Der FC Bayern München feiert heute seinen 118. Geburtstag. Grund genug, uns mit Christopher Ramm vom Blog ​miasanrot.de über die aktuelle Lage des Rekordmeisters zu unterhalten. Wie wichtig für ihn die regionale Identität seines Herzensvereins ist, was er zum Einstieg von Qatar Airways sagt und wie die Bayern auch in Europa wettbewerbsfähig bleiben, lest Ihr im ersten Teil unseres Interviews!


90min: 118 Jahre FC Bayern München – was sind die größten historischen Erfolge des Vereins aus deiner Sicht?


Christopher Ramm: Ich denke, das ist generationenabhängig. Jeder Fan verbindet etwas anderes mit dem Klub. Für mich persönlich war es der Champions-League-Erfolg 2001 gegen Valencia (5:4 im Elfmeterschießen, Anm. der Redaktion). Ich bin in jener Zeit mit dem FC Bayern groß geworden, damals war ich 14 Jahre alt. Mitte der Neunziger war Borussia Dortmund noch die führende Mannschaft in Deutschland, das drehte sich dann langsam, was schließlich für die Münchner im Gewinn der Königsklasse gipfelte. Als Fan kann man diesen Erfolg heute noch mal anders wertschätzen, denn bis auf nationale Erfolge gab es in jener Zeit danach lange nichts. Das zeigt auch, wie groß der Erfolg 2001 damals war.


90min: Gehen wir in die Neuzeit: Digitalisierung, globale Festigung der Marke, Büros in China und New York: Verliert der Verein den Bezug zur Heimat?


FC Bayern Muenchen Doha Training Camp

Ramm: Man hat sich mit der Sponsorenentwicklung der letzten Jahre schon in diesen Teufelskreis aus „höher, schneller, weiter“ hineinbegeben. Da kommt man auch schwer wieder raus. Es gab lange Zeit Versuche, wo der Verein betont hatte, man wolle auf lokale Sponsoren setzen. Dies gibt man zunehmend auf. Aber auch die Einbindung der Fanklubs, wird nicht mehr so gelebt. Das ist alles weniger geworden. Man musste sich ein wenig auch dem Druck der Globalisierung des Marktes, blöd gesagt, beugen. Man stellt sich heute flächendeckender auf. Niemand kann verneinen, dass der Verein in den vergangenen 20, 30 Jahren auch eine Entwicklung durchgemacht hat.


90min: Ist das zwingend, um heute wettbewerbsfähig zu bleiben? Oder gibt es Grenzen, wo man sagt, man muss nicht alles mitmachen?


Ramm: Es ist ein sehr schmaler Grat. Der Verein muss überlegen, welchen Weg er beschreiten will. Will man sich wie Juventus ein neues Logo verpassen, weil man hip und modern ist, oder sagt man: Wir sind ein Fußballverein, es geht um den Sport und den sportlichen Erfolg und wir versuchen unsere Anerkennung darüber zu definieren. Ich glaube, sich nur darauf zu konzentrieren, ist ebenso schwer umsetzbar, nicht zuletzt wegen des Geldes. Mit Qatar Airways als Sponsorennachfolger, der die Lufthansa nach etlichen Jahren ablöst, hat man nun den nächsten Schritt gemacht, der das alles globaler macht. Für den „einfachen“ Fan, wenn es diesen so gibt, ist das natürlich alles schwerer nachzuvollziehen.


90min: Beugt man sich einem gewissen Druck, wettbewerbsfähig zu bleiben, dass man solche Wege heute gehen muss?


2014 MLS All-Star Game

Ramm: Man ist dem „Gift des süßen Erfolges“ erlegen, wie ich es nenne, weil man seit 2010 unglaublich viel erreicht hat. Der Erfolg ist dabei vor allem durch die eigenen Jugendspieler wie Philipp Lahm, Thomas Müller und Bastian Schweinsteiger etc. geprägt worden. Dazu kamen relativ günstige Spieler, die tragende Rollen im Verein eingenommen haben, wie Manuel Neuer. Auf einmal gab es ein Grundgerüst, mit dem man richtig erfolgreich sein konnte. Nun aber hat man es verpasst, die Jugendarbeit weiter voranzutreiben und so zu gestalten, dass weiterhin gute Spieler nachkommen, um keine riesigen finanziellen Investments tätigen zu müssen. Daher ist man jetzt ein wenig in der Falle, dass man das Kapital jetzt benötigt, um die Wettbewerbsfähigkeit zu sichern, weshalb man solche Sponsoren inzwischen braucht.


90min: Heißt das im Umkehrschluss, dass die Bayern sich davon verabschieden können, eigene Jugendspieler in den Kader zu integrieren, weil die Spieler inzwischen auf so einem hohen Niveau von Beginn an funktionieren müssen, um die Wettbewerbsfähigkeit zu gewährleisten?


Ramm: Mit dem neuen Campus für nahezu 100 Millionen Euro hat man ja schon eine erste Investition in diese Richtung getätigt, mit dem größeren Internat und so weiter. Auch akquiriert man wieder verstärkt Jugendspieler von anderen nationalen und internationalen Vereinen in jungem Alter, in der Hoffnung, einen neuen Thomas Müller zu finden. Der Wunsch ist da, aber es ist schwieriger heute. Der Kader bietet wenig Platz dafür, wenn man nicht gerade einen Louis van Gaal da sitzen hat, der einen 18-Jährigen einfach mal ins kalte Wasser wirft, oder ein Kylian Mbappe in der Jugend spielt.


90min: Braucht es da vielleicht einfach einen solchen Trainer, der das auch einfach durchzieht?


Ramm: Ich glaube, es täte dem Verein gut, diesen Umbruch konsequent anzugehen, der auf personeller Ebene ansteht. Franck Ribery und Arjen Robben müssen über kurz oder lang ersetzt werden. Hier wäre ein Bekenntnis gut, dass sagt wir nehmen jetzt ein Jahr den Umbruch in Kauf und gehen einen Schritt zurück, um dann mit frischem Spielermaterial, einem neuen Trainer und allem, was dazu gehört, wieder zwei Schritte nach vorne zu machen. Das wird wohl aktuell noch intern besprochen, dafür spricht auch die bislang nicht geklärte Nachfolge von Jupp Heynckes.

FC Bayern Muenchen v VfL Wolfsburg - Bundesliga

Bekommen beide noch mal einen neuen Vertrag? Arjen Robben und Franck Ribery 



90min: Wie wichtig wären denn Spieler und Leistungsträger aus der Region als Identifikationsfiguren bei all diesen Globalisierungsaktionen?


Ramm: Für die Region Bayern und angrenzende Gebiete mit hohem Fanaufkommen ist das sicherlich nicht unwichtig. Auf der anderen Seite brauchst du auch einen Ribery oder Robben, für den die Fans ins Stadion gehen. Du wirst die Arena nicht mit Andreas Ottl alleine füllen können. Das sagt aber nichts über die Stärke von Ottl aus, es zeigt die Wurzeln und Lokalität des Klubs. Elf Robbens oder elf Riberys machen es ebenfalls schwer, dann verliert der Verein den regionalen Bezug. Es braucht den einen oder anderen Spieler aus der Region. Die Crux ist halt, die Talente bei der aktuellen Stärke des Kaders irgendwie einzubinden. Ob über Leihgeschäfte, wie das bei Philipp Lahm in Stuttgart lief, oder sonstige Wege.


Den zweiten Teil des Interviews mit Bayern-Experte Christopher Ramm lest Ihr am Mittwoch.