Germany's national football head coach Joachim Loew arrives for a press conference in the stadium in Munich, southern Germany, on August 29, 2018. - After the debacle in Russia, Germany coach Joachim Loew is also expected to make sweeping changes when he names his squad on for the home game against newly-crowned world champions France on September 6 in the Nations League. (Photo by Christof STACHE / AFP)        (Photo credit should read CHRISTOF STACHE/AFP/Getty Images)

WM-Analyse: Joachim Löws Gründe für das Aus unter der Lupe

Für den heutigen Mittwoch kündigte Joachim Löw seine ausgiebige Analyse bezüglich des Scheiterns der deutschen Nationalmannschaft bei der diesjährigen Weltmeisterschaft in Russland an, und präsentierte daher im ersten Teil der Pressekonferenz in München insgesamt vier Punkte, die seiner Meinung nach ausschlaggebend für das peinliche Ausscheiden in der Gruppenphase waren.


"Wir haben versucht, das zu vergleichen, was wir wann gut gemacht haben", so der Bundestrainer laut Spox. Daher wurde infolge dessen immer wieder Bezug auf die Weltmeisterschaften 2010 und 2014 genommen, um die gewonnenen Erkenntnisse zu untermauern. Im Folgenden werfen wir einen Blick auf Joachim Löws vielschichtigen Gründe für das Aus.

1. Die falsche, "fast schon arrogante" Herangehensweise

"2010 waren wir eine Mannschaft. Damals war der Fußball geprägt von einer starken Defensive. Wir haben damals über schnelle Konter ein gutes Turnier gespielt und sind ins Halbfinale gekommen. 2014 sind wir Weltmeister geworden", so Löw, der in der Folge erklärte, dass man sich mit der Zeit zu einer Mannschaft entwickelt habe, die vor allem "totale Dominanz und Ballkontrolle" anstrebte.


Allerdings erkannte er auch: "In Deutschland Bayern München, in Spanien 

Barcelona, in England Manchester City sind alles Mannschaften, die über einen Ballbesitzfußball Meisterschaften gewonnen haben. Aber die Champions League hat 

Real Madrid gewonnen. Bei Turnieren sind Anpassungen gefragt."


Daher sei es seine "größte Fehleinschätzung" gewesen, zu glauben, man könne weiterhin durch das pure Ballbesitzspiel erfolgreich sein. "Das war eine riesige Fehleinschätzung, das war fast schon arrogant. Ich wollte die Mannschaft in Sachen Ballbesitz perfektionieren. Aber ich hätte mehr auf eine stabile Defensive setzen müssen", räumte Löw ein.


Die deutsche Nationalmannschaft bot in der Tat immer wieder Lücken in der Defensive, die vielerlei Gründe nach sich zogen. Zum einen beteiligten sich die Außenverteidiger, insbesondere Joshua Kimmich, zu häufig am Offensivspiel. Der Rechtsverteidiger des FC Bayern positionierte sich dabei meist zu hoch, ließ so Räume für Konter offen - die Mexiko eiskalt ausnutzte.


Doch auch das defensive Mittelfeld war nicht auf die Arbeit gegen den Ball ausgerichtet, einzig mit Sebastian Rudy kam ein wenig Stabilität rein. Doch der 28-Jährige erlebte nur wenige Minuten auf dem Feld, nachdem er gegen Schweden mit einem Nasenbeinbruch ausgewechselt werden musste. 


So waren die Innenverteidiger meist auf sich alleine gestellt, allein im ersten Gruppenspiel konnte Mexiko einen Konter nach dem anderen starten. "Ich wollte erst nach der Vorrunde die Spielweise adaptieren", so Löw, der sich für die Zukunft folgendes Ziel setzt: "Wir müssen unsere Spielweise adaptieren, variabler und flexibler sein." 

2. Die fehlende Leidenschaft

"Wenn man ein Turnier gewinnen will, muss man brennen und einen Enthusiasmus entwickeln", führte Löw fort. Seine Erkenntnis: "Nach dem WM-Titel 2014 haben wir es nicht geschafft, ein neues Feuer zu entzünden. Dass alle mit Leidenschaft, Enthusiasmus, Kampf und Zweikampfstärke auf voller Flamme ins Turnier gehen."


Bei der Europameisterschaft vor zwei Jahren machte die Nationalmannschaft noch einen hungrigen Eindruck, doch in Russland wirkte sie auf dem Platz behäbig, lustlos, zu selbstsicher. "Es wäre meine Aufgabe gewesen, das zu fordern über Ansprache, Trainingsweise und Emotionalität. Das sind die wichtigsten Erkenntnisse für mich als Trainer", räumte er zwar ein - doch die Vorbereitung, in der bereits die ersten Mängel offensichtlich wurden, wollte er nicht überbewerten.


"Die Vorbereitungsphase darf man nicht zu hoch hängen. Da hatten wir schon bei anderen Turnieren Schwierigkeiten." Dennoch sollte man in künftigen Turnieren schon während der Vorbereitung die Gier wecken und neue Leidenschaft entfachen. Doch diese fehlte den Spielern auf dem Platz gänzlich, was vor allem gegen Mexiko spürbar war. Daher müsse man "unsere Spielweise anpassen und das Feuer wieder bekommen." Dann, so Löw, "haben wir ein sehr gutes Fundament".

3. Die schwache Chancenverwertung

Speziell im letzten Gruppenspiel gegen Südkorea wurde deutlich: Vor dem Tor fehlten die letzten Prozente bei der Mannschaft.


"Wir hatten 2014 13 Abschlüsse pro Spiel und 2018 24 pro Spiel, aber wir haben noch nie so 

wenige Tore erzielt", so Löw. Die einzigen beiden Treffer fielen beim 2:1-Sieg über Schweden, im Schnitt benötigte man daher 36 Abschlüsse, um ein Tor zu erzielen - viel zu wenig für einen Titelfavoriten, wie es die deutsche Nationalmannschaft vor dem Turnier war.


Auch bemerkenswert: Das Siegtor gegen die Skandinavier fiel erst in der fünften Minute der Nachspielzeit, zudem nach einem Standard. Aus dem Spiel heraus gelang lediglich Marco Reus ein Tor, der Rest verfehlte nur knapp oder erwischte das Aluminium. 

4. Die mangelnde Intensität

Die deutsche Nationalmannschaft stand bei ihren drei Auftritten für gähnenden Ballbesitzfußball, der nur wenig Ertrag brachte. Das Tempo fehlte spürbar, genau wie die letzte Bereitschaft, auch einmal ins Risiko zu gehen.


"Wir hatten wahnsinnig viel Ballbesitz und die Gegner haben versucht, über Kontersituationen zu einem Tor zu kommen. Wir haben viel weniger in Sprints und intensive Läufe investiert, als das noch 2010 und 2014 der Fall war", so Löw. "Wir sind nicht so intensiv in die Tiefe gegangen, nicht in diesem Maße. Wir hatten zwar nach drei Spielen eine relativ hohe Laufleistung, aber uns hat die hohe Intensität gefehlt."


Während man vor vier Jahren in Brasilien lediglich 1,19 Sekunden von der Ballannahme bis zur Weiterleitung gebraucht habe, seien es nun etwa 1,5 Sekunden gewesen. "Deswegen hatte der Gegner jedes Mal die Möglichkeit, sich wieder entsprechend zu organisieren", hielt der Bundestrainer fest.


Alle drei Gruppenspiele verliefen nach einem ähnlichen Muster: Der Gegner stand tief, die Räume wurden eng. Die Halbräume blieben meist leer, weshalb der Ball immer wieder von außen nach innen verlagert wurde, um irgendwie eine Lücke aufzureißen - ehe man in den nächsten Konter lief, da die Intensität in den Zweikämpfen ebenfalls nicht vorhanden war.

5. Das Fazit - und die daraus folgenden Schlüsse

Insgesamt habe es nicht an einzelnen Spielern gelegen, sondern an allen - offenbar auch an den Leuten, die hinter den Kulissen aktiv waren. "Es ist wichtig, da die richtigen Schritte einzuleiten", sagte Löw, der nicht nur im Bezug auf den Kader einige Veränderungen präsentierte.


So wird Thomas Schneider nicht mehr als Co-Trainer agieren, sondern nimmt eine neue Rolle als Leiter der Scouting-Abteilung ein. " Wir haben ein sehr großes Team und ein großes Team hinter dem Team. Die Leute haben alle eine sehr große Qualität. Aber manchmal ist weniger mehr", begründet der 58-Jährige die Entscheidung. Das letztliche Resultat: "Wir haben uns entschieden, dass Thomas Schneider nicht mehr zum Trainerstab gehören wird, sondern die Leitung der Scoutingabteilung übernimmt. Das Trainerteam besteht aus mir, Marcus Sorg und Andreas Köpke. Urs Siegenthaler wird aber weiter für uns arbeiten."


Schneider heuerte 2014 beim DFB an, absolvierte unter Löw 51 Spiele als Co-Trainer und war derjenige, der während des Turniers die Spiele von der Tribüne aus beobachtete, um via Headset gewonnene Eindrücke übermitteln zu können. Nun soll ihm eine andere Aufgabe zuteil kommen, um einen Teil dazu beizutragen, dass in den kommenden Jahren einige Dinge wieder geradegerückt werden. 

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