Das gestrige Länderspiel in Rijeka zwischen Kroatien und England ging unter Ausschluss der Öffentlichkeit torlos aus, das Niveau der Partie hielt sich in Grenzen, trotzdem hatte vor allem ein Einwechselspieler etwas zu Lachen. ​Borussia Dortmunds Jadon Sancho feierte mit gerade einmal 18 Jahren und 201 Tagen sein Debüt für die "Three Lions".


Wer im heruntergekommenen Viertel Kennington im Londoner Süden aufwächst, hat keinen Freifahrtschein in seinem Leben. Zwar liegt das Viertel in der Nähe des Buckingham Palace und nicht weit von florierenden Einkaufsstraßen und Luxusrestaurants, doch viel unterschiedlicher könnten die Lebensumstände in diesen zwei Welten nicht sein. Jadon Sancho gehörte zur weniger privilegierten Gesellschaft, trotzdem schrieb er am Freitagabend englische Fußballgeschichte: Seit 1955 gab es keinen Spieler, der beim Debüt für die Nationalmannschaft jünger war als Sancho.

Schon als Kind bemühte sich Sancho aus dem Umfeld auszubrechen. "Das Leben dort wäre nicht gut für mich gewesen, weil es viele schlechte Menschen gab", erklärte er Anfang dieses Jahres im Gespräch mit BBC im Hinblick auf seine Heimat. Er wollte nur von dort wegkommen, betonte der heute 18-Jährige. 


Sancho spielte als Kind mit Profi Reiss Nelson


Mit seinem Freund Reiss Nelson, der aktuell von Arsenal London an die TSG Hoffenheim verliehen ist, kickte Sancho schon in seiner Jugend. Der Trainer der Southwark's London Youth Games-Mannschaft, Sayce Holmes-Lewis, berichtete jüngst im Mirror, die beiden seien "völlig irre". "Jadon hat seine Gegenspieler lächerlich gemacht. Seine Beinschüsse, seine Fähigkeiten. Man muss bedenken, dass er das gegen andere Auswahlspieler gemacht hat", sagte Holmes-Lewis. "Jadon macht Dinge, die kein anderer macht", lobte sein früherer Trainer weiter: "Wenn seine Entwicklung so weitergeht, wird er Europas Spieler des Jahres oder sogar der beste der Welt. Ich bin super stolz auf ihn."


Louis Lancaster, Sanchos U15-Trainer beim FC Watford, schwärmte ebenfalls von seinem ehemaligen Schützling und besonders von dessen Arbeitsmoral. "Die besten Spieler entwickeln sich selbst. Sie übernehmen Eigenverantwortung. Deswegen hebt sich Jadon vom Rest ab." Das Talent des Linksaußen war schon damals nicht zu übersehen. "Ich werde ehrlich sein. Selbst Stevie Wonder hätte erkennen können, was für ein besonderer Spieler Sancho war", scherzte Lancaster.


Mit 15 Jahren wechselte Sancho zu Manchester City. In der Saison 2016/2017 spielte er in der

Nachwuchs-Premier-League und schoss 12 Tore und gab vier Vorlagen in 14 Spielen, obwohl er jünger als die meisten Mit- und Gegenspieler war. Allmählich wurde sein Ziel immer konkreter: Spielzeit bei einem europäischen Top-Klub.


Sancho verzichtet auf jährliches Millionengehalt


Manchester City bot ihm im Sommer 2017 ein Wochengehalt von rund 34.000 Euro, doch die 

Perspektive auf Einsatzzeit schien ihm nicht gegeben und ließ ihn das Angebot ausschlagen. Stattdessen schloss er sich dem Bundesligisten Borussia Dortmund an, der stolze 7 Millionen Euro Ablöse für den damals noch 17-Jährigen überwies. In der vergangenen Spielzeit rutschte er in der Endphase in die Startelf, damals konnte man Sanchos Potential immer wieder durchschimmern sehen, doch seit Beginn der aktuellen Saison und der Übernahme von Trainer Lucien Favre startet der Engländer so richtig durch. 


Zwar stand er bisher nur in drei Pflichtspielen in der Startelf, doch schon bald dürfte Favre Sancho von der Leine lassen. Favre ist bekannt dafür, jungen Spielern eine Chance zu geben. Die Spielfreude des Jokers und seine Qualität im Eins-gegen-Eins haben in der Bundesliga nicht viele Profis, schon gar nicht in diesem Alter. Nach erst zehn Pflichtspielen und trotz der begrenzten Minuten stehen für Sancho schon ein Tor und acht Torvorlagen zu Buche. In der Bundesliga hat kein Akteur mehr Treffer vorbereitet als Sancho (6). 

Folgerichtig berief ihn Englands Nationaltrainer Gareth Southgate fürs A-Team der

"Three Lions". Als er bei der Pressekonferenz vor dem Spiel gegen Kroatien auf den Anruf Southgates angesprochen wird, sagte Sancho: "Ich konnte den ganzen Tag nicht aufhören zu lachen." Freudestrahlend habe er zuerst seine Eltern angerufen. Es könnte demnächst noch häufiger passieren, dass Sancho zum Hörer greifen muss.