Weitgehend uninspiriert im Spiel nach vorne, resultiert die deutsche Auftaktpleite vor allem aus einem katastrophalen Defensivverhalten. Die fehlende Balance des Weltmeisters wird von den Mexikanern ausgenutzt, Joshua Kimmichs größte Schwäche offenbart sich - auch weil sich ein Bayern-Kollege falsch verhält.


Joshua Kimmich will "​kein Philipp Lahm II" sein, das machte der 23-Jährige im DFB-Quartier von Watutinki vor Beginn der Weltmeisterschaft deutlich. Bei der ​0:1-Auftaktpleite gegen Mexiko untermauerte der Rechtsverteidiger seine Aussage - allerdings ganz anders als gemeint: Kimmich lieferte, wie der Rest der Mannschaft, eine schwache Partie ab. Ganz deutlich wurde dabei ein Kritikpunkt, den ​Bayerns Nachwuchschef Herman Gerland in einem Interview schon vor einer Woche angesprochen hatte - und Kimmich deutlich vom Weltmeister-Kapitän unterscheidet. 


"Ein überragender Junge! Immer fleißig, immer voll motiviert", sagte Gerland zur Bild"Allerdings muss er in seinem Spiel die Balance zwischen Offensive und Defensive hinbekommen. Manchmal rennt er zu viel nach vorne und dann fehlt hinten die Kraft", erklärte Gerland Kimmichs wohl größte Schwäche. Gegen Mexiko wurde sie mehr als deutlich und von den Mittelamerikanern gnadenlos bestraft.


Kimmichs fehlende Rückwärtsbewegung


Beim Siegtor von Hirving Lozano wurde die fehlende Balance im deutschen Spiel eindrucksvoll offengelegt. Der 22-jährige Linksaußen vom niederländischen Meister PSV Eindhoven schloss den Hochgeschwindigkeits-Konter der Mexikaner am Ende ab. Während Kimmich beim Gegentreffer noch rund 30 Meter vom eigenen Gehäuse entfernt war, ließ sich Gegenspieler Lozano bereits feiern. Bei Khediras Ballverlust tief in Mexikos Hälfte standen beide noch fast auf gleicher Höhe. Lozano zog einen 70-Meter-Vollsprint an, Kimmich schaltete dagegen im Jogging-Tempo um und bestätigte damit Gerland in seiner Meinung. Immer wieder boten sich große Räume auf der rechten Abwehrseite der Deutschen.

Den Gegentreffer und die vielen anderen gefährlichen Konter allein an Kimmich festzumachen, wird den Problemen des Weltmesiters allerdings nicht gerecht. Das deutsche Spiel ist auf weit aufgerückte Außenverteidiger ausgerichtet - die Gefahr bei Ballverlusten mit dem offenen Raum dahinter ist allein durch Kimmich nur schwer zu bändigen. Da im ersten Durchgang fast alle Angriffe über Kimmichs Seite vorgetragen wurden, konnten die Mexikaner über diese Seite immer wieder gefährlich werden. Das Gegentor kann dabei als Beispiel einer langen Mängelliste herhalten.


Defensivverhalten eines Weltmeisters unwürdig


Ein Hauptproblem gegen Mexiko war sicherlich die Intensität und das Zweikampfverhalten. Offensiv wurden viele Bälle leichtfertig hergegeben, ob im direkten Duell oder durch einfache Fehlpässe - der zweite große Fehlerpunkt im deutschen Spiel. Ganz eklatant waren aber die Schwächen im Defensivverhalten. Man kann sie als sorglos beschreiben - diesen Eindruck erweckten viele der DFB-Stars. Vor allem aber resultierten sie aus einem katastrophalen taktischen Verhalten, das eines Weltmeisters nicht würdig war. 

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Hummels (l.) und Kimmich (r.): Zwei aus der Fehlerkette vor dem Gegentor


Zurück zum Gegentor und seiner Entstehung: Dort ist deutlich die kaum vorhandene "Rest-Verteidigung" zu erkenn, wie es im neu-deutschen Fußballerjargon so schön heißt. Die Taktik der Mexikaner war klar - und hätte den (erfahrenen) deutschen Spieler schnell bewusst werden müssen. Aus einem tiefen Mittelfeldpressing heraus leitete El Tri ihre Konter durch ihre drei Zielspieler ein. Bedient werden sollten entweder die Außenstürmer Layun und Lozano oder Angriffsspitze Chicharito. Durch mannorientiertes Decken vor allem von Chicharito, hätten viele der Konter schon im Keim erstickt werden können. Die deutschen Verteidiger verstanden es allerdings nicht, bei eigenem Ballbesitz die wartenden Offensivspieler in den Augen zu behalten, die sich geschickt in den offenen Räumen aufhielten und immer anspielbar waren.


Nach Khediras verlorenem Zweikampf wartete Chicharito so völlig frei am Mittelfpunkt - Hummels und Boateng standen mit einigem Abstand links und rechts fünf Meter dahinter. Nach dem Pass auf den Ex-Leverkusener Angreifer war es dann um die deutsche Mannschaft geschehen: Hummels ließ sich herauslocken, der Mexikaner legte direkt ab und Kimmich kam gegen Lozano nicht mehr hinterher - 0:1.

kimmich

Zwar hatte Mats Hummels nach Spielschluss nicht unrecht mit seiner Kritik am Team. Gerade beim Gegentreffer kann man seine Aussage, Boateng und er haben sich alleingelassen gefühlt, jedoch nicht stehen lassen. Hummels hätte viel enger bei Chicharito sein müssen - warum er sich danach entschied herauszurücken, bleibt bei einem Mann seiner (eigentlichen) Klasse ein Rätsel. 

Hummels

Wäre er tief geblieben, wäre das Gegentor mit großer Wahrscheinlichkeit nicht gefallen. So entschloss sich Hummels aber einen folgenschweren Fehler zu begehen, der selbst bei Amateurtrainern für Kopfschütteln gesorgt hätte - und das nicht zum einzigen Mal in dieser Partie. Der fehlenden Balance im deutschen Spiel öffnete er so Tür und Tor. Kimmichs Schwäche wurde gnadenlos offengelegt.