​​Bayer 04 Leverkusen hat sich innerhalb weniger Tage vom Problemfall zum Team der Stunde entwickelt. Die wenigsten hätten erwartet, dass die Werkself gegen ein formstarkes ​Werder Bremen mit 6:2 gewinnt und anschließend auch Ligakonkurrent ​Borussia Mönchengladbach im DFB-Pokal mit 5:0 abwatscht. Das Team zog vor dem endgültigen Absturz den Kopf aus der Schlinge - und rettete damit Trainer Heiko Herrlich den Kragen.


Beim 6:2 gegen Werder beendete das Team von Trainer Heiko Herrlich deren Serie von 16 ungeschlagenen Heimspielen in Folge. Florian Kohfeldt musste seit Amtsantritt vor genau einem Jahr das erste Mal als Verlierer vor die Presse im heimischen Weserstadion treten: „Leverkusen hat das gut gemacht“, sagte er gelassen, vor allem nach Ballverlusten habe sich Bayer clever angestellt und Werder den Schneid abgekauft. "Es ist sehr besonders, wie wir momentan unsere Spiele gewinnen", sagte Julian Brandt dem Vereinssender der Leverkusener.


Sportchef Rudi Völler resümierte gegenüber Bild: „Innerhalb von drei Tagen haben wir gegen zwei Teams, die bisher eine starke Vorrunde gespielt haben, elf Tore geschossen. Momentan funktioniert sehr viel, was vorher nicht so funktioniert hat.“ Dabei hat sich nicht viel im Team getan: Trainer Heiko Herrlich vertraute in erster Linie auf Personal, das auch in den vorherigen acht Saisonspielen zum Einsatz kam oder zumindest im Kader stand.


"...dann ist das Weltklasse"


Torhüter Lukas Hradecky weiß indes genau, woran es liegt, dass man gegen die haushohen Favoriten derart überzeugend auftrat: „Wenn diese Jungs Spielfreude haben und ohne Druck spielen, dann ist das Weltklasse“, zitierte ihn die Bild. „Diese Jungs“ – das sind insbesondere die offensiven Ballkünstler um Karim Bellarabi, Julian Brandt, Kai Havertz und Kevin Volland. Gemeinsam sammelten diese vier Spieler neun Scorerpunkte gegen Werder und Gladbach und legten sich gegenseitig glänzende Torschussvorlagen auf. Brandt selbst lobte seine Mitspieler: „Für die Jungs freut es mich extrem, weil sie alle zeigen, dass sie wieder die Qualität auf den Platz bringen, die sie auch haben.“


Der Druck, den Hradecky beschreibt, war eigentlich noch da, aber die Spieler haben sich offenbar auf das Spielgeschehen konzentriert und sich nicht von düsteren Szenarien ablenken lassen: Herrlich hätte sich wahrscheinlich nicht halten können, wenn eine der beiden Partien verloren gegangen worden wäre. Es ging nur darum, abzuliefern, wozu man bekanntermaßen im Stande ist.


Denn diese Offensivzange Bayers hat schon in der Vergangenheit gezeigt, dass mit ihr zu rechnen ist. Die Bundesliga weiß um ihre Fähigkeiten. Es ist auch nur eine Frage der Zeit, bis einige von ihnen wieder im DFB-Trikot auflaufen werden. Werder-Trainer Florian Kohfeldt wurde vor der Partie nicht müde zu warnen, dass die individuelle Qualität dieser Techniker schwer wiegen könne. Sie hätten jederzeit das Potenzial, eine Partie zu entscheiden. 


Wie schon gegen Bremen hat gegen die Borussia einfach auch alles funktioniert. Dadurch konnte man viel „Selbstbewusstsein tanken“, sagte Herrlich. Das Pokalspiel gegen den Rhein-Rivalen war die nächste bestandene "Kopf-Prüfung" für die Werkself.


„Wir wollten so anlaufen, dass wir in bestimmten Bereichen die Bälle erobern und dann mit unseren schnellen Spielern zum Kontern kommen“, erklärte Herrlich den Plan auf der Pressekonferenz nach der Partie. Es ging um Druck. Es ging darum, die Räume für Werder eng zu halten. Mit Erfolg.


Das Bayer-Spiel der vergangenen Tage zeichnete sich durch variable Spielzüge in der Offensive aus: Bei jedem Sturm auf den gegnerischen Kasten liefen die schnellen Leverkusener mit und boten damit viele Optionen auf verschiedene Spielzüge. Sowohl Bremen als auch Gladbach schauten dem Ball oft hinterher und wurden schlichtweg ausgespielt. Das Passspiel der Werkself sprühte vor Ideenreichtum. Dazu kam auch das Glück der Tüchtigen, dass riskante Pässe ankamen und die Schüsse saßen. Sowohl Gladbachs Yann Sommer als auch Jiří Pavlenka im Tor der Bremer sorgten dafür, dass Leverkusen nicht noch mehr Tore schoss.


Die Kehrtwende in der Saison scheint genau zur richtigen Zeit zu kommen: Bayer konnte sich durch das Vorwochenergebnis auf Platz zwölf der Liga hieven und geht mit einer breiten Brust in die bevorstehenden Aufgaben gegen die ​TSG 1899 Hoffenheim und ​RB Leipzig. Trainer Heiko Herrlich konnte scheinbar nicht nur die richtige Taktik für die Favoriten aus Bremen und Mönchengladbach finden, sondern auch die richtige Ansprache.