Jürgen Kohler ist Welt- und Europameister. Im exklusiven 90min-Interview erklärt der 105-fache Nationalspieler, warum er sich gegen Schweden keine Sorgen macht und er weiter an die Titelverteidigung glaubt. Die fehlende Balance der Löw-Truppe ist für ihn eine Folge der Entwicklung seit dem Titel 2014. Chefkritiker Mats Hummels sollte sich auch an die eigene Nase fassen.


90min: Herr Kohler, wie bewerten Sie den Auftritt der Nationalmannschaft gegen Mexiko, waren Sie überrascht?

Kohler: Man kann es auch umgekehrt sagen, die Mexikaner haben sehr gut gespielt und den Sieg mehr als verdient. Die deutsche Mannschaft hat sicherlich enttäuscht. Aber nicht vom Ergebnis, sondern von der Art und Weise, wie sie Fußball gespielt hat.


90min: Droht Deutschland ein Schicksal wie zuvor Spanien oder Italien?

Kohler: Nein, ich glaube weiterhin, dass die Titelverteidigung möglich ist.


90min: Sie denken also nicht, dass dem DFB-Team der absolute Titelhunger fehlt? Der Auftritt gegen Mexiko legt das nahe.

Kohler: Das kann ich nicht sagen, ob der fehlt. Sicherlich hat man gesehen, dass einige Dinge in der Mannschaft nicht funktionieren - was auch immer das sein mag. Das weiß man von außen betrachtet nicht immer so ganz genau. Natürlich ist es nicht optimal gelaufen, auf der anderen Seite ist erst ein Spiel gespielt. Die Chancen sind immer noch da.


90min: Sie haben schon vor der Auftaktpleite gesagt, Neuer ist nicht das Problem. Eher die Innenverteidigung um Boateng und Hummels. Sehen Sie sich bestätigt?

Kohler: Das sind nicht nur die Beiden. Man muss sagen, dass die Mannschaft seit der WM 2014 in der Rückwärtsbewegung große Probleme hat. Wenn man ganz ehrlich ist: Die Qualifikation war nicht mehr als ein Warmmachen für die Weltmeisterschaft. Da waren keine Gegner dabei, wo man wirklich in Bedrängnis hätte kommen können.


90min: Liegt die Schwäche in der Rückwärtsbewegung vor allem an Joshua Kimmich und seiner Spielweise?

Kohler: Nicht nur bei der Weltmeisterschaft, auch bei Bayern München hat er diese Probleme. Wenn man das genau beobachtet, und das machen ja auch die Gegner, dann ist eines sehr auffällig: Kimmich ist zwar im Vorwärtsgang sehr sehr gut und ist an vielen Toren direkt beteiligt. Im Rückwärtsgang hat er aber Defizite. Vor allem im Zweikampfverhalten. Weiß der Gegner das, spielt er natürlich auch viel in diese Räume. So haben wir gegen Mexiko auch den Gegentreffer kassiert. Mesut Özil sah dabei zwar auch schlecht aus, ihm würde ich das Tor aber nicht ankreiden.


90min: Beim 0:1 war auch Mats Hummels beteiligt. Wie bewerten Sie seine Leistung und die Kritik an den Kollegen nach dem Spiel?

Kohler: Er hat Kritik geübt und die Fehler angesprochen. Das ist auch sein gutes Recht, wenn er den Anspruch hat, einer der Führungsspieler zu sein. Aber Fakt ist, er hat sich nicht hingestellt und gesagt, auch ich trage beim 0:1 eine Mitschuld. Wenn ich Kritik übe, muss ich auch eigene Fehler eingestehen.


90min: Beim Gegentreffer hat sich Hummels demnach falsch verhalten?

Kohler: Er hatte keine Sicherung aus dem defensiven Mittelfeld und stand mit Boateng sehr tief in diesem Moment. Das macht man dann, wenn das Selbstvertrauen etwas fehlt, um diese Räume hoch zu verteidigen. Wenn dann ein Spieler tiefer stehen bleibt und die anderen hoch angreifen, entstehen diese Lücken. Genau das ist das Problem. Da sehe ich eine Schwachstelle in der Innenverteidigung. Sowohl Boateng als auch Hummels haben seit der WM 2014 ihr eigentliches Leistungspotenzial auf hohem Niveau über einen längeren Zeitraum nicht mehr abrufen können. Das muss man ganz deutlich sagen.

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90min: Könnte die fehlende Balance mit einer Systemumstellung korrigiert werden. Etwa mit einer Dreierkette, in der Hummels und Boateng von einem weiteren Innenverteidiger unterstützt werden?

Kohler: Im modernen Fußball spielen Systeme nicht die große Rolle. Während der Spiele hat man einen fließenden Übergang in den verschiedenen Formationen. Weil das Spiel eben nicht statisch ist, sondern der Ball rollt, ergeben sich zwangsläufig immer wieder andere Bilder. Provokativ gesagt: Die Systeme verhindern und schießen keine Tore, sondern immer noch die Spieler.


90min: Ist Marco Reus der Heilsbringer für die schwächelnde Offensive?

Kohler: Ich halte nichts davon, auf ihn als alleinigen Hoffnungsträger zu setzen. Es war es ein kollektives Problem, das man auch nur im Kollektiv lösen kann. Ich bin zu 100 Prozent davon überzeugt, dass Joachim Löw das auch lösen wird. Vielleicht lässt er auch ein wenig tiefer spielen, um erstmal eine gewisse Sicherheit und Kompaktheit ins Spiel zu bringen. Auf dem Weg nach vorne haben wir schon außergewöhnlich gute Spieler - wenn sie das Vertrauen innerhalb der Gruppe spüren. Im Moment habe ich diesen Eindruck nicht. Jeder Spieler ist mehr mit sich selbst beschäftigt, aus welchen Gründen auch immer.


90min: Es hat eine Krisensitzung unter den Spielern gegeben. Was kann eine solche Aussprache im Hinblick auf die wichtige Partie gegen Schweden bewirken?

Kohler: Man darf Schweden nicht größer machen als sie sind. Sie haben sich erst über den zweiten Bildungsweg für die WM qualifiziert [im Playoff-Duell gegen Italien, Anm. d. Red.]. Da muss man jetzt keine große Angst haben. Das ist eine solide Mannschaft. Wenn unsere Mannschaft nur annähernd Normalform zeigt, dann glaube ich schon, dass wir das Spiel erfolgreich gestalten werden. Bei allem Respekt vor Schweden: Die musst du schlagen.


90min: Der leidige Fall Erdogan. Erinnert er Sie an die Situation bei Viertelfinal-Aus 1994? Damals gab es auch Nebenkriegsschauplätze, wie die Suspendierung von Stefan Effenberg.

Kohler: Die Probleme macht man sich ja selbst. Dann überrascht es natürlich nicht, wenn man sich selbst die Flanken aufmacht, so wie das jetzt Özil und Gündogan getan haben. Ob das bewusst oder unbewusst passiert ist, sei dahingestellt. Aber das sind erwachsene Menschen. Ich bin überzeugt, dass sie genau wissen was sie tun. Da kann mir keiner etwas anderes erzählen.


90min: Wurde das Thema unter den Tisch gekehrt?

Kohler: Der DFB und Joachim Löw haben so entschieden. Ich hätte anders reagiert. Mir hat vor allem von Özils Seite gefehlt, dass er mal sagt: 'Das war ein Fehler. Es tut mir leid.‘ Damit wäre das ganze Thema vom Tisch. Er hat es vorgezogen, sich zurückzuziehen und gibt dadurch dem Thema immer wieder eine Plattform. Das müssen der DFB und die Verantwortlichen mit einkalkulieren. Auf der anderen Seite kann so ein Thema auch zu einer Trotzreaktion führen. Wenn man sagt: 'Jetzt sind sie alle gegen uns.‘ Und die Mannschaft fängt plötzlich an, wie aus einem Guss zu spielen. Fakt ist ja, sie können es. Dennoch muss man feststellen, dass seit 2014 eine gewisse Veränderung innerhalb der Mannschaft festzustellen ist. Wenn man das kritisch hinterleuchtet, muss man klar sagen, es ist seither nicht alles immer optimal verlaufen.

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90min: Glauben Sie, Joachim Löw ist weiterhin der optimale Bundestrainer?

Kohler: Der DFB ist von Löw überzeugt und hat deshalb auch den Vertrag verlängert. Als Außenstehender habe ich das Gefühl, dass sich auch im Verhältnis zwischen Joachim Löw und Oliver Bierhoff etwas verändert hat. Das ist wiederum immer auch ein Signal für die Mannschaft. Aus der Entfernung würde ich sagen, das Verhältnis ist seit 2014 nicht mehr so innig, wie es einmal war.


90min: Wie bewerten Sie das Niveau der Weltmeisterschaft bislang?

Kohler: Katastrophe. Ich finde die WM im Moment noch ganz schwach. Das beste Spiel war sicherlich Spanien gegen Portugal [3:3]. Da hat es als Zuschauer Spaß gemacht zuzuschauen. Ansonsten habe ich noch keinen neuen Trend gesehen und auch keine große Überraschung.


90min: Welche Teams könnten weit kommen?

Kohler: Die Franzosen haben mich nicht vom Hocker gehauen. Ich glaube aber, dass sie eines der Teams sein könnten, das uns Deutschen gefährlich werden würde. Sicherlich auch Spanien. Brasilien und auch Argentinien [Interview wurde vor der 0:3-Pleite gegen Kroatien geführt] sehe ich nicht ganz so stark. In vier Jahren könnte das allerdings schon wieder anders aussehen. Gerade was die Jungendarbeit betrifft. Da glaube ich schon, dass die Welt wieder einen anderen Zyklus erleben wird - ziemlich sicher sogar.