​Der neue Bayern-Trainer Niko Kovac hat angekündigt, wie in Frankfurt auch beim FC Bayern die Dreierkette einstudieren zu lassen und zu einer ernsthaften taktischen Option zu machen. Bei genauerer Betrachtung des vorhandenen Spielerpersonals und der taktischen Möglichkeiten zeigt sich, dass ein solches System auch beim Meister durchaus sehr geeignet wäre. 


In der vergangenen Woche wurde am Rande der Saisonvorbereitung des FC Bayern geäußert, dass für Kovac das Einstudieren einer Dreierkette aus taktischer Perspektive das wichtigste Projekt beim amtierenden Meister sei, um in Zukunft taktisch flexibler agieren zu können. Das kommt wenig überraschend, nachdem Kovac bereits bei ​Eintracht Frankfurt bevorzugt mit einer Dreierkette als Grundordnung spielen ließ. So war man vor allem gegen den Ball flexibler, indem man entweder ein aggressives Mittelfeldpressing spielen konnte oder durch abkippende Außenspieler eine kompakte Fünferkette formierte. Ähnliche Systeme einer variablen Dreierkette sind in der Bundesliga momentan im Kommen und waren in der letzten Saison außer bei Pokalsieger Frankfurt unter anderem auch bei Vizemeister Schalke 04 und Champions-League-Qualifikant ​TSG Hoffenheim zu beobachten. 


Mehr Flexibilität ist das Ziel


Dabei zeichnete sich die Eintracht von Niko Kovac aber durch ein größeres Variantenreichtum aus. Während beispielsweise Schalke stets in einem 3-4-3 agierte, wählte Kovac teilweise sehr verschiedene taktische Ausrichtungen: Von einem 3-5-2 mit zwei Spitzen, über ein kompaktes 3-4-2-1, bis hin zu einem 4-5-1 wie im Pokalfinale beim Sieg gegen seinen neuen Klub. Diese taktische Flexibilität will Kovac nun auch beim FC Bayern etablieren, nachdem die vorherigen Trainer Carlo Ancelotti (4-3-3) und Jupp Heynckes (4-2-3-1) stets an ihren Stammformationen festhielten. Ein von Kovac präferiertes 3-4-2-1 würde dabei eine bessere Breitenstaffelung und gleichzeitig Kompaktheit im Zentrum liefern.


Betrachtet man Kader und Personal bei den Bayern, scheint dies wie gemacht für eine offensive Grundordnung mit Dreierkette. Beispielsweise hat Niklas Süle bereits im Halbfinal-Rückspiel gegen ​Real Madrid in der letzten Saison gezeigt, dass er bereit ist, eine größere Rolle beim Rekordmeister einzunehmen. Der 22-jährige Süle vereint eine hohe Schnelligkeit und ein ballsicheres Aufbauspiel, weshalb er perfekt als halbrechter oder halblinker Innenverteidiger geeignet wäre. Javi Martinez wurde bisher je nach Trainer entweder als Sechser oder als reiner Innenverteidiger eingesetzt. Unter Kovac könnten Martinez oder auch Mats Hummels als zentrale Spieler einer Dreierkette die Rolle des modernen Liberos einnehmen, die in Frankfurt herausragend vom gelernten Mittelfeldspieler Makoto Hasebe ausgeführt wurde.


Passendere Rollen für Kimmich und Alaba - Entlastung für Robbery


David Alaba hatte bereits seinerzeit unter Pep Guardiola einige Spieler als halblinker Verteidiger einer Dreierkette gemacht, wäre aber als Außenspieler auf der linken Seite noch besser aufgehoben. Der Österreicher sieht sich selbst eher als Mittelfeldspieler und bringt ein großes Laufpensum sowie einen ausgeprägten Offensivdrang mit. Auch auf der anderen Seite würde die offensivere Position Joshua Kimmich gut tun. Der gelernte Mittelfeldspieler machte schon in der gesamten letzten Saison eher durch Vorbereitungen als durch Defensivzweikämpfe auf sich aufmerksam und hat bei der WM deutlich gezeigt, dass eine offensivere Rolle und eine Absicherung in seinem Rücken seinem Spiel sehr gut tun würde. 

Bayern Muenchen v SC Freiburg - Bundesliga

Kimmich und Alaba könnten in einer Dreierkette ihre Stärken besser ausspielen



Auch für die Flügelstürmer würde die Dreierkette eine Entlastung bedeuten. Denn durch die höheren Außenverteidiger würden diese eine effizientere Unterstützung erhalten. Außerdem könnte man beispielsweise in einem von Kovac bevorzugten 3-4-2-1 auch ganz auf klassische Flügelstürmer verzichten, und stattdessen mit Spielern wie James Rodriguez, Thomas Müller, Leon Goretzka oder Serge Gnabry in den beiden Halbräumen hinter der Spitze spielen. Diese taktische Anpassung scheint angesichts der zunehmenden Alters der altgedienten Flügelflitzer Arjen Robben und Franck Ribery als nicht unwichtig.


Neue taktische Varianten im Ballbesitzspiel der Bayern


Durch die Einführung einer Grundordnung, die auf der Dreierkette beruht, könnte Kovac so neue taktische Komponenten ins Spiel der ​Bayern bringen: Gegen den Ball gäbe es die Möglichkeit, ein intensiveres und effektiveres Pressing zu spielen. Andererseits könnten sich die Bayern gegen ebenbürtige Gegner auch etwas tiefer formieren und aus einer kompakten Fünferkette heraus auf eigene Konter spielen - so wie es beispielsweise Real Madrid und Eintracht Frankfurt in der letzten Saison gegen eben jene Bayern, oder jüngst Frankreich bei der WM erfolgreich vormachten. 


Und auch im Ballbesitz würden sich neue Möglichkeiten eröffnen: Aus einer hoch stehenden Dreierkette heraus wäre ein breiterer Aufbau möglich und die aufrückenden Außen wären besser abgesichert. Wie wichtig gute Konterabsicherung für ballbesitzorientierte Mannschaften ist, hat sich spätestens anhand des deutschen WM-Vorrunden-Aus mal wieder gezeigt. Darüber hinaus würden durch die aufrückenden Außenspieler die Flügelstürmer entlastet, könnten häufiger Überzahlsituationen erzeugen oder nach innen einrücken. Denn ewig werden auch Robben und Ribery keine Eins-gegen-Eins Duelle mehr gewinnen.