90min

10 Jahre her: Werder Bremens glorreiche Zeiten in der Champions League

Dec 1, 2020, 4:42 PM GMT+1
Clemens Fritz (r.) im Duell mit Weltstar Ronaldinho vom FC Barcelona
Clemens Fritz (r.) im Duell mit Weltstar Ronaldinho vom FC Barcelona | Etsuo Hara/Getty Images
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Seit nunmehr zehn Jahren herrscht beim SV Werder Bremen wieder Normalität. Die glorreichen Zeiten unter Thomas Schaaf in der Champions League sind längst passé, das nackte Überleben mit gebeutelten Kassen prägt den Arbeitsalltag am Osterdeich. 90min wirft einen Blick auf Werders Triumphe und Tragödien in der Königsklasse.

Das unbedeutende 3:0 der Bremer über Inter Mailand am 7. Dezember 2010 geht als bisher letztes CL-Spiel des Klubs in die Geschichte ein. Durch die Tore von Sebastian Prödl, Marko Arnautovic und Claudio Pizarro sicherte man sich im letzten Gruppenspiel schließlich doch die ersten drei Punkte und vermasselte dem Gegner aus Italien den Gruppensieg. Es war ein ehrwürdiger Abschied aus der Beletage des europäischen Fußballs, für die man sich in Bremen immerhin sieben Mal qualifizierte. Den Startschuss bildete dabei die Saison 1993/94 mit Otto Rehhagel an der Seitenlinie, danach ging es ab 2004 unter Thomas Schaaf weiter.

Werder Bremens CL-Historie:

  • 93/94: Gruppenphase - Gegner: AC Milan, Anderlecht, FC Porto
  • 04/05: Achtelfinale - 0:3 & 2:7 gegen Olympique Lyon
  • 05/06: Achtelfinale - 3:2 & 1:2 gegen Juventus Turin
  • 06/07: Gruppenphase - Gegner: Chelsea, Levski Sofia, FC Barcelona
  • 07/08: Gruppenphase - Gegner: Real Madrid, Piräus, Lazio Rom
  • 08/09: Gruppenphase - Gegner: Anorthosis, Panathinaikos, Inter
  • 10/11: Gruppenphase - Gegner: Twente Enschede, Inter, Tottenham

Bitteres Last-Minute-Aus gegen Juventus

Die womöglich größte Enttäuschung der Hanseaten auf internationalem Parkett ereignete sich am 7. März 2006 im Achtelfinal-Rückspiel gegen Juventus Turin. Als die Sensation bereits zum Greifen nah war, verließen Tim Wiese kurz vor Schluss die Nerven. Nach einer Flanke fing Werders Schlussmann den Ball zunächst, ehe er ihn losließ und so das Tor von Emerson zum 2:1-Endstand in der 88. Minute vorbereitete. Werder verpasste um ein Haar den Einzug in das Viertelfinale. "Was willste machen? Das bleibt leider unvergessen. Ich ärgere mich heute noch. Für mich war das auch kein Unglück, sondern höhere Gewalt", erinnert sich der ehemalige Schlussmann im Gespräch mit der DeichStube noch haargenau an seinen Fauxpas.

Ähnlich grau und trist ging bereits das Achtelfinale aus dem vorherigen Jahr in die Geschichte des Klubs ein. Nach einer enttäuschenden 0:3-Heimniederlage im Hinspiel, ließ man sich im März 2005 zu Gast bei Olympique Lyon mit 7:2 abfertigen. Die Norddeutschen boten den Franzosen dabei keinerlei Paroli. Trotz solcher Niederlagen war man in Bremen selbstverständlich zu jeder Zeit stolz, unter den Topklubs Europas mitmischen zu dürfen. "Ich habe diese englischen Wochen geliebt. Es war einfach genial gegen diese Ausnahmespieler antreten zu dürfen. Raul, Zlatan Ibrahimovic, Ronaldinho, Ruud van Nistelrooy – das waren doch alles Ausnahmespieler", so Wiese, dem immerhin 20 CL-Spiele zu Buche stehen. "Aber um 20.45 Uhr ins Weserstadion einzulaufen, das war ein einziger Hexenkessel. Ein Wahnsinn! Das ist wirklich anders als in der Bundesliga."

"Tolle Spiele, tolle Reisen, tolle Gegner. "

Tim Wiese via DeichStube

Werder triumphiert Real Madrid und Co.

Für den Klub, für die Fans, für die Stadt und für die gesamte Region war das Abenteuer Champions League ein ganz Besonderes. Neben einigen Dämpfern wussten die Grün-Weißen auch durchaus frech aufzuspielen. So zum Beispiel am 8. Dezember 1993, als die Torschützen Wynton Rufer (x2), Rune Bratseth, Bernd Hobsch und Marco Bode nach einem 0:3-Rückstand gegen RSC Anderlecht im heimischen Weserstadion mit dem 5:3-Endstand für ein wahres Wunder von der Weser sorgten. Oder aber der Achtungserfolg gegen die starken Blues vom FC Chelsea im November 2006, als Per Mertesacker den alleinigen 1:0-Endstandstreffer markieren konnte.

Sanogo setzt sich mit perfektem Volleyschuss gegen Ramos und Torwart Casillas durch
Sanogo setzt sich mit perfektem Volleyschuss gegen Ramos und Torwart Casillas durch | JOHN MACDOUGALL/Getty Images

Knapp ein Jahr später war es Matchwinner Boubacar Sanogo, der seinem SVW per wunderbarer Direktabnahme nach starker Vorarbeit von Markus Rosenberg zum 2:1-Zwischenstand den passenden Schub für das 3:2 über Real Madrid lieferte. Solche Spiele sind es, die dem Verein noch heute ein international gutes Renommee bescheren, meint Sportchef Frank Baumann. "Da bekommen wir heute noch in Gesprächen positive Rückmeldungen. Wenn man mit Beratern und Spielern aus dem Ausland spricht, ist eigentlich allen der Klub Werder Bremen ein Begriff – und das liegt natürlich an diesen Champions-League-Jahren", verrät der heutige Manager der DeichStube.

Werder mal wieder im Konzert der Großen?

Gemeinsam mit Torsten Frings und Petri Pasanen zählt Baumann zum erfahrensten Henkelpott-Repertoire des Bundesligisten. Alle drei Akteure liefen in der Champions League jeweils 25 Mal für die Bremer auf. Aktuell befindet man sich am Osterdeich aber weit entfernt von der Champions League.

"Wir haben im Moment mit anderen Dingen zu kämpfen. Und grundsätzlich muss man sagen, dass in der Historie von Werder die Bundesliga – und dabei das Mittelmaß – die Normalität war. Weil eben nicht die Möglichkeiten da waren wie bei anderen Klubs", resümiert der Sportdirektor die Lage in der Hansestadt und fügt an: "Aber es gab zwei außergewöhnliche Phasen – das war die Zeit mit Otto Rehhagel und die mit Thomas Schaaf. Da hat man es durch Geschlossenheit, Kontinuität und gute Entscheidungen geschafft, im Konzert der Großen dabei zu sein und diese auch zu ärgern."

Frank Baumann während des CL-Gruppenspiels 2004 gegen RSC Anderlecht
Frank Baumann während des CL-Gruppenspiels 2004 gegen RSC Anderlecht | Stuart Franklin/Getty Images

Und genau diese Zeiten - Werder im "Konzert der Großen" - sind mittlerweile zehn Jahre alt. Die Zeit fliegt - auch am Osterdeich. Dass Werder jemals erneut an einem solchen Konzert teilnimmt, scheint derzeit außer Reichweite. "Dafür ist Werder zu weit weg von den Topklubs", meint auch Wiese, der dennoch zu träumen vermag: "Das hätte schon was, wenn hier in Bremen abends wieder die Lichter angehen und echte Weltstars auf dem Platz stehen würden."

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