Ein Kommentar


Über keinen deutschen Spieler wurde in der letzten Zeit so viel geschrieben wie über Mario Götze. Dazu gesellten sich viele Stimmen von vermeintlichen Experten, die ihm die Qualität für einen (erneuten) Neustart der einst so verheißungsvoll gestarteten Fußballkarriere abgesprochen haben. Doch haben sie wirklich Recht? Findet Götze nicht mehr in die Spur?


Zu Beginn seiner Karriere passte er perfekt in die Pressingmaschine des ​BVB, mit der Jürgen Klopp die Bundesliga begeisterte und 2013 bis ins Finale der Champions League stoßen konnte. Zunächst wurde Götze vornehmlich auf der rechten Offensivposition eingesetzt, ab 2012 nach dem Weggang von Shinji Kagawa zu Manchester United zentral hinter der Spitze – Götze war auf der „Zehn“ angekommen. Seine Leistungen gipfelten schließlich in der Spielzeit 2012/2013, in der Götze in 44 Spielen außerordentliche 36 Torbeteiligungen verzeichnen konnte.


Im Anschluss an diese Saison brachte der gerade mal 21-jährige Götze Fußballdeutschland ins Wanken und wechselte zum ​FC Bayern München. Für kolportierte 37 Millionen Euro schlug er mit dem neuen Trainer der Bayern, Pep Guardiola, ein neues Kapitel in seiner Karriere auf und wollte sich mit den Bayern in Europas Elite etablieren. Ein auf den ersten Blick glänzendes Gespann mit Guardiola, der mit seiner Kurzpass- und Ballbesitzphilosophie für Edeltechniker wie Mario Götze eine scheinbar perfekte Strategie mit aus Barcelona gebracht hat. 


Doch dieses Versprechen konnten beide nicht einhalten. Eben jene Explosivität, Kreativität und letztendlich Torgefahr, die Götze in Dortmund unverzichtbar machten, gingen ihm beim FC Bayern peu à peu verloren. Der schleichende Abstieg von der Rolle als tragende Säule im Ruhrpott bis hin zur Teilzeitkraft unter Pep Guardiola war nicht mehr aufzuhalten. Auch die medial viel beachtete Rückkehr nach Dortmund konnte letztendlich keinen Reboot seiner Karriere hervorbringen. Eine Stoffwechselkrankheit warf Götze darüber hinaus noch weiter zurück.


Nun ein weiterer Neustart. Wie in der Werbekampagne eines Technik-Giganten heroisch angekündigt, will Götze wieder angreifen. Ein sehr früher Trainingseinstieg und ein neuer Trainer mit Lucien Favre. Doch kaum sind die ersten Wochen der neuen Spielzeit vorbei, schon schmücken viele Zeitschriften ihre Titelseiten mit der Frage, ob Götzes Karriere bereits (mal wieder) am Ende ist, weil er in den ersten beiden Spielen vom BVB nicht zum Zug gekommen ist. Würden die Headlines ähnlich aussehen, wenn ein Marco Reus zwei Spiele in Folge auf der Ersatzbank Platz nehmen müsste? In diesem Fall würden derart forsche Artikel wohl nicht so schnell den Weg in die Büros der Chefredakteure finden.

Borussia Dortmund Training Session

Mario Götze ist in den ersten beiden Bundesligaspielen des BVB noch nicht zum Zug gekommen - seine Zeit wird sicherlich bald kommen.



Mit RB Leipzig und Hannover 96 stand der BVB zwei Mannschaften gegenüber, die sich durch aggressives Pressing bzw. körperbetontes Spiel auszeichnen. Teams, gegen die der BVB im letzten Jahr nicht unbedingt glänzen konnte. Für diese Saison haben sich die Verantwortlichen in schwarz-gelb auf die Fahnen geschrieben, diesen Mannschaften ebenfalls mit Körperlichkeit und Kampfstärke zu begegnen. Rein logisch also, dass ein Mario Götze da nicht zur Startelf gehört, sondern Thomas Delaney und Axel Witsel den Vortritt lassen muss. Sicherlich aber kein Indiz dafür, Götze sportlich abzuschreiben.


Einen Mario Götze wie in den Meistersaisons 2011 und 2012 werden wir wahrscheinlich nicht mehr zu Gesicht bekommen. Dies aber auch, weil auch der BVB nicht mehr der Club ist, der er noch zu dieser Zeit war. Man ist nicht mehr der Favoritenschreck, der den Bayern und Real Madrid mit bedingungslosem Pressing aus der Rolle des Underdogs das Leben schwer macht. Dortmund ist unter den 20 besten Vereinen in Europa angekommen und tritt in der Vielzahl der Spiele als unumstrittener Favorit an. Die Gegner lassen dem BVB nicht mehr die Räume im Angriffsdrittel, die Götze seinerzeit mit Reus oder Kagawa nach Belieben bespielen und von dort atemberaubende Kombinationen initiieren konnte. 


Götzes Rolle wird in Zukunft tiefer auf dem Feld sein. Er wird sich Bälle abholen und mit klugen Pässen und Seitenverlagerungen dem Team helfen, die gegnerischen Abwehrbollwerke zu knacken. Höchst selten werden wir aller Voraussicht nach ein Tempodribbling von Dortmunds Nummer 10 durch drei, vier Gegner hinweg mit anschließendem Torabschluss sehen. Ist seine Bedeutung für das Team aber dadurch geringer? Einen Mangel an wieselflinken Dribblern kann der BVB sicherlich nicht beklagen. Mit Christian Pulisic, Jadon Sancho und Marco Reus verfügt Dortmund über eine ausreichende Anzahl an diesen Spielern.


Strategen, die das Spiel steuern und das Tempo bestimmen, sind dagegen nicht so häufig anzutreffen. Und diese Fähigkeit wird Mario Götze sicherlich wieder zum einem festen Bestandteil der Dortmunder machen. Vorzugsweise auf der Acht, wird es sich auch Lucien Favre nicht entgehen lassen, einen derart begnadeten Fußballer in den richtigen Spielen einzusetzen.


Ob er auf diese Weise noch einmal auf den Fußball-Olymp aufsteigen wird, kann heute niemand mit Bestimmtheit sagen. Eine objektive Sicht auf die Dinge und eine faire Berichterstattung würden aber zumindest nicht hinderlich sein.