Seit dem gestrigen Nachholspiel der SpVgg Greuther Fürth gegen den SV Sandhausen (3:2) geht es für den Hamburger SV nur noch - und maximal - darum, den dritten Platz zu "behaupten" und sich irgendwie in die Relegation zu retten. Aber selbst das erscheint schwierig. Und eigentlich war man mit ganz anderen Ansprüchen gestartet.



Neue Demut und Bescheidenheit, neuer Trainer hin oder her - spätestens nach der Verpflichtung von Top-Torjäger Simon Terodde war auch der skeptischste Fan der Raute wieder auf Aufstieg gepolt. Wie hätte man auch glaubwürdig darstellen können, angesichts des höchsten Budgets aller Zweitligisten einfach nur mal "mitschwimmen" zu wollen.


In meinen kühnsten Träumen sah ich vor der Saison "meinen" HSV auch tatsächlich, wenn schon nicht locker-lässig durch die Liga surfend (diese Arroganz war einem durch die beiden Vorjahre komplett abhanden gekommen), so doch relativ stabil und ungefährdet der Rückkehr ins Oberhaus zustrebend.


Daraus wurde bekanntlich schon während der Hinrunde nichts mehr, denn die fünf sieglosen Spiele, die dem Traumstart (mit 15 von 15 möglichen Punkten) folgten, sorgten schon für erste große Fragezeichen auf der Stirn aller, die es mit den Rothosen halten.


Diese vermeintlich vorübergehende Schwächephase in der ersten Saisonhälfte entpuppte sich leider nur als Vorbote für eine insgesamt weitaus schlechtere Rückrunde. Aber das hat ja schon Tradition am Volkspark in diesen ungeliebten Zweitliga-Zeiten.


Beim gestrigen Spiel der Franken gegen jene Sandhäuser, die uns im letzten Jahr am Schlussspieltag der Lächerlichkeit preisgegeben hatten (1:5) und vor kurzem dazu beigetragen haben, dass die finale Landung auch in diesem Jahr wieder schmerzlich werden wird, musste ich unwillkürlich an einen preisgekrönten deutschen Spielfilm denken.


Die Anderen machen es dem HSV vor


Denn es sind die Aufstiege der Anderen, die man als HSV-Fan in den letzten drei Jahren bewundern durfte. Ob Köln, Paderborn oder Union 2019, ob Bielefeld und Stuttgart in der letzten Spielzeit: gefeiert haben am Ende stets nur die Konkurrenten des HSV.


Dabei waren diese Teams in den direkten Duellen mit den Hamburgern keineswegs deutlich besser: in der Spielzeit 2018/19 holten die Hamburger aus den insgesamt sechs Spielen gegen die späteren Aufsteiger 8 von 18 möglichen Zählern.


Dazu sei aber erwähnt, dass die beiden einzigen Niederlagen gegen die Top-Mannschaften (bei Union und in Paderborn) bereits in jene Horror-Endphase der Hamburger fielen, als man aus den letzten neun Spielen nur noch einen Sieg (gegen den späteren Absteiger aus Duisburg) einfahren konnte.


In der darauffolgenden Saison, in der mit dem VfB Stuttgart und Arminia Bielefeld nur zwei Mannschaften aufstiegen, holte man gegen diese beiden Teams 5 von 12 möglichen Zählern. Eine Niederlage (auch die überflüssig wie ein Kropf) setzte es nur beim 2:3 (nach 2:0-Pausenführung) beim VfB Stuttgart am 28. Spieltag.


Man sieht also: gegen die Top-Teams war die Bilanz annähernd ausgeglichen. Die in beiden Jahren durchaus möglichen Aufstiege verspielte man vor allem gegen die Mittel- und Unterklasse der Liga.


Und genau da haben die anderen Teams eben besser gepunktet. Wie in diesem Jahr z.B. der VfL Bochum. Exemplarisch war deren Spiel gegen Hannover 96 vor knapp zwei Wochen.


Was Kinsombi in Hannover liegen ließ, besorgte Tesche für den VfL


Gegen denselben Gegner, gegen den der HSV vierzehn Tage zuvor einen 3:0-Vorsprung (nach 55 Minuten) tatsächlich noch aus der Hand gab, schien auch der VfL ins Stolpern zu geraten.


Ebenfalls kommod in Führung gelegen (3:1), sahen sich die Westdeutschen kurz vor Schluss mit einem unbefriedigenden 3:3-Zwischenstand konfrontiert.


Doch im Gegensatz zum HSV (der in Hannover die Chance auf das 4:3 (Kinsombi) liegengelassen hatte), machten die Bochumer (natürlich durch den Ex-HSVer Robert Tesche) eben doch noch das gefeierte Siegtor in den Schlusssekunden der Nachspielzeit.


Ausgerechnet ein Ex-HSVer machte es den Hamburgern vor: Tesche bejubelt seinen Siegtreffer gegen Hannover

Ab diesem Tag stand der VfL für mich als erster Aufsteiger fest. Daran hat sich auch nach seiner 1:3-Niederlage in Darmstadt am vergangenen Montag nichts geändert.


Auch das Kleeblatt verschafft sich ein pushendes Erfolgserlebnis im Saison-Endspurt


Blieb also noch die SpVgg Greuther Fürth (wenn man als HSV-Fan noch auf den direkten Aufstieg geschielt haben sollte). Bis gestern zumindest. Da hatten die Franken den SV Sandhausen zu Gast. Also just jenes Team, bei dem der HSV heute vor einer Woche seine vielleicht schlechteste Leistung dieser Saison abgeliefert hat.


Und auch die Franken mussten zittern, lagen bis zur 77. Minute sogar überraschend in Rückstand - um die Partie in den letzten dreizehn Minuten doch noch zu drehen. Hrgotas Tor in der 86. Minute dürfte bei den Kleeblättern ähnliche Energien freigeschaufelt haben, wie Tesches Treffer gegen die 96er.


Nach Hrgotas Tor gegen den SVS brachen bei den Kleeblättern alle Dämme

Die anderen Teams machen es also dem HSV vor, wie man Spiele gegen das Mittel- und Hinterfeld der Liga gewinnt. Und wie man aufsteigt leider auch. Dass man trotz der seit Wochen anhaltenden Talfahrt in dieser Saison noch Dritter werden kann, ist dabei natürlich auch kein Trost.


Man hat es nicht mehr in der eigenen Hand


Erstens, weil man auch dieses Minimalziel nicht mehr aus eigener Kraft erreichen kann (Kiel muss aus seinen beiden Nachholspielen lediglich zwei Punkte holen, um am HSV vorbeizuziehen). Und zweitens, weil als möglicher Gegner dann der schlimmste aller vorstellbaren Gegner warten könnte: der SV Werder Bremen.


Und für Spiele solchen Kalibers ist der HSV, Stand Ende April 2021, schlicht und einfach noch nicht stabil genug.