​Vor zehn Jahren heuerte bei Borussia Dortmund ein gewisser Jürgen Klopp als neuer Trainer an. Der damals 40-Jährige kam vom 1. FSV Mainz 05 und übernahm einen Klub, der in der Spielzeit zuvor gegen den Abstieg spielte. Zehn Jahre später spricht man in Dortmund selbst nach gelungener Champions-League-Quali von einer verkorksten Saison. Ein Verdienst von Klopp, der den BVB in deutlich höhere Sphären hievte, aber auch die Ansprüche der Region ins Unermessliche schraubte.


Noch heute freut man sich in Dortmund über die Klamottenwahl von Jürgen Klopp, als er im Frühjahr 2008 beim Hamburger SV vorstellig wurde. Beim damaligen deutschen Spitzenklub suchte man für die nächste Saison einen neuen Coach und war auf den Emotionsbolzen aus Mainz aufmerksam geworden. Doch beim Vorstellungsgespräch hinterließ "Kloppo" keinen guten Eindruck. Die Mängelliste führte von "Unpünktlichkeit" über "flapsiger Umgang mit der Presse" bis hin zur "löchrigen Jeans", wie Klopp vor einigen Jahren im Nachhinein zugab.


In Hamburg entschied man sich gegen Klopp und für den Niederländer Martin Jol, der den Liga-Dino nach nur einem Jahr wieder verließ. Klopp hingegen landete schließlich bei Borussia Dortmund, wo er die Zukunft des Vereins entscheidend prägen sollte.


In seiner ersten Saison verpasste er mit dem BVB die Qualifikation für Europa nur denkbar knapp. Doch er formte aus einem verunsicherten Abstiegskandidaten wieder eine Einheit, die bis zuletzt in den oberen Regionen mitspielte - und das mit damals bescheidenen wirtschaftlichen Möglichkeiten.

Borussia Dortmund v FC Augsburg  - Bundesliga

Feierte mit dem BVB großartige Erfolge: Jürgen Klopp (2. v. links)



Ein Jahr später gelang schließlich der Einzug in die Europa League. Spieler wie Lucas Barrios, Mats Hummels oder Kevin Großkreutz - machten unter Klopp noch einmal einen deutlichen Qualitätssprung. Im Folgejahr erlebte das gesamte Team aber eine völlige Leistungsexplosion. Der ehemalige Mainzer überrannte mit seinem Gegenpressing die gesamte Liga, selbst der Branchenprimus aus München hatte dem nur wenig entgegenzusetzen. Talente wie Mario Götze, Shinji Kagawa oder Robert Lewandowski wurden durch Klopp zu Weltklasse-Spielern, die am Ende der Saison völlig überraschend die Meisterschale in den Dortmunder Himmel strecken durften.


Brachen in der Vergangenheit die Meister, die nicht aus München kamen, stets ein, konnte der BVB die Leistung bestätigen und verteidigte den Titel. Dies gelang neben den Münchenern zuvor in den letzten Jahrzehnten nur einer Mannschaft -  der Borussia in den Jahren 1995 und 1996. Zudem holten die Schwarz-Gelben in diesem Jahr auch den Pokal und feierten somit das erste Double der Vereinsgeschichte. Klopp hatte jetzt schon Historisches geschaffen.


2013 konnte man sich aber nicht mehr gegen die Bayern zu Wehr setzen, die souverän die Meisterschale zurück nach München holten. Doch das größte Match der jüngeren Vereinshistorie wurde ohnehin auf internationalem Parkett ausgetragen - jedoch wieder einmal gegen die Bayern. Im deutschen Champions-League-Finale in London unterlag der Revierklub den Süddeutschen nur denkbar knapp durch einen Treffer von Arjen Robben kurz vor dem Schlusspfiff. In der Folge brach die erfolgreiche Truppe von "Kloppo" auseinander.


Bereits nach den Meisterjahren 2011 und 2012 verließ mit Nuri Sahin und Shinji Kagawa je ein Leistungsträger den Verein. Doch 2013 setzt der Super-GAU ein und Supertalent Mario Götze, der das Gesicht des BVB-Aufstiegs war, wechselte ausgerechnet zum FC Bayern. Auch Robert Lewandowski verschlug es ein Jahr später gen München. Die Bayern machten das, was sie immer taten, wenn ein Konkurrent emporstieg: Sie kauften die Schlüsselspieler weg. 


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Lange Zeit ein Traum-Duo beim BVB: Robert Lewandowski (l.) und Jürgen Klopp (r.)



Doch der BVB hatte mittlerweile dank der Erfolge die wirtschaftliche Kraft, neue Spieler mit internationalem Format nachzulegen. Spieler wie Henrikh Mkhitaryan oder Pierre-Emerick Aubameyang wechselten für zweistellige Millionenbeträge ins Revier. Jahre zuvor wäre das noch unvorstellbar gewesen. Doch solche Investitionen sollte der BVB nun alljährlich tätigen.


Zwar konnte man sich nach den Meisterjahren weiterhin als Nummer zwei behaupten, die Münchener enteilten aber uneinholbar. Das Unvorstellbare geschah schließlich in der Saison 2014/15. Der "Klopp-Code" wurde geknackt! Der BVB stand nach 18 Spieltagen auf dem letzten Tabellenplatz, das Feuer, das Klopp einst entfachte, schien erloschen. Zwar rettete sich die Borussia in der Rückrunde 2015 noch auf Platz 7, doch zum Ende der Saison gab Jürgen Klopp seinen Rücktritt bekannt. Währenddessen hatte Aki Watzke an seiner Seite mit den Tränen zu kämpfen, wohlwissend, was der Verein seinem Noch-Coach verdankt.


"Wir werden Jürgen Klopp nie entlassen. Er hat unglaubliche Verdienste um den BVB. Es wird nie zu einer konfrontativen Situation mit ihm kommen", betonte Watzke stets. Nun aber, zog Klopp selbst die Reißleine. Nach sieben Jahren in Schwarz-Gelb war Schluss - Thomas Tuchel übernahm die Schwarz-Gelben und wurde in seiner ersten Saison direkt Rekord-Vizemeister. Doch menschlich erreichte Tuchel nie die Sympathien seines Vorgängers. Auch zur Vereins-Führung hatte er kein sonderlich gutes Verhältnis. Nach zwei Jahren musste Tuchel schließlich wegen uneinräumbarer Differenzen gehen. Seither herrscht das Chaos in Dortmund.


Borussia Dortmund hat Jürgen Klopp einiges zu verdanken. Er hievte den BVB auf ein anderes Level und knabberte kurz an der Vormachtstellung des FC Bayern im deutschen Fußball. Auch international etablierte er den Revierklub in den Top-10 Europas. Doch diese erfolgreiche Ära schraubte auch die Ansprüche der Borussia in unermessliche Höhen, festzustellen in dieser Saison, wenn selbst Platz 4 am Ende für hängende Köpfe und unzufriedene Fans sorgt. Tuchel, Bosz und Stöger sind eben nicht Klopp. Was dieser Mann alles bewirkt, kann man aktuell beim FC Liverpool beobachten. Dort steht der heute 50-Jährige vor seinem zweiten Champions-League-Finale. Mit dem gebürtigen Schwaben landete Borussia Dortmund einen absoluten Glücksgriff. Doch nun geht der BVB in die mittlerweile vierte Saison nach Klopp. Langsam aber sicher sollte man sich deshalb in Dortmund wohl wieder mit etwas weniger zufrieden geben und bescheidener werden. An die Erfolge Anfang der 2010er-Jahre wird man so schnell nicht wieder anknüpfen können.