Der ​​Wechsel von Thilo Kehrer zu Paris St. Germain ist ein echter Paukenschlag – denn von den Verhandlungen zwischen dem französischen Spitzen-Klub und dem ​FC Schalke 04 bekam kaum jemand Wind. Vor allem auf emotionaler Ebene ist diese Meldung ein Schock, auch wenn der Transfer sportlich kompensierbar scheint.


Der FC Schalke 04 hatte in den vergangenen Jahren immer wieder mit der Krux zu kämpfen, junge und talentierte Spieler, die den Sprung aus dem eigenen Nachwuchsbereich zu den Profis geschafft haben, zu verlieren. Leroy Sané, Manuel Neuer, Julian Draxler, Joel Matip und Sead Kolasinac sind dabei nur eine Handvoll Beispiele.


Mit Thilo Kehrer reiht sich nun das nächste Eigengewächs in diese Riege ein, wenngleich der 21-Jährige gewiss nicht alle Jugendmannschaften durchlaufen hat. Der Abwehrspieler spielte von 2009 bis 2012 in der Nachwuchsabteilung des VfB Stuttgart, wagte dann jedoch den Schritt in die U17 der Schalker. Nach nur einer Saison folgte der Sprung in die U19, am sechsten Februar 2016 feierte er beim 3:0-Sieg über den VfL Wolfsburg sein Debüt in der Bundesliga. Doch während er einen Großteil der Saison 2015/16 noch bei der zweiten Mannschaft verbrachte, folgte unter Markus Weinzierl der erste Durchbruch.

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  Thilo Kehrer (r.) bei seiner Premiere gegen den VfL Wolfsburg


Insgesamt 25 Mal kam Kehrer zum Einsatz, erzielte dabei ein Tor, lieferte zwei Vorlagen und deutete sein Potenzial – viel mehr aber seine Variabilität – mehrfach an. Kehrer spielte als Innenverteidiger, aber auch als rechter beziehungsweise linker Verteidiger, sammelte zudem je einen Einsatz im defensiven beziehungsweise linken Mittelfeld.


Unter Domenico Tedesco entwickelte er sich zu einer noch festeren Größe, absolvierte 28 Partien in der Bundesliga und war in der Dreierkette neben Naldo und Matija Nastasic beziehungsweise Benjamin Stambouli gesetzt. Schon früh wollte man auf Schalke mit ihm verlängern, doch Kehrer zögerte zunächst.


Kurzzeitiger Streik 2015 - wenig später die Verlängerung


Dass er seine Zukunft nicht dauerhaft in 'Königsblau' sieht, deutete sich bereits im Sommer 2015 an. Damals waren allen voran Vereine aus der Serie A, darunter der AS Rom und Inter Mailand, an seinen Diensten interessiert, zeitweise fehlte er gar unentschuldigt beim Training. Am Ende folgte jedoch die Kehrtwende: Im Januar 2016, also kurz vor seinem Debüt in der Bundesliga, verlängerte Kehrer bis 2019.


Auch in diesem Jahr sollte eine Verlängerung erfolgen, auch wenn nach der Transferposse mit Max Meyer Spannungen zwischen Sport-Vorstand Christian Heidel und Berater Roger Wittmann, der auch Kehrer betreut, zu erwarten waren. Doch beide legten die Streitigkeiten ad acta und kümmerten sich einzig um die weiteren Gespräche. Wie die Bild berichtete, habe man sich auch auf eine Verlängerung bis 2022 geeinigt – ehe Paris St. Germain dazwischenfunkte. 


Eigentlich schien alles geklärt - doch dann begannen die Verhandlungen mit PSG


"Thilo und auch Roger Wittmann haben zu keinem Zeitpunkt Druck auf Schalke ausgeübt. Ich möchte herausheben, mit welcher Loyalität und Gelassenheit Thilo die Gespräche begleitet", sagte Heidel laut ​WAZ. Demnach hätte Kehrer verlängert, hätte man keine Einigung mit PSG erzielt.

Schalke 04 Training Camp

  Sport-Vorstand Christian Heidel sah aufgrund der horrenden Ablösesumme am Ende keine andere Möglichkeit, als Kehrer abzugeben


Doch schon seit Wochen verhandelten die Franzosen mit Schalke, boten offenbar zunächst nur 18 Millionen Euro. Nun steht etwas mehr als das Doppelte. Eine Summe, bei der man schwach wurde: "Der Transfer hat eine wirtschaftliche Dimension, wo auch Schalke nicht Nein sagen kann. Alles, was final besprochen wurde, muss jetzt noch zu Papier gebracht werden. Ich gehe davon aus, dass Anfang der Woche alles über die Bühne geht", wird der 55-Jährige in der ​Sport Bild zitiert.


Sportlich kompensierbar - emotional schwerwiegend


Rein sportlich gesehen hat man genügend Möglichkeiten, den Abgang des 21-Jährigen zu kompensieren. Mit Naldo, Salif Sané, Matija Nastasic und Benjamin Stambouli besitzt man noch immer vier Innenverteidiger, auf der linken Abwehrseite ist man mit Bastian Oczipka und Abdul Rahman Baba doppelt besetzt. Allerdings klafft nun eine Lücke auf der rechten Abwehrseite auf: Sascha Riether ist der einzig gelernte Rechtsverteidiger, Kehrer hätte auf diese Position ausweichen können.

FC Schalke 04 v AFC Fiorentina - Friendly Match

  Domenico Tedesco wird nun eine Lösung finden müssen, wie der Verlust von Kehrer kompensiert wird


Denn Trainer Domenico Tedesco favorisiert zwar noch immer eine Dreierkette, will jedoch auch an Flexibilität gewinnen und lässt daher die Viererkette trainieren. Wer dann auf die rechte Abwehrseite rückt, ist fraglich, doch die Einnahmen aus dem Kehrer-Transfer könnte man in einen variablen Verteidiger reinvestieren, falls man keine interne Lösung anstrebt.


Doch ohnehin wiegt der Transfer aus emotionaler Sicht schwerer. Mit Thilo Kehrer verlässt nun ein weiteres, talentiertes Eigengewächs den Verein. Eine so erfolgreiche Jugendarbeit wie beim FC Schalke ist demnach Fluch und Segen zugleich. Für Fans und Verantwortliche dürfte es jedenfalls ein herber Schlag sein – wie schon in der Vergangenheit.