene Verlängerung. Borussia kam schließlich doch noch eine Runde weiter. Eine Woche darauf, im Ligaduell gegen Red Bull Leipzig, spielte er zum ersten Mal von Beginn an und traf per fantastischem Seitfallzieher zum vielumjubelten Siegtor. Witsel, das war spätestens zu diesem Zeitpunkt klar, war angekommen in Dortmund.

Seitdem liefert er regelmäßig Bestwerte in allen relevanten Kategorien der statistischen Datenerfassung ab: Passquote (gigantische 92,7 %), gelaufene Kilometer, gewonnene Zweikämpfe (61,7%)  - und sogar schon der eine oder andere Treffer (jeweils einer in Bundesliga, DFB-Pokal und Champions League) schmücken seine Bilanz. 


Aber auch auf zwischenmenschlicher, rein sozialer Ebene findet man keinen einzigen in seinem Umfeld, dem ein schlechtes Wort über ihn über die Lippen käme. Für Maximilian Philipp ist er einfach "ein Super-Typ und sehr lustig". Sein Kapitän, Marco Reus, bestätigt diese Einschätzung mit der vielsagenden Aussage: "So einen wie ihn haben wir gebraucht." Und werden sie wohl auch in Zukunft brauchen. 


Sinnbildlich für das Standing des Belgiers im Kader des Tabellenführers mag eine kleine, kaum beachtete Szene vom vergangenen Samstag stehen. Da lag Axel Witsel nach einem Zweikampf mit einem Freiburger mit schmerzverzerrtem Gesicht am Boden. Die Miene des heraneilenden und sich um die Gesundheit seines Kollegen sorgenden Jadon Sancho las sich wie ein offenes Buch: Wenn sich bitte einer nicht verletzen darf in diesem Team, dann ​Axel Witsel. Mehr König geht eigentlich nicht mehr.