Der FC Bayern München feierte gestern seinen 118. Geburtstag. Daher haben wir uns mit Christopher Ramm vom Blog ​miasanrot.de über die aktuelle Lage des Rekordmeisters zu unterhalten. Was er zur Rückkehr von Uli Hoeneß sagt, warum es in der Liga schwer wird, einen Konkurrenten für die Münchner aufzubauen und wie er zur zunehmenden Kommerzialisierung steht, lest ihr in unserem zweiten Teil unseres Interviews!


​Zum ersten Teil des Interviews geht es hier entlang.


90min: Wie beurteilst du die Entwicklung des Vereins seit der Rückkehr von Uli Hoeneß?


Christopher Ramm: Es ist zuerst einmal unüblich, dass er mit seiner Vergangenheit wieder in eine solches Amt, welches mit einer gewissen Vorbildfunktion verbunden ist und in den Aufsichtsrat, dem Kontrollgremium, zurückkehrt. In der freien Wirtschaft wäre das undenkbar. Wie er nach innen wirkt ist eher schwierig. Es soll wohl der Geist von der Zeit vor Pep Guardiola wiederbelebt werden. Dafür sprechen die vielen ehemaligen Weggefährten, die zurückgeholt wurden, wie Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, Jupp Heynckes, oder ehemalige Spieler wie Hasan Salihamidzic. Ich habe das Gefühl, es soll etwas konserviert werden, was vielleicht gar nicht mehr so vorhanden war.


90min: Es geht ja auch langsam aber sicher um die Nachfolge in der Führungsetage, Hoeneß und Co. werden ja nicht jünger. Wie sollte sich der Verein deiner Meinung nach danach aufstellen?


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Ramm: Es müssen Nachfolger aufgebaut und im Verein eingebunden werden. Ein Mittelweg wäre gut, wo man sich teils Führungskräfte von außen holt, die das nötige wirtschaftliche Know-how mitbringen. Da hat man mit Jan-Christian Dreesen (Stellv. Vorstandsvorsitzender, Anm. der Redaktion) schon vor Jahren angefangen, über den Tellerrand hinauszuschauen. Dann braucht es aber auch jemanden, der das Business Fußball kennt. Der dem Verein intern eine Struktur gibt und eher die erklärende Funktion hat, nach außen hin dann das Gesicht ist. Das könnte beispielsweise ein Philipp Lahm machen, der die Expertise einerseits mitbringt, die Struktur vorgeben zu können. Andererseits ist er als ehemaliger Spieler jemand, der genau weiß, wie das Business funktioniert und sich entsprechend taktisch gegenüber verschiedenen Parteien verhalten kann.


90min: Was hat der FC Bayern zu tun, um international wettbewerbsfähig zu bleiben, bzw. seine Vormachtstellung national weiter zu untermauern?


Ramm: International ist es schwer, über Jahrzehnte in den Top 3 zu bleiben, dafür gibt es zu viele unwägbare Faktoren. Es gilt, Grundlagen zu schaffen, um die Variablen möglichst zu seinen Gunsten zu gestalten. Es wird schwierig, nur über Geld konkurrenzfähig zu sein, je mehr Kapital auch in anderen Ligen durch TV-Einnahmen zur Verfügung steht, siehe England oder Spanien. Auch Klubs wie PSG sind da zu nennen, die ihr Kapital noch mal aus anderen Quellen beziehen. Man muss einen anderen Weg finden und konsequent gehen. Es wird nicht klappen, eine Eins-zu-Eins-Kopie zu Manchester United oder Real Madrid zu sein, die mal eben weit über 100 Millionen Euro für einen Spieler ausgeben können. Man muss dann eher in die Riege dahinter schauen und dann mit weichen Faktoren, wie der taktischen Ausbildung oder dem mannschaftlichen Gefüge, versuchen, die Lücke zu schließen. Sich einen Messi, Ronaldo oder Neymar zu holen, wird nicht funktionieren.


90min: Kann man den Rekordmeister in der Liga noch mal einholen? Wie sieht die Entwicklung der Bundesliga aus, wo es augenblicklich keine Konkurrenz für die Roten gibt?


Borussia Dortmund  v Bayern Muenchen - DFL Supercup 2017

Ramm: Einerseits denk ich, hätten Dortmund, Leipzig und auch andere die Möglichkeit, im Titelrennen mitzuwirken. Es gibt aber seit kurzer Zeit das Phänomen, dass der BVB und andere Klubs der Größe ihre Starspieler nicht mehr halten können. Vor fünf oder sechs Jahren ging das noch, siehe das Beispiel Robert Lewandowski in Dortmund. Er ging am Ende seines Vertrages, aber man konnte ihn dennoch eine Zeitlang halten. Das ist ein wenig verloren gegangen. Ein Ousmane Dembele hätte das Zeug, Dortmund aktuell fünf bis zehn Punkte besser zu machen, weil er in vielen Spielen den Unterschied hätte ausmachen können. Solche Spieler bleiben aber aktuell nur noch ein Jahr. Das trifft auch auf Leipzig mit Naby Keita und vielleicht auch bald auf Leverkusen mit Leon Bailey zu, die ihre Vereine verlassen. Da ist es dann schwer, einen Herausforderer für die Bayern aufzubauen, der mal über zwei bis drei Jahre im Kern zusammenbleibt und sich entwickelt.


90min: Aber den Vereinen kann man da ja nur bedingt einen Vorwurf machen, wenn die nicht plötzlich ihren Etat von einer Saison auf die andere um 50 Prozent anheben können, um zwei bis drei Spielern das doppelte Gehalt dann zu zahlen.


Ramm: Für die Vereine ist es unglaublich schwierig. Da bräuchte es am besten von europäischer Seite eine Regulierung, die den Verträgen wieder mehr Wertigkeit gibt und Kontrollmechanismen einbaut. Das Dortmund sich auch mal hinstellen kann und „Nein!“ sagen kann. Das man das Angebot für Dembele nur schwer ausschlagen konnte, liegt in der Natur der Sache, aber dass man eben nicht mehr jeden Verkauf mitmachen muss. Das würde an einigen Stellen schon helfen.


90min: Wo glaubst du, wird der Fußball allgemein hinsteuern? Stichwort: Helene-Fischer-Halbzeit-Pause.


Ramm: Der Punkt hat schon eingesetzt, das beim gemeinen Fan eine Sättigung eingetreten ist und dass es schwer wird, neue Stadiongänger zu erfassen. Ob das zwingend mit den neuen Anstoßzeiten zu tun hat, ist eher schwer zu beurteilen. Aber man vergrault sich so die Fan-Basis, indem man das Rad immer weiterdreht. Da ließen sich noch viele weitere Punkte aufführen, die dazu führen, dass mancher Anhänger weniger oder nicht mehr ins Stadion geht. Der DFB und die DFL finden da keinen gesunden Weg, dass zu kompensieren. Daher wirds im Stadion wohl bald mal leere Plätze geben, dann dürfte es auch bei der DFL ankommen und man wird das Rad ein wenig zurückdrehen. Aber da ist aktuell viel Porzellan zerschlagen worden.

Eintracht Frankfurt v Borussia Dortmund  - DFB Cup Final 2017

Darf im kommenden Jahr nicht mehr beim DFB-Pokalfinale singen: Helene Fischer 


90min: Was wünschst du dir für die kommenden Jahre beim FC Bayern?


Ramm: Bezogen auf die kommenden fünf Jahre wünsche ich mir einen Umbruch, mehr Jugendspieler und vielleicht auch mehr regionale Akteure. Und dass wir in zehn Jahren hier sitzen können uns sagen: Ja, lief eigentlich ganz gut. Es gab ein paar magere Jahre, aber wir haben alles auf gute neue Füße gestellt. Und dass der Verein es schafft, neue Köpfe zu installieren und die personelle Erneuerung durchzusetzen.