Nach einem überraschenden Super-Start ist Werder Bremen wieder auf dem Boden der Tatsachen angekommen. Während das Titelrennen vermutlich ohne die Bremer entschieden wird, hat sich das Team von Florian Kohfeldt von Europa noch lange nicht verabschiedet. Daran ändert auch der nächste Gegner, Bayern München, nichts. 


Für einen Moment sah es so aus, als wäre Florian Kohfeldt nicht nur Fußballlehrer, sondern auch eine Art Magier. Was seine Mannschaft zu Beginn der Saison da auf den Rasen brachte, war allerhand. Nicht nur das, es war erfolgreich. So erfolgreich, dass sich die Bremer ehe sie sich versahen nach acht Spieltagen auf dem dritten Platz der ​Bundesliga-Tabelle wiederfanden. Was war der 36-jährige Trainer nicht belächelt worden, als er für seine Mannschaft "Europa" zur Zielvorgabe erklärte. Auf einmal verstummten die Kritiker. 

SC Weiche Flensburg 08 v SV Werder Bremen - DFB Cup

Florian Kohfeldt hat bei Werder seit seinem Amtsantritt vor einem Jahr viel bewegt


Lange währte die Ruhe allerdings nicht. Drei Niederlagen und ein (denkbar knappes) Unentschieden später steht Werder auf dem siebten Platz, dem ersten, der nicht nach Europa führt. Doch genauso wie die insgesamt fünf Spieltage auf einem Champions-League-Platz nicht automatisch zum europäischen Top-Team machen, so besiegelt die aktuelle Ausgangslage nicht das Scheitern des zugegebenermaßen ambitionierten Vorhabens Kohfeldts. Auch nicht vor einem Spiel gegen den FC Bayern München. 


Sieg gegen München "nicht unmöglich"


Mutig schauen Werderaner dem kommenden Bundesliga-Spieltag entgegen. "Was wir im Kopf haben, ist, dass wir letztes Jahr schon sehr nah dran waren gegen die Bayern zu gewinnen", beschreibt der Trainer aus Siegen laut Kicker die Gefühlslage im Verein. Der Zeitpunkt für das Spiel gegen den Rekordmeister ist dabei womöglich optimal: Noch immer hat der FC Bayern in der Bundesliga nicht ganz in die Spur gefunden, war zuletzt verletzlich, ja sogar besiegbar. Die zwei Punkte aus den vergangenen drei Spieltagen beschreiben den Schatten seiner selbst, der der ​FC Bayern zuletzt war. 


In Bremen muss man indes darauf hoffen, dass das 5:1 gegen Benfica den Münchnern nicht zu viel Aufwind verleiht. Florian Kohfeldt weiß um die individuelle Stärke der Bayern und hat entsprechend hohen Respekt. Dennoch spricht der Werder-Coach von einer Aufgabe, die "schwer" sei, aber "nicht unmöglich".

Sport-Club Freiburg v SV Werder Bremen - Bundesliga

Gegen den SC Freiburg rettete Ludwig Augustinsson Werder noch spät einen Punkt



Es ist zweifelsohne auch diese neue Denkweise, die sich im Bremer Verein mehr denn je etabliert. Durch den beeindruckenden Saisonstart gelten die Grün-Weißen immer häufiger als Favorit - Eine Rolle, die gerade den Führungsspielern schon jetzt in Fleisch und Blut übergegangen ist. Entsprechend groß fällt allerdings auch der Unmut bei kleineren Rückschlägen wie dem Unentschieden des vergangenen Wochenendes aus: "Es gab in der Mannschaft eine gewisse Unzufriedenheit, weil wir mehr wollten", beschreibt beispielsweise der Bremer Shooting-Star und aktuelle Top-Torschütze (4 Tore) Maximilian Eggestein die Stimmung nach dem 1:1 gegen den ​SC Freiburg. "Der Punkt", gibt er daraufhin allerdings zu, "tat letztlich gut".


Schwieriges Restprogramm

Der Ehrgeiz, den Eggestein und seine Teamkollegen an den Tag legen, die Selbstverständlichkeit, mit der sie ihre Europa-Ambitionen nach außen tragen unterscheidet die Kohfeldt-Truppe elementar von den Werder-Teams der letzten Jahre. Und so ist die Hoffnung auf Erfüllung des internationalen Traums trotz aller aktuellen Ernüchterung weder gestorben noch unrealistisch. Die kommenden Wochen jedoch, das ist schon jetzt klar, werden dem Verein von der Weser als Reifeprüfung dienen.


Wo nach dem Bayern-Spiel noch Aufsteiger ​Fortuna Düsseldorf auf dem Plan stehen, folgen noch vor der Winterpause mit Tabellenführer ​Dortmund​TSG 1899 Hoffenheim und ​RB Leipzig gleich drei Mannschaften, die in der Bundesliga zu den härtesten Brocken zählen. Zum Weihnachtsfest könnten sich Kohfeldt und seine Werderaner mit wichtigen Siegen somit selbst beschenken, dazu müssen die Bremer ihre Aufgaben jedoch auch mit dem nötigen Ernst und Respekt angehen. 


Die richtige Einstellung dafür scheint vorhanden zu sein, der Mut auch - zumindest, wenn man den Worten Maximilian Eggesteins glauben darf: "Wir wissen, dass jetzt die Mannschaften kommen, mit denen wir uns im Hinblick auf unser Saisonziel messen müssen. Wir wissen aber auch, dass wir nie chancenlos sind und unser Anspruch ist es, oben dranzubleiben."