Jede Serie endet irgendwann. Nach sieben ungeschlagenen Spielen in Folge musste der Hamburger Sport-Verein am heutigen Sonntag die erste Niederlage der Saison einstecken und das völlig zu Recht. Mit 1:3 unterlagen die Rothosen einem bärenstarken VfL, der die Hamburger nach Belieben dominierte. Besonders erschreckend wirkte dabei der Auftritt der Rothosen - ohne Lust, Einsatz und Willen, der die Niederlage besiegelte. Wir bewerten die Leistung der einzelnen Mannschaftsteile.


Gegenüber dem 1:1 gegen Holstein Kiel veränderte Daniel Thioune seine Mannschaft auf drei Positionen. Im 3-5-2-System ersetzte Comebacker Bakery Jatta Khaled Narey, U21-Nationalspieler Manuel Wintzheimer rückte für Sonny Kittel in die Doppelspitze und Stephan Ambrosius verweilte vorerst auf der Ersatzbank, für ihn bekam Oldie Aaron Hunt einen Platz im Aufgebot.


HSV verpennt erste Halbzeit


Der erste Spielabschnitt ging klar an die Gäste aus dem Ruhrgebiet. Der VfL agierte von Anfang an mutig und störte die Bemühungen der Hausherren früh, weshalb der HSV lange keinen Rhythmus in sein Spiel bringen konnte. Der Plan der Gäste ging voll auf - das energische Anlaufen provozierte Fehler, die den Weg für gefährliche Aktionen ebneten.


Dem 0:1 ging jedoch ein individueller Fehler voraus; Aaron Hunt präsentierte sich ungewohnt anfällig. An nahezu allen Großchancen der Bochumer war der 34-Jährige durch Flüchtigkeitsfehler im eigenen Ballbesitz beteiligt. Vor dem Elfmeter zum 0:1 spielte der Regisseur des HSV einen haarsträubenden Fehler, der zwar vorerst "nur" in einem Freistoß mündete. Der Freistoß wurde von den Hamburgern allerdings so schlecht verteidigt, dass sich Torwart Sven Uleich nur noch mit einem Foul helfen konnte, dessen folgender Elfmeter zur Führung für Bochum führte.


Im zweiten Spielabschnitt auseinandergefallen


Die Hoffnungen aller HSVer, dass die Rothosen mit einem anderen Gesicht aus der Pause kommen würden, verpufften schnell. Bis zur 65. Minute erstickten die Gäste sämtliche Bemühungen der Hausherren im Keim, dann kamen die Hanseaten wie aus dem Nichts zum Ausgleich. Nach einer scharfen Hereingabe von Bakery Jatta wurde Aaron Hunt im Strafraum unfair zu Fall gebracht. Den zweiten Elfmeter der Partie verwandelte Simon Terodde sicher zum 1:1 und buchte damit Tor neun auf sein persönliches Saisonkonto.


Wer dachte, dass dieser Treffer dem HSV neue Energie verleihen würde, der wurde bitter enttäuscht.
Anstatt die Bemühungen in der Offensive zu intensivieren, wurde die Defensive der Hausherren vom VfL nach Belieben auseinander genommen. In der 78. Minute traf Danny Blum, der froh sein konnte, dass er nach seinem Foul gegen Dudziak überhaupt noch spielen durfte, sehenswert zum 1:2 und nur fünf Minuten später sorgte Raman Chibsah für die Entscheidung.


Insgesamt ein enttäuschender Auftritt der Rothosen, die sich nach der Länderspielpause nicht rehabilitieren konnten. Besonders der Vierfach-Wechsel in der 67. Minute legte den Schalter endgültig und unumkehrbar um. Für den aktiven Manuel Wintzheimer wurde Bobby Wood eingewechselt, der auch seine nächste Chance nicht mal im Ansatz nutzen konnte. Auch Klaus Gjasula kam für die entscheidende Schlussphase, war aber - mal wieder - nur ein Schatten auf dem Spielfeld, ohne Zugriff am Gegenspieler.


ungewohntes Bild für den HSV - der Gegner feiert einen Sieg

Dass die erste Niederlage irgendwann kommen wird war klar, die Art und Weise war allerdings mehr als unglücklich - vor dem Spiel in Heidenheim wartet eine Menge Arbeit auf Daniel Thioune und seine Schützlinge.


Im folgenden Verlauf werfen wir einen Blick auf die individuellen Leistungen der Rothosen, geordnet nach Mannschaftsteilen.


1. Tor

konnte nicht mehr tun - Sven Ulreich

Sven Ulreich war wohl der ärmste Akteur auf dem Platz. Beim Keeper dürfen sich seine Kameraden bedanken, dass der Sieg des VfL nicht noch ein bis zwei Tore höher ausgefallen ist. In der 19., 55. und 75. Minute reagierte der ehemalige Bayer bärenstark, an den Gegentoren war der einstige Nationalspieler machtlos, da er von seinen Vorderleuten mehrfach alleine gelassen wurde.


2. Abwehr

hatte viel zu tun - Toni Leistner

Die Abwehr der Rothosen war unzähligen Angriffen der Gäste ausgesetzt. Zu Beginn schickte Thioune eine Dreierkette mit zwei zusätzlichen, variablen Außenverteidigern aufs Parkett, die wir jedoch ins Mittelfeld zählen werden.

Schon im Spielaufbau fand der HSV keine Ruhe. Es wurde vergeblich versucht, aus dem Defensivverbund heraus aufzubauen. Die Versuche endeten jedoch zumeist schon im Mittelfeld.
Gyamerah, Leistner und Heyer bildeten die defensive Zentrale, die speziell in der Anfangsphase enorm unter Druck stand.
Lange schien es so, als würde die Abwehr Stand halten. Besonders Leistner putzte die Bälle lange zuverlässig weg. In der 35. Minute war es jedoch Jan Gyamerah, der Tesche aus den Augen verlor und damit den zum 0:1 führenden Elfmeter möglich machte.

In die zweite Hälfte startete die Verteidigung sehr ungeordnet. Schon in der 55. Minute schrammte der HSV haarscharf am 0:2 vorbei, nachdem der Ball im eigenen Strafraum stümperhaft verspielt wurde.
Zwar wurde die Dreierkette bis zum Abpfiff nicht verändert, in der Schlussphase fiel jedoch auch sie auseinander.
Beim schönen 1:2 durch Danny Blum störte Moritz Heyer nur halbherzig, das entscheidende 1:3 stand sinnbildlich für den Verfall des HSV.
Die sonst so stabile Verteidigung war am heutigen Tage erschreckend anfällig.


3. Mittelfeld

gegen Bochum zog der HSV häufig den Kürzeren

Besonders das Mittelfeld des HSV ebnete den Weg für die erste Niederlage der Saison. Die Zentrale agierte sehr unkonzentriert und auch über die Außen kam wenig. Kapitän Tim Leibold konnte keinen gefährlichen Pass bringen. Rückkehrer Bakery Jatta verdiente sich Kredit am zwischenzeitlichen 1:1-Ausgleich und hätte fast eine Vorlage verbuchen können; beim vermeintlichen 1:0 stand Jeremy Dudziak jedoch knapp im Abseits.

Erschreckend war heute der Auftritt von Aaron Hunt. Der Oldie stand komplett neben sich und leistete sich einige Fehler, die zu gefährlichen Aktionen für die Gäste führten. Dem Elfmeter zum 0:1 ging ein Fehlpass des 34-Jährigen voraus. Aber auch sonst war kein Funken der Raffinesse Hunts zu sehen. Aber genug dazu - der ehemalige Kapitän wird wissen, dass das heute ganz dünne Kost war. Sein Partner Onana erwischte ebenso keinen guten Tag, dem jungen Belgier ist jedoch kein Vorwurf zu machen.

Jeremy Dudziak wurde als nomineller Zehner aufgeboten, konnte aber keine gefährlichen Pässe verteilen. In der 67. Minute musste der er verletzt den Platz verlassen. Es bleibt zu hoffen, dass sich der 25-Jährige nach dem Brutalo-Foul von Blum nicht schwerer verletzt hat, ansonsten droht ein herber Verlust in der aktuellen Phase der Saison.


4. Sturm

war engagiert - Manuel Wintzheimer

Es kam, wie es kommen musste: Simon Terodde wurde von seinen ehemaligen Teamkollegen erfolgreich kalt gestellt. Dem Top-Stürmer der Rothosen wurde aus dem Spiel heraus nichts ermöglicht, allerdings fehlten auch die Pässe seiner Kollegen, um etwas Zählbares generieren zu können. Mit seinem Elfmeter zum 1:1 erzielte Terodde wenigstens sein 9. Saisontor - ein schwacher Trost.

Sein Sturmpartner Manuel Wintzheimer gehörte zu den wenigen Aktivposten in Reihen des HSV. Der U21-Nationalstürmer agierte stets bemüht gegen seinen letztjährigen Leihclub und war an nahezu allen Offensivaktionen beteiligt.
Gefährliche Torschüsse gab es kaum - der Kepper der Gäste hatte einen ruhigen Nachmittag.


5. Einwechslungen

mal wieder ohne Impuls - Bobby Wood

In der 67. Minute wechselte Daniel Thioune vierfach, verfehlte den gewünschten Effekt jedoch deutlich.
Für Jatta, Hunt, Wintzheimer und den verletzten Dudziak kamen Wood, Gjasula, Narey und Kittel in die Begegnung.
Ein Wechsel, der nicht ganz nachzuvollziehen war, besonders mit Blick auf den motivierten Wintzheimer, der für Bobby Wood weichen musste.
Auch seine gefühlt siebenunddreißigste Chance konnte der US-Boy nicht nutzen. Ernsthafte Bemühungen waren erneut nicht zu vernehmen. Will er nicht? Kann er nicht? Irgendwann sollte Daniel Thioune jedoch den Schlussstrich ziehen - einen positiven Effekt scheint Wood nicht mehr zu bringen.

Auch Klaus Gjasula scheint vorerst kein Glück mehr zu haben. Der Albaner trottete oft nur nebenher und zeigte kaum Einsatz. Noch immer hat der Helmträger keine gelbe Karte kassiert - ein bisschen Galligkeit würde dem HSV jedoch sicherlich gut tun.

Sonny Kittel und Khaled Narey blieben ebenso blass, fielen aber nicht weiter negativ auf.



Nun gilt es, die richtigen Schlüsse aus der Niederlage zu ziehen. Für den HSV birgt das heutige Spiel hoffentlich entscheidende Erkenntnisse, um sich zeitnah fangen zu können. Eine Krise muss - entgegen dem medialen Tonus - beim HSV allerdings noch nicht ausgerufen werden!

Eins offenbarte die Partie gegen Bochum jedoch: Ein Spaziergang wird die Saison für den HSV nicht.
Um in der oberen Tabellenregion bestehen zu können, ist mehr nötig als ein vermeintlich guter Kader - besonders die Einstellung gewinnt Spiele. Schon morgen könnte der Vorsprung auf die Verfolger auf einen Punkt schmelzen, wenn Osnabrück Nürnberg siegreich verlässt.