​Tabellenführer in der Bundesliga, in der Champions League sowie im DFB-Pokal auf Kurs, eine furiose Offensive, der gefundene Wunschtrainer und eine Stimmung, die an den Beginn dieses Jahrzehnts erinnert: In den vergangenen Wochen ist bei ​Borussia Dortmund vieles zusammengekommen. Nach einem schwierigen Jahr in der abgelaufenen Saison befindet sich die Mannschaft, die mittlerweile von Lucien Favre trainiert wird, in der wohl besten Verfassung seit der Amtsübernahme von Thomas Tuchel im Sommer 2015. Doch was ist es, das den BVB derzeit so stark macht?


Egal in welchem Wettbewerb: Borussia Dortmund ist einfach nicht aufzuhalten. Jüngst bekam dies auch Zweitligist Union Berlin zu spüren. Die Köpeniker mussten bis dato ebenfalls keine Niederlage hinnehmen, traten dementsprechend mit breiter Brust im Signal-Iduna-Park auf und wussten zu überzeugen. Gleich zwei Mal ging der BVB in Front, doch Sebastian Polter war stets zur Stelle und rettete den Underdog in die Verlängerung. Dort machte Union mutig weiter, doch schlussendlich sorgte ein verwandelter Foulelfmeter von Marco Reus unmittelbar vor dem Elfmeterschießen für die Entscheidung.

Borussia Dortmund v 1. FC Union Berlin - DFB Cup

  Erneut der Retter: Kapitän Marco Reus


Schon eine Runde zuvor retteten sich die Dortmunder erst in der Verlängerung, als Marco Reus gar in der 121. Spielminute gegen Greuther Fürth den Siegtreffer zum 2:1 erzielte. Zuvor traf Axel Witsel in der fünften Minute der Nachspielzeit in der regulären Spielzeit zum 1:1 und rettete die Mannschaft daher vor dem Knock-Out in der ersten Runde.


In der Liga und in der Champions League ist es selten so eng. Stattdessen stehen die Westfalen nach neun Spieltagen mit 21 Punkten und 29 erzielten Toren an der Tabellenspitze und konnten nach einer Serie von sieben Pflichtspielsiegen in Folge erst am vergangenen Wochenende von Hertha BSC gestoppt werden. Selbst Atlético Madrid, die Mannschaft mit der wohl gefürchtetsten Defensive Europas, musste eine 0:4-Klatsche hinnehmen.


Auch Stöger ist am Prozess beteiligt


Die Weichen dafür wurden schon früh gestellt, wie Ex-Trainer Peter Stöger berichtet. Der Österreicher war von Dezember vergangenen Jahres bis Mai Trainer in Dortmund, ersetzte Peter Bosz und sollte die Mannschaft in die Königsklasse führen. "Aus den Dingen, die in der vergangenen Saison nicht optimal liefen, wurden die richtigen Lehren gezogen. Natürlich haben Aki Watzke, Michael Zorc und ich auch in der Rückrunde ständig gemeinsam analysiert, warum es nicht immer nach Wunsch gelaufen ist. Es freut mich ein Stück weit schon zu sehen, dass wir da nicht ganz falsch lagen", sagte er im Gespräch mit der ​Sport Bild.

Borussia Dortmund v Club Atletico de Madrid - UEFA Champions League Group A

  Einer der neuen starken Männer im Hintergrund: Sebastian Kehl


Die erste Konsequenz: Durch neues Personal sollten die Sichtweisen noch einmal erweitert werden. Daher wurde Ex-Spieler und Kapitän Sebastian Kehl als Leiter der Lizenzspielerabteilung installiert. Der 38-Jährige ist nah bei der Mannschaft, kümmert sich um die einzelnen Spieler und weiß daher genau, was in ihren Köpfen vorgeht. Doch es kam noch mehr Arbeit auf ihn zu: "Ich beschäftige mich mit meinen Mitarbeitern, schaffe neue Strukturen – wo haben wir Bedarf, wo müssen wir uns professionalisieren, wo müssen wir neue Stellen schaffen? Ich habe daran gearbeitet, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass wir gerüstet sind, wenn die Mannschaft am 01.07. hier antritt, damit der Neustart gelingt", so Kehl im Interview mit Schwatzgelb.de.


Die zweite wichtige Personalie: Matthias Sammer. Der Ex-Meistertrainer und einstige Sportdirektor des FC Bayern München legt immer wieder den Finger in die Wunde und soll als externer Berater zur Seite stehen, wenn heikle Themen wie die Kaderplanung zu besprechen sind. Auch dank seiner Berufung schwimmt der BVB derzeit auf einer Erfolgswelle, mit der wohl kaum einer gerechnet hat.


Mit Kehl und Sammer wurde der Kader umgekrempelt


Die Neugestaltung des Kaders war zweifelsohne die wichtigste und zugleich schwierigste Aufgabe. Schnell wurde klar: Speziell im zentralen Mittelfeld müssen Typen her, die auf dem Platz ackern, die dem Gegner den Zahn ziehen und ein Stück weit Mentalität mitbringen. Mit Thomas Delaney und Axel Witsel wurden zwei solcher Spieler verpflichtet. Beide gelten nahezu als unverzichtbar, vor allem Witsel, der bei der Weltmeisterschaft für Aufsehen sorgte, sollte sich schnell zum neuen Anführer entwickeln. Er nimmt in schwierigen Momenten das Tempo raus, dirigiert das Spiel und nimmt die Mannschaft an die Hand.

Borussia Dortmund v Hertha BSC - Bundesliga

Der absolute Königstransfer: Axel Witsel vereint vieles, das dem BVB in der Vergangenheit abhandengekommen war


Doch es braucht auch einen Trainer, der mit dem Ensemble umzugehen weiß und den Spielern eine offensive, mutige Idee mit auf den Weg gibt. Diesen hat man nun in Lucien Favre gefunden. Der Schweizer galt schon im vergangenen Sommer als Wunschlösung, doch OGC Nizza ließ ihn nicht ziehen. Dieses Jahr war es endlich soweit - und die Geduld sollte sich auszahlen.


Auch, dass Streik-Profis wie Ousmane Dembélé oder Pierre-Emerick Aubameyang den Verein mittlerweile verlassen haben, war wichtig. Innerhalb der Mannschaft fokussieren sich alle Spieler voll und ganz auf ihre Aufgaben bei Borussia Dortmund, die einzelnen Spieler verschmelzen wieder zu einer Einheit. Egal ob in der Defensive oder im Angriff: Alle halten zusammen.

Borussia Dortmund v 1. FC Union Berlin - DFB Cup

  Szenen wie diese sind längst keine Seltenheit mehr


Es gab also nicht den einen Faktor, wieso Dortmund auf einmal wieder an der Tabellenspitze thront. Es war die Mischung, die mit der Analyse während der abgelaufenen Rückrunde begann, in Kehl und Sammer die ersten Konsequenzen fand und schlussendlich wie ein roter Faden durch den Kader durchgezogen wurde. Dadurch ist der BVB wiedererstarkt und für die Zukunft ein ernsthafter Kandidat auf Titel - national wie international.