Wohl kaum eine Berufsgruppe innerhalb des Mikrokosmos Profi-Fußball ist in den letzten Jahren so sehr in Verruf geraten, wie die Branche der Spielerberater. In einem beruflichen Umfeld, das sich zusehends die Maximierung von Profiten auf die Fahnen geschrieben hat, können bestimmte Auswüchse logischerweise nicht mehr ausbleiben.



Die Neuschaffung von Wettbewerben, gerne unter dem Deckmantel der Teilhabe von system-geschwächten Minderheiten verkauft, ist da nur eine von zahlreichen Manifestationen eines Denkens, das immer mehr von dem Motto des "höher, schneller, weiter" geleitet zu sein scheint - nur leider ohne den ideellen Gehalt dieses olympischen Leitgedankens.


"Höher, schneller, weiter" sollte es hierzulande ab den Sechzigerjahren - die Bundesliga war gar gerade aus der Taufe gehoben - vor allen jenen Klubs gehen, die sowieso schon im Establishment angekommen waren.


Robert Schwan wird zur grauen Eminenz bei den Bayern


So wurde beim FC Bayern München bereits um die Mitte der Sechzigerjahre der Posten eines Technischen Direktors geschaffen. Das gab es bei den nationalen Konkurrenten der Münchener zu dieser Zeit noch nicht.


Bis dahin kümmerte sich meistens ein etwas sperrig "Spielausschussvorsitzender" genannter Altverdienter des jeweiligen Klubs um die Belange der Mannschaft, die Organisation von Reisen und Trainingslagern, ja sogar um die Kaderzusammenstellung.


Häufig war der Spielausschussvorsitzende in die Planungen des Klubs sogar stärker einbezogen als der jeweilige Trainer.


Bayern München ging mit der Schaffung des Technischen Direktors jedenfalls neue Wege. Der mit der damals horrenden Summe von 5000 DM monatlich dotierte Job ging an den früheren Versicherungsunternehmer Robert Schwan.


Der sollte wenige Jahre später allerdings auch Berater des damaligen Bayern-Spielers Franz Beckenbauer, der sich zu jener Zeit anschickte, zum besten Verteidiger der Welt zu werden. Ein Interessenkonflikt war zum Zeitpunkt der Bestellung Schwans also - zumindest langfristig - schon vorgezeichnet.


Ende der Siebzigerjahre wurde dieser dann offensichtlich, als Kaiser Franz dem Trouble, der in Deutschland ob seiner Probleme mit dem Fiskus und aufgrund seiner Liaison mit der Münchner Fotografin Diana Sandman um ihn entstanden war, entfliehen wollte. Cosmos New York und die neugeschaffene Profi-Liga in den USA schienen ein lohnenswertes Ziel.


Der Kaiser im amerikanischen Exil (neben ihm Gerd Müller)

Als der Deal mit den Amerikanern perfekt war, begann für Schwan das Spießroutenlaufen, denn die aufgebrachten Bayern-Fans warfen ihm persönliche Raffgier zu Lasten des Klubs vor. Die Wege von Schwan und dem FC Bayern trennten sich für immer.


Klemmes Anfangszeit


Just zu etwa dieser Zeit erhielt ein gewisser Holger Klemme, damals Student der Psychologie, Politik und Betriebswissenschaft, einen Anruf seines Freundes Norbert Nigbur, der damals als Torwart bei Hertha BSC aktiv war.


Nigbur hatte irgendwie spitzbekommen, dass der 1. FC Köln an seiner Verpflichtung interessiert war - und wollte Klemme darum beten, den Transfer irgendwie einzufädeln. Jahrzehnte später erinnert sich Klemme gegenüber dem Magazin 11freunde:


"Der Deal ging zwar nicht über die Bühne, weil Hertha Nigbur schlussendlich einen besseren Vertrag anbot, aber allein, dass ich beim FC aufgekreuzt war und mit Weisweiler geredet hatte, verschaffte mir eine gewisse Reputation. Es sprach sich unter den Spielern rum, dass da einer war, der im Verhältnis zwischen ihnen und den Vereinen für Waffengleichheit sorgte."


Doch aus dem durchaus hehren Ziel einer Waffengleichheit zweier per se ungleicher Partner wurde in den kommenden Jahrzehnten eine Ungleichheit in die andere Richtung. Wobei auch gesagt werden muss, dass es immer wieder einzelne Akteure in diesem Geschäft waren und sind, die das Bild einer ganzen Branche in Verruf bringen.


"Meine Weste ist weiß!"


Nochmal Klemme: "Viele Menschen haben falsche Vorstellungen vom Beraterbusiness. Es gilt als schmuddelig, als halbseiden, als kriminell. Aber da muss ich Sie leider enttäuschen. Ich bin in meinem Leben nicht ein einziges Mal mit einem Koffer voller Geld durch die Welt geflogen. Deals werden nicht in Tabledancebars besprochen, sondern in Büros (...). Ich bin nie verurteilt worden, ich habe keine Vorstrafen, meine Weste ist weiß. Auch wenn der DFB jahrelang versucht hat, mich zu kriminalisieren."


An dem von Klemme entworfenen Bild hat sich angesichts der jüngsten Exzesse seiner Gilde eigentlich nur dahingehend etwas verändert, dass es mittlerweile noch schlimmer geworden ist. Bayerns Ehrenpräsident Uli Hoeneß nannte während der Vertragsverhandlungen mit Abwehrspieler David Alaba dessen Berater Pinhas Zahavi einen "geldgierigen Piranha".


Pinhas Zahavi und Uli Hoeneß werden wohl keine besten Freunde mehr

Raiolas Deals schrecken FIFA auf


Welche Wortschöpfung er für einen Mino Raiola übrig hätte, ist nicht überliefert. Der hatte im Sommer 2016 beim Transfer Paul Pogbas von Juventus Turin zu Manchester United märchenhafte 49 Millionen Euro an Honoraren kassiert.


Nicht zuletzt aufgrund derartiger Summen fühlt sich auch die FIFA mittlerweile auf den Plan gerufen. Unter Leitung seines Präsidenten Gianni Infantino hat der Weltverband vor kurzem einen Reformentwurf ("Fußballagenten-Reglement-Vertraulicher Arbeitsentwurf") vorgestellt, um den "Missbrauch, die exzessiven und spekulativen Praktiken" der Beratergilde zu bekämpfen.


Roger Wittmann, selbst seit 29 Jahren Berater und mit seiner Firma Rogon die Interessen von Spielern wie Roberto Firmino oder Julian Draxler vertretend, kann damit indes nicht viel anfangen. "Elendig" nennt er die Pläne der FIFA im Spiegel, die damit "nur von ihren eigenen Skandalen ablenken" wolle. Dies sei, so Wittmann, "Symbolpolitik."


Beratergilde kündigt Widerstand an


Mittlerweile haben sich Wittmann und andere big shots der Branche zu einem Interessenbündnis ("The Football Forum") zusammengetan. Die Gruppe hält eine von der FIFA angedachte Deckelung der Beraterhonorare für nicht vereinbar mit geltendem EU-Recht. "Wir werden dafür kämpfen", so Wittmann, "dass nicht reguliert wird, was nicht reguliert werden darf."


Und fügt drohend hinzu: "Wir lassen uns das nicht gefallen." Unterstützung erhält Wittmann von Gregor Reiter. Der auf Insolvenzrecht spezialisierte Jurist, bis Dezember als Geschäftsführer der Deutschen Fußballspieler-Vermittler-Vereinigung tätig, zweifelt die Wirksamkeit der angedachten Reformen an.


Seiner Meinung nach solle man lieber einen der Ursprünge des Übels, nämlich den immer unkontrollierter werdenden Menschenhandel im Fußball und die Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen bekämpfen.


Einen persönlich ganz anderen Weg sind zuletzt die Star-Spieler Kevin de Bruyne und Joshua Kimmich gegangen. Beide haben sich von ihren Beratern getrennt - und vertreten ihre Interessen gegenüber den Klubs nun höchstselbst. Doch als allgemeine Trendwende im Verhältnis Spieler/Klubs ist dies wohl eher nicht zu werten.